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Russisches „Oreschnik“-Raketensystem während eines Trainings in Belarus

© dpa/-

„Kriegsverbrechen“ mit MIRV-Rakete: Putins Oreschnik explodiert nahe der Grenze zu EU und Nato

Dicht vor der EU und Nato gibt es schwere Einschläge in der Ukraine. Russland räumt ein, die Mittelstreckenrakete „Oreschnik“ für den Beschuss eingesetzt zu haben. Der ukrainische Geheimdienst spricht von einem Kriegsverbrechen.

Stand:

Nach Angaben aus Moskau hat Russland bei einem Angriff auf die Westukraine die gefürchtete neue Mittelstreckenrakete „Oreschnik“ eingesetzt. Das teilte das russische Verteidigungsministerium mit. „Die russischen Streitkräfte haben einen massiven Schlag mit boden- und seebasierten Hochpräzisionswaffen großer Reichweite gegen kritische Objekte auf dem Gebiet der Ukraine geführt, darunter auch mit dem Mittelstreckenkomplex Oreschnik und Drohnen“, heißt es in einer Mitteilung.

Moskaus Angabe einer Oreschik-Attacke stimmt offenbar. Die Waffe wurde wahrscheinlich vom russischen Raketentestgelände Kapustin Jar aus abgeschossen, das als Lagerungsort der Oreschniks gilt. Die ukrainische Luftwaffe warnte vergangene Nacht vor einem Angriff mit ballistischen Raketen von dort aus. Das US-Institut für Kriegsstudien (ISW) berichtete anschließend von einem Angriff auf die Oblast Lwiw. Sie liegt ganz im Westen der Ukraine und grenzt an Nato- und EU-Mitglied Polen.

Lokale Behörden in Lwiw meldeten dann laut ISW Explosionen. Ein Video soll den Angriff zeigen:

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MIRV-Rakete

Auf dem Video sind mehrere Einschläge erkennbar. Diese passen zu den Sprengköpfen einer Oreschnik. In großer Höhe trennt sich ein sogenannter Mehrfach-Wiedereintrittskörper (MIRV) mit dem Sprengstoff von der Rakete, anschließend fliegen die Sprengköpfe separiert auf ihre Ziele.

Nach ukrainischen Angaben wurde eine Werkstatt in Lwiw getroffen. Die Rakete sei aber vermutlich mit Sprengkopf-Attrappen oder sogenannter inerter Munition bestückt gewesen, sagt ein ranghoher Vertreter der Ukraine. Einschläge in der Betonstruktur der Werkstatt seien von kleiner Submunition verursacht worden. Die Strahlenbelastung sei normal.

Ukrainischer Außenminister will UN-Meeting einberufen

Die Staats- und Regierungschefs aus Großbritannien, Frankreich und Deutschland verurteilten die Attacke. Der ukrainische Inlandsgeheimdienst SBD sieht in ihr ein Kriegsverbrechen. Russland habe inmitten sich stark verschlechternder Wetterbedingungen versucht, kritische Infrastruktur in der Nähe der Europäischen Union zu zerstören.

Der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha teilte mit: „Ein solcher Angriff nahe der Grenze zur EU und zur Nato stellt eine ernsthafte Bedrohung für die Sicherheit auf dem europäischen Kontinent dar und ist eine Bewährungsprobe für die transatlantische Gemeinschaft. Wir fordern entschiedene Reaktionen auf das rücksichtslose Vorgehen Russlands“, schrieb Sybiha auf X. Er kündigte unter anderem eine Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrats an.

Selenskyj fordert „klare internationale Reaktion“

Der ukrainische Präsident hat nach neuen massiven russischen Angriffen auf sein Land eine „klare“ internationale Reaktion verlangt. Wolodymyr Selenskyj bezog sich neben der Oreschnik-Attacke auch auf einen Luftschlag gegen Wohnhäuser in Kiew mit mindestens vier Toten. „Es bedarf einer klaren Reaktion der Weltgemeinschaft“, erklärte Selenskyj am Freitag im Onlinedienst X. Dies gelte vorrangig für eine Reaktion seitens der USA, „deren Signalen Russland wirklich Beachtung schenkt“, fügte er hinzu.

Rache für einen wahrscheinlich erlogenen Angriff

Nach Angaben des russischen Verteidigungsministeriums ist der Einsatz eine „Antwort“ auf die angebliche Attacke auf die Residenz von Kremlchef Wladimir Putin im nordrussischen Waldai kurz vor dem Jahreswechsel. Der Kreml hatte damals von einem versuchten Terroranschlag gesprochen, auch US-Präsident Donald Trump hatte – von Putin per Telefon informiert – einen solchen Schlag kritisiert. Die Ukraine ihrerseits hat dementiert, dass sie überhaupt einen Angriff auf die Residenz lanciert hat. Experten bezweifeln die Glaubwürdigkeit der von Russland vorgelegten Informationen. Selbst Trump sagte später, er glaube doch nicht an einen solchen Angriff.

Moskau hat auch in der Vergangenheit stets das Recht für sich in Anspruch genommen, resonante Angriffe gegen eigene Objekte mit schweren Attacken auf die Ukraine zu beantworten.

Zweite Attacke mit Oreschnik

So ist der Oreschnik-Angriff auf die Westukraine bereits der zweite Einsatz einer Rakete dieses Typs auf die Ukraine. Der erste erfolgte im November 2024 auf die Großstadt Dnipro im Südosten des Landes. Damals war die Oreschnik nicht mit Gefechtssprengköpfen bestückt, sie befand sich noch in der Testphase. Putin begründete den Einsatz als Vergeltung für die Nutzung weitreichender westlicher Raketen durch Kiew gegen Militärobjekte im russischen Hinterland.

Russland: Drohnenproduktionen und Energieanlagen getroffen

Das russische Militär bezeichnete den jüngsten Angriff als erfolgreich. „Es wurden Objekte zur Produktion von Drohnen getroffen, die bei der terroristischen Attacke (auf die Präsidentenresidenz) eingesetzt wurden, und Energieinfrastruktur, die die Arbeit des Rüstungskomplexes der Ukraine ermöglicht“, heißt es.

Moskau werde auch künftig auf Terrorangriffe antworten, drohte das Militär weitere mögliche Schläge mit Oreschnik an.

Russland beschießt dabei seit Kriegsbeginn systematisch Anlagen der Energieversorgung des Nachbarlands. Die Infrastruktur der Ukraine ist inzwischen so geschwächt, dass die Bevölkerung oft viele Stunden am Tag in Dunkelheit und Kälte ausharren muss. Die Situation wird durch den aktuellen Temperatursturz in vielen Regionen der Ukraine noch verschärft.

In den Gesprächen über einen Frieden oder Waffenstillstand in der Ukraine rückt Moskau bisher nicht von seinen Maximalforderungen ab. Die Ukraine, ihre europäischen Unterstützer sowie die USA haben sich in der Frage der Sicherheitsgarantien angenähert. Daraufhin erklärte das russische Außenministerium, ausländische Truppen in der Ukraine als legitime Ziele für das eigene Militär zu betrachten. (dpa/AFP/Reuters/Tsp)

Korrektur: Die Oreschnik wurde im Text an einer Stelle falsch kategorisiert, der Fehler wurde behoben.

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