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Donald Trump.

© Getty Images via AFP/ALEX WONG

Grönland im Visier: Europa kann bei Trump mit Realpolitik mehr erreichen als mit Empörung

Trump glaubt, dass die USA Grönland aus strategischen Gründen annektieren müssen. Die Europäer müssen ihn davon überzeugen, dass sich die Sicherheit der Insel auch anders gewährleisten lässt.

Malte Lehming
Ein Kommentar von Malte Lehming

Stand:

Realpolitik ist in Verruf geraten. Sie gilt als amoralisch, prinzipienlos, feige. Klare Kante zeigen, heißt das Gebot.

Aktuell bezieht sich das auf Europas Haltung gegenüber Donald Trump, dem US-Präsidenten. Dessen völkerrechtswidriger Angriff auf Venezuela wird als Warnung verstanden. Annektiert Trump als Nächstes Grönland? Dieses Szenario bringt das Blut vieler Europäer in Wallung. Aber was können sie tun?

Grönland gehört zu Europa und zur Nato

„Politik beginnt mit der Betrachtung der Wirklichkeit.“ Dieser Satz stammt vom Sozialdemokraten Kurt Schumacher. Nicht auf Wunschdenken sollten politische Entscheidungen beruhen, heißt das, sondern auf einer nüchternen Einschätzung der Gegebenheiten.

Grönland ist ein autonomer Teil des Königreichs Dänemark. Dadurch gehört die Insel mit ihren 56.000 Bewohnern zu Europa und zur Nato. Die Amerikaner sind dort seit langer Zeit mit einer eigenen Basis militärisch präsent. Trump aber reicht das nicht. Eine Annexion Grönlands sei aus geostrategischen Gründen notwendig, meint er.

„Wir brauchen es unbedingt, wir brauchen es für die Verteidigung“, sagte er jetzt erneut an Bord der „Air Force One“. Russische und chinesische Schiffe würden die Insel umzingeln. Die Gefahren, die davon ausgingen, könne Dänemark alleine nicht abwehren. Für Trump steht Grönland im Zentrum des Kampfes der drei Supermächte USA, Russland und China um die Arktis.

Der Kampf um die Arktis ist real. Die Europäer täten deshalb gut daran, sich dieser Wahrnehmung der Interessengegensätze nicht zu versperren. Natürlich wäre ein Ausbau der amerikanischen Militärpräsenz auf Grönland mit dem Ziel einer wie auch immer gearteten Machtübernahme ein Akt der Aggression. Die Folgen für das westliche Sicherheitsgefüge wären verheerend.

Europa sollte keinen Zwergenaufstand proben

„Alles fällt in sich zusammen, wenn ein Nato-Land ein anderes angreift“, warnt Dänemarks Ministerpräsidentin Mette Frederiksen. Dann sei es endgültig vorbei mit dem „Westen“, jener transatlantischen Wertegemeinschaft, die mit ihrer Freiheitsverheißung auch entscheidend zum Ende des Sowjetkommunismus beigetragen hatte.

Ein Zwergenaufstand Europas indes gegen die Trump-Regierung wäre kontraproduktiv. Ob es um die Zukunft des Gazastreifens oder die Bemühungen um einen Waffenstillstand in der Ukraine geht: Ein vorgezogenes Zerwürfnis aus Angst vor einem späteren Zerwürfnis würde die internationale Diplomatie zum Erliegen bringen.

Europas Politiker müssen gegenüber Trump das Völkerrecht verteidigen und auf die Gefahren einer globalen Weltunordnung hinweisen. Das schulden sie sich selbst und ihrer Bevölkerung. Ergänzend sollten sie allerdings den geostrategischen Dialog mit der US-Regierung über die Sicherheit der Arktis führen.

Dänemark hat bereits angekündigt, knapp zwei Milliarden Euro in die Sicherheit Grönlands zu investieren. Solche Initiativen gegenüber Trump zu betonen, dürfte sinnvoller sein, als etwa mit der Schließung amerikanischer Militärbasen in Europa zu drohen.

Der Kampf um die Arktis lässt sich gewinnen, ohne dass die USA dafür Grönland annektieren müssen: Davon muss Trump überzeugt werden.

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