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Venezolaner in New York: „Ich bin kein Fan von Trumps Politik – aber ich bin dankbar für diesen Schritt“
Vor dem Gefängnis in Brooklyn protestieren US-Aktivisten gegen Maduros Festnahme. Viele Venezolaner in New York verstehen das nicht – zwei sprechen über ihre Erfahrungen im Exil.
Stand:
Esteban Chacín steht vor einer Absperrung am Metropolitan Detention Center (MDC) in Brooklyn und schüttelt den Kopf. „Kein einziger Venezolaner ist unter ihnen“, sagt er und zeigt auf Dutzende Demonstrierende mit gelben und weißen Schildern. Darauf stehen Slogans wie „Stoppt die Bombardierung Venezuelas“ und „Kein Blut für Öl“.
Die Menge protestiert gegen das Vorgehen der USA in Venezuela und die Festnahme von Nicolás Maduro, der in dem Gebäude hinter ihnen gemeinsam mit seiner Frau in Untersuchungshaft sitzt. Einige der Protestierenden werten die Festnahme als Verstoß gegen internationales Recht und warnen vor einer möglichen US-Intervention. Chacín kann das nicht verstehen, er ärgert sich über sie. „Versucht doch mal, einen Venezolaner oder jemanden zu fragen, der dort gelebt hat, was er davon hält“, sagt er.
Menschen aus Venezuela sind laut Migration Policy Institute die am schnellsten wachsende Einwanderungsgruppe in den USA. Unter Ex-Präsident Joe Biden erhielten viele von ihnen einen temporären Schutzstatus, der ihnen auch eine Arbeitserlaubnis ermöglichte.

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Teile dieser Regelung liefen unter Präsident Donald Trump wieder aus – obwohl sich die politische Lage im Land kaum verbessert hatte. Schätzungsweise mehr als eine Million Venezolaner leben heute in den Vereinigten Staaten, Zehntausende davon in New York. Sie haben gemischte Gefühle über die Ereignisse vom vergangenen Wochenende.
Als Chacín vor zehn Jahren Venezuela verließ, seien Stromausfälle von bis zu 24 Stunden am Stück Alltag gewesen – mit dramatischen Folgen für Familien, Kinder und vor allem Kranke, etwa Menschen in Chemotherapie. Unter Präsident Maduro sei das Land von Protesten und Unruhen geprägt gewesen, sagt er. „Ich habe nicht frei berichten, frei kommunizieren, nicht fotografieren können“, sagt der 29-Jährige. Deswegen sei er auch gegangen. Heute arbeitet er als Fotograf in Brooklyn und dokumentiert nun die Proteste vor dem Gefängnis.
Dass Menschen in den USA frei protestieren und filmen können, sei „ein Privileg“, sagt er. Wer aus dieser Position heraus „Free Maduro“ rufe, verkenne die Realität: „Wie soll man reagieren, wenn jemand tanzt, während im eigenen Land Menschen sterben oder Familien vertrieben wurden?“ In den vergangenen Monaten hatte der venezolanische Machthaber mehrfach bei öffentlichen Auftritten getanzt – oft zu Remixen seiner eigenen Parolen wie „No War, Yes Peace“ („Kein Krieg, ja zum Frieden“).
Chacín betont, es gehe ihm nicht um politische Lager: „Ich bin nicht super rechts und nicht super links. Es geht nicht um Ideologie“, sagt er. „Es geht um Menschlichkeit.“ So kritisiert er auch die US-Migrationspolitik. „Ich bin Migrant, mich betrifft das auch“, sagt er. „Aber mich betrifft auch, was in meiner Heimat vorgefallen ist.“
Die Venezolaner hätten nicht einfach nichts getan. „Wir haben es mit Demonstrieren versucht – 2002, 2005, 2014, 2017, 2019, 2021, 2023, 2024“, sagt er –, doch ohne Erfolg. Besonders groß waren die Protestwellen gegen Venezuelas Regierung 2014, 2017, 2019 und erneut nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl 2024. Frühere Proteste richteten sich noch gegen Maduros Vorgänger Hugo Chávez.

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„Ich bin 29 Jahre alt, und 28 Jahre meines Lebens kontrolliert die gleiche politische Macht das Land. Wie soll man das Demokratie nennen?“ Meinungsfreiheit, sagt Chacín, sei keine Selbstverständlichkeit: „Hier in den USA kannst du Schilder drucken und dich öffentlich äußern. In Venezuela wirst du dafür ins Gefängnis gesteckt.“
Nach so vielen Jahren der Enttäuschung fragt man sich: Passiert das wirklich? Ist das gerade echt?
Ricky Roma, Sänger aus Venezuela, der in New York im Exil lebt
Szenenwechsel. In Lulla’s, einer venezolanischen Bäckerei und einem Restaurant im hippen Brooklyn, steht der venezolanische Sänger Ricky Roma mit seiner Gitarre in einer Ecke und performt spanische Lieder. „Venezuela ist frei“, ruft er in den Raum. Die anwesenden Gäste applaudieren.
Am Samstag gab es in dem Restaurant eine große Party, erzählt Roma. Heute ist es ruhiger. „Wir verarbeiten das immer noch. Nach so vielen Jahren der Enttäuschung fragt man sich: Passiert das wirklich? Ist das gerade echt?“

© Helena Wittlich
Für ihn ist Maduros Festnahme vor allem eines: ein Wendepunkt. Venezuela sei „noch nicht frei“, sagt Roma. Der Abgang des Staatschefs sei „ein sehr wichtiger Schritt auf dem Weg zur Freiheit“. Entsprechend groß sei die Erleichterung – auch in seiner Familie. „Ich glaube, ich kann für den Großteil der Bevölkerung sprechen: Die Leute sind glücklich, dass das jetzt passiert.“
Die Nacht der Festnahme habe er schlaflos verbracht. Seine Mutter lebt in Caracas, zeitweise war sie nicht erreichbar. „Du willst einfach wissen, dass alle in Sicherheit sind.“ Erst am nächsten Tag meldete sie sich wieder. Sie hatte nichts mitbekommen, die amerikanische Militärintervention einfach verschlafen.
Es ist das Licht am Ende des Tunnels – jetzt können wir das Land Schritt für Schritt wieder aufbauen.
Ricky Roma
Seit Jahren erklärt Roma Freunden im Ausland, wie sehr sich Venezuela verändert hat. Ein Land, das einst reich war, sei wirtschaftlich zerfallen. Familien seien auseinandergerissen worden, Millionen hätten das Land verlassen. „Man sieht Menschen in extremer Armut, man sieht Menschen, die Tag für Tag bei Protesten sterben – und dazu kommt diese Ohnmacht, nichts machen zu können.“ Noch immer falle es ihm schwer zu glauben, dass sich daran nun tatsächlich etwas ändern könnte.
Er selbst lebt seit fünf Jahren in den USA, nachdem er zunächst in die Dominikanische Republik ausgereist war. Die venezolanische Diaspora sei heute weltweit verstreut – vor allem die jüngere Generation. „Es ist traurig“, sagt er, „aber gleichzeitig weiß ich: Wenn ich irgendwohin reise, habe ich fast überall jemanden.“
Ambivalent ist sein Blick auf die Rolle der USA. Mit der Politik von Donald Trump habe er sich nie identifizieren können, insbesondere mit dem harten Kurs gegen Migranten. „Ich bin kein Fan von Trumps Politik“, sagt er. Gleichzeitig sei er dankbar für den Schritt, der nun gegangen worden sei. Es sei legitim, darüber zu diskutieren, ob die venezolanische Souveränität verletzt werde – doch diese sei längst ausgehöhlt gewesen. Wahlen seien manipuliert worden, ausländische Mächte wie Russland, Kuba oder China hätten seit Jahren Einfluss genommen.
Dass auch wirtschaftliche Interessen eine Rolle spielen, bestreitet er nicht. „Venezuela verfügt über eine der größten Ölreserven der Welt. Aber auch die wurden bereits geplündert.“ Entscheidend sei etwas anderes: „Es ist das Licht am Ende des Tunnels – jetzt können wir das Land Schritt für Schritt wieder aufbauen.“
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