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Kunstbesucher tummeln sich auf dem Friederichsplatz, im Hintergrund das RuRuhaus, eine Art Zentrale der documenta fifteen.
© Uwe Zucchi/dpa

Antisemitismus auf der Documenta: Alle suchen das Weite

Mit wem soll man noch diskutieren? Niemand zeichnet für den Documenta-Skandal verantwortlich. Aber es wird Zeit, dass man in Kassel aus der Paralyse erwacht. Ein Kommentar.

Ein Kommentar von Birgit Rieger

Man schaut im Moment fassungslos zu, wie die Documenta-Verantwortlichen, oder besser Verantwortungslosen, die Weltkunstschau in Kassel komplett auf Grund laufen lassen. Je länger das Nichtstun der Documenta-Leitung um Direktorin Sabine Schormann dauert, desto unmöglicher wird die Situation für die 1500 beteiligten Künstler, die in Kassel wie im Schwebezustand verharren.

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Wegen des auf dem Friedrichsplatz ausgestellten Werks mit antisemitischen Darstellungen war die Großausstellung in dieser Woche sogar Gegenstand im Bundestag. Die Union wollte eine unabhängige Untersuchungskommission einsetzen. Der Antrag wurde ebenso abgelehnt wie die Forderung der AfD, die Forschungsdisziplin Postkolonialismus insgesamt stillzuschalten und nicht weiter öffentlich zu fördern.

Jetzt liegt der Ball also wieder bei Kulturstaatsministerin Claudia Roth. Mit einem Fünf-Punkte-Plan und mehr Kontrolle durch den Bund will Roth dafür sorgen, dass die nächste Documenta nicht mehr derart gegen die Wand fahren kann.

Die Documenta Fifteen hingegen ist, wie es aussieht, kaum noch zu retten. Wo sollen sie herkommen, die Experten, die Vermittler, die Bildungsleute, die den schwierigen Dialog um Judenfeindlichkeit und Israelkritik jetzt führen sollen, wenn niemand sie holt? Wer soll mit den Besucher:innen diskutieren, wie der Exekutiv-Vizepräsident des Internationalen Auschwitz-Komitees, Christoph Heubner, es am Samstag fordert?

Selbst Hoffnungsträger wie der Frankfurter Philosoph Meron Mendel, der sich bereit erklärt hatte, weitere kritische Kunstwerke der Documenta zu begutachten, suchen das Weite.

Meron Mendel hält das Verhalten der Documenta für neokolonial

Mendel hat inzwischen in mehreren Interviews seinen Rücktritt begründet, der Prozess kam schlicht nicht in Gang, er habe den Eindruck, die Aufarbeitung werde von Schormann aufgeschoben. Der Kontakt zur Kuratorengruppe Ruangrupa etwa kam nur zustande, weil Mendel ihn auf privaten Wegen herstellte. Mendel sagte der Berliner Zeitung, er halte die Documenta- Leitung für „neokolonial“. Er vermutet, dass man Ruangrupa nicht zu Wort kommen lassen will. Nachdem er hingeworfen hatte, folgte kurz darauf Hito Steyerl.

Die S/M-Rauminstallation des queeren Kollektivs Party Office im WH 22. Die Gruppe veranstaltet auf der Documenta Clubabende
Die S/M-Rauminstallation des queeren Kollektivs Party Office im WH 22. Die Gruppe veranstaltet auf der Documenta Clubabende
© dpa

Die 56-jährige Medienkünstlerin ist einer der wenigen Stars der Documenta Fifteen. Ihre Filminstallation im Naturkundemuseum Ottoneum in Kassel ist neben den aktivistischen Beiträgen, den Parties und Workshops der Künstlerkollektive am ehesten das, was sich der westliche Besucher unter einem Weltkunstausstellungsbeitrag vorstellt.

Steyerls Werk wurde nicht aus dem Budget der Lumbung-Member, wie Ruangrupa die beteiligten Kollektive nennt, bezahlt, sondern vom Museum für moderne und zeitgenössische Kunst, Korea (MMCA); präsentiert wird sie mit freundlicher Genehmigung von Steyerls Galerien. Die Art von Ökonomie, für die Ruangrupa im Rahmen dieser Documenta Alternativen sucht und die vielen der beteiligten Künstlerinnen und Gruppen auch gar nicht möglich ist.

In einer Email forderte Steyerl, ihr Werk abzubauen, auch sie hat das Vertrauen in die Leitung verloren, glaubt nach Mendels Absage nicht mehr an eine differenzierte Aufarbeitung des Antisemitismus-Themas. Das hat eine hohe Signalwirkung. Wer weiterhin dabei ist, trägt den Makel Antisemitismus irgendwie mit. Seit Freitagabend sind Steyerls Videoinstallationen im Ottoneum tatsächlich weg, sie wurden demontiert.

Die Arbeiten von Hito Steyerl wurden auf Wunsch der Medienkünstlerin am Freitag wieder entfernt.
Die Arbeiten von Hito Steyerl wurden auf Wunsch der Medienkünstlerin am Freitag wieder entfernt.
© Rolf Vennenbernd/dpa

Die Künstlerin hatte in ihrer Email auch auf „unsichere und unterbezahlte Arbeitsbedingungen für Teile des Personals“ verwiesen, was Ruangrupa zusätzlich in Misskredit bringt, obwohl die prekären Arbeitsbedingungen vermutlich nicht erst mit ihnen im deutschen Kunstbetrieb angekommen sind.

Im Kulturausschuss des Bundestages in der vergangenen Woche sagte Ruangrupa-Mitglied Ade Darmawan aber auch, die größte Herausforderung sei es, bis zum Ende der hundert Tage die Sicherheit aller Beteiligten zu gewährleisten. Nicht nur das Kuratorenkollektiv wird bedroht.

In lokalen Medien und den sozialen Netzwerken war zu lesen, die queere, indische Gruppe Party Office habe ihr Live-Programm abgesagt, weil beteiligte Künstler:innen in Kassel von „transphobischen Männern“ angepöbelt und bedroht werden. Auch darum kümmert sich, wie die Betroffenen berichten, niemand. Einer der Angegriffenen habe Kassel bereits verlassen. Weitere werden folgen, wenn so fahrlässig nichts getan wird.

Disclaimer: In der ursprünglichen Version des Textes war der Satz enthalten: „Steyerls Werk wurde nicht aus dem Budget der Lumbung-Member, wie Ruangrupa die beteiligten Kollektive nennt, bezahlt, sondern von der Galerie der Künstlerin. Genau die Art von Ökonomie, die Ruangrupa für die Documenta umgehen will.“ Diese Passage wurde geändert. Die Produktion von Hito Steyerls Filmarbeit wurde nicht von den Galerien bezahlt, sondern vom Nationalen Museum für moderne und zeitgenössische Kunst, Korea (MMCA).

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