• Ausstellung „Ex-Embassy“: Ehemalige australische Botschaft wird Versuchsraum für Kunst

Ausstellung „Ex-Embassy“ : Ehemalige australische Botschaft wird Versuchsraum für Kunst

Die ehemalige australische Botschaft in Pankow beherbergt erstmals eine Ausstellung. „Ex-Embassy“ heißt das Projekt, bei dem Künstler auch der Geschichte des Gebäudes nachspüren.

Die Künstlerinnen und Künstler Khadija von Zinnenburg Carroll, Archie Moore und Sumugan Sivanesan auf dem Tennisplatz der ehemaligen Botschaft.
Die Künstlerinnen und Künstler Khadija von Zinnenburg Carroll, Archie Moore und Sumugan Sivanesan auf dem Tennisplatz der...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Zeit ist stehen geblieben in der Grabbeallee 34, der ehemaligen australischen Botschaft. Jedenfalls ist alles noch da. Die Mosaiken an der Wand, die an Wasserstrudel erinnern, der Schalter in der Eingangshalle mit dem Schubfach für Pässe und Ausweise, die Wandverkleidung aus Holz und die schweren Faltschiebetüren. Gleich kommt bestimmt ein Botschaftsmitarbeiter mit einem Stapel Akten um die Ecke. Aber hier arbeitet schon lange keiner mehr: Die australische Botschaft in der DDR diente nur elf Jahre lang als Vertretung in Ost-Berlin, bis die Diplomaten 1986 ihre Sachen packten und nach Warschau umzogen.

Das Gebäude in Pankow mag verlassen erscheinen, der Ort wurde jedoch zu neuem Leben erweckt. Die Künstlerin Sonja Hornung hat zehn Künstler und Autoren für die Ausstellung „Ex-Embassy“ zusammengebracht, einige von ihnen betreiben ihre Ateliers in der ehemaligen Botschaft. Hornung hat sich schon früher mit Botschaften und ihren Besonderheiten beschäftigt, denn sie stellen in ihren Augen ein Kuriosum dar – ein Stück exterritoriales Hoheitsgebiet eines anderen Landes. Hornung stammt selbst aus Australien, deshalb besitzt die Grabbeallee für sie eine besondere Faszination. Als Repräsentationsbau eines früheren Kolonialstaates in einem sozialistischen Land verkörpert die Botschaft das Spannungsfeld von Legitimation und Repräsentation auf besondere Weise.

Die jetzt ausgestellten Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler befassen sich denn auch mit Territorien und dem ihnen beigemessenen Wert, mit Identität und Erzählperspektiven. Der Bau ist mit seiner modernistischen, geometrischen Plattenstruktur ein Paradebeispiel für Siebzigerjahre-Architektur, wie sie sich auch bei den benachbarten ehemaligen polnischen und irakischen Botschaften findet. 135 diplomatische Gebäude wurden in den frühen Siebzigern in Pankow errichtet – modular, ohne nationale Symbole, entworfen von einer Architektengruppe um Horst Bauer.

Mischung aus Theaterstück und Geschichtsstunde

Dass die Ausstellung „Ex-Embassy“ am Samstag eröffnet wurde, hätte sich vor ein paar Jahren gewiss niemand träumen lassen. 2014 sollte das Gebäude abgerissen werden, was schließlich verhindert werden konnte. Dank der Keramikarbeiten von Hedwig Bollhagen an der Fassade steht die Botschaft jetzt unter Denkmalschutz. Aber der neue Besitzer plante, die Räumlichkeiten in Luxusappartements umzuwandeln. Seitdem hat sich einiges bewegt: Die Künstler stehen im Austausch mit dem jetzigen Eigentümer und sind vorsichtig optimistisch, dass ihre Ende August auslaufenden Mietverträge verlängert werden. Und dass aus der temporären Lösung vielleicht sogar eine dauerhafte wird, die Umwandlung der Botschaft in eine öffentliche Galerie.

Hinter der schmalen Terrasse befindet sich noch der Tennisplatz der Botschaft, auf dem seit 20 Jahren derselbe Trainer immer noch Tennisstunden gibt. „Manchmal wacht man morgens auf und hört ihn rufen: Jawoll! Jawoll!“, erzählt Khadija von Zinnenburg Carroll, eine der an der Schau beteiligten Künstlerinnen. Ihre Performance wird an diesem Samstag zu sehen sein, eine Mischung aus Theaterstück und Geschichtsstunde, die die Zuschauer auf eine Reise in die Vergangenheit mitnimmt.

Dunkle Kapitel der australischen Geschichte

Die an die Holzwände geworfenen Stasi-Luftbildaufnahmen des Geländes und der Auftritt der von Zinnenburg Carroll gespielten Übersetzerin erzählen auch die Geschichte der benachbarten irakischen Botschaft. Die Künstlerin zieht Parallelen zwischen der konstanten Überwachung der Staatssicherheit in der DDR und der NSA mit ihren aktuellen Überwachungsprogrammen.

Archie Moore befasst sich in seiner Arbeit hingegen mit einem dunklen Kapitel der australischen Geschichte, das bis in die Gegenwart reicht, dem Umgang des Landes mit den Aborigines. Bis heute werden sie vielfach als Bürger zweiter Klasse behandelt. Im ehemaligen Sitzungssaal der Botschaft präsentiert Moore eine große Sammlung gebundener Protokolle des australischen Parlaments. Die Wälzer enthalten Zeugnisse des Rassismus, aber auch das Referendum von 1967, mit dem die Aborigines offiziell als Bürger Australiens anerkannt wurden. Moore hat die Wörter „STILL DON’T COUNT“ in das Buch hineingeschrieben, fett, in Großbuchstaben. „Wir werden zwar seitdem im Zensus gezählt, aber wir zählen immer noch nicht“, sagt er.

„Ex-Embassy“ ist ein Experiment

Entsprechend der offiziellen Propagandalinie der DDR wurde der Umgang der australischen Regierung mit den First-Nation-Völkern scharf als neokolonialistisch kritisiert. Vor dem Hintergrund der totalen Überwachung der eigenen Bevölkerung durch die Stasi ist das eine Rhetorik, die den Besucher leicht irritiert zurücklässt – wie einiges in diesem Gebäude, in dem so viele Erzählstränge zusammenlaufen. „Das Publikum erfährt von der Komplexität dieses Ortes, die das Gebäude von außen auf den ersten Blick nicht preisgibt“, hofft Sonja Hornung.

„Ex-Embassy“ ist ein Experiment. Eine Erinnerung an die Möglichkeiten einer urbanen Brache, die noch nicht verkauft oder gentrifiziert wurde, als Raum zum Ausprobieren, für Testläufe. An diesem Samstag werden Sumugan Sivanesan, Simone van Dijken und Carl Gerber auf dem Tennisplatz eine weitere Performance aufführen: Diplomatie als Spiel mit Regeln, die sich über die Zeit verändern, genau wie im Sport. Das Ganze soll musikalisch untermalt werden. Mehr wird nicht verraten oder steht womöglich noch nicht fest. Für eben diese Versuchsatmosphäre steht die Grabbeallee 34, eine Offenheit, die im Rahmen einer etablierten Galerie vielleicht so nicht möglich wäre. Und ein anarchisches Moment an einem Ort, der die Zeit überdauert hat.

Grabbeallee 34 – 40, bis 31. August, Do – Sa, 12 – 18 Uhr. Eröffnung mit Performances und Künstlergesprächen an diesem Samstag 15 – 19 Uhr. Informationen: www.ex-embassy.com

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