Ausstellung im Ephraim-Palais : Inszenierung und Realität von Ost-Berlin

Zentrum der Staatsmacht, Schaufenster des Sozialismus und Stadt ganz alltäglichen Lebens: Eine Ausstellung im Ephraim-Palais beleuchtet den Mythos Ost-Berlin.

Auf dem Alexanderplatz nahm Barbara Metselaar Berthold 1984 dieses Bild ihrer Serie "Filetstücke" auf.
Auf dem Alexanderplatz nahm Barbara Metselaar Berthold 1984 dieses Bild ihrer Serie "Filetstücke" auf.Foto: Barbara Metselaar Berthold

Berlin, Hauptstadt der DDR, du schwarzweiße Stadt. So ist sie durch ihre Chronisten, durch die prägnanten Bilder von Harald Hauswald, Helga Paris, Roger Melis und anderen Fotografinnen ins Gedächtnis gebrannt. Und so – gleichsam veredelt durch die sachliche und zugleich atmosphärisch dichte künstlerische Fotografie – zeigt sie sich auch in der Ausstellung „Ost-Berlin – die halbe Hauptstadt“.

Berlin, Hauptstadt der DDR, einmal kurz die Augen schließen, im Geist zurückreisen und sich erinnern. Was fällt einem da als Erstes ein? Die Leere an einem Wochentag auf den Magistralen rund um den Alexanderplatz. Riesig breite Straßen und kaum Autos. In der Oranienburger Straße kann man mitten auf der Fahrbahn stehen und die Fassade der wiederaufgebauten Neuen Synagoge bewundern, ohne angehupt zu werden. Im Winter riecht der Frost brenzlig, nach Kohlenfeuerung und Industrieschloten. Die Straßenbahnen werfen sich quietschend in die Kurven.

Eine der grünen Zahlboxen, an der man für 20 Pfennig einen Fahrschein lösen konnte, hat es als eins von 1000 Objekten in die Schau des Berliner Stadtmuseums im Ephraim-Palais geschafft. Gleich daneben lässt sich als Film eine Straßenbahnfahrt vom Stadtrand ins Zentrum erleben. Und durch ein im Original 30 Meter langes, aneinandergeklebtes Fotopanorama der Greifswalder Straße nachempfinden, was die Politbüro-Elite aus den Autofenstern sah, wenn sie allmorgendlich aus ihrer Wandlitzer Siedlung nach Mitte ins Büro fuhr. Geschäfte, Handwerksbetriebe und dazwischen schmuck gestrichene Altbauten. Allerdings nur im Erdgeschoss, nur bis zur Augenhöhe der SED-Granden, darüber graut Tristesse, bröckeln Fassaden.

Ein zweitägiges Fest eröffnet die Ausstellung

Sein und Schein, offizielle Inszenierung und alltägliche Realität, das ist eine gewollte ständige Reibung in der Schau zur womöglich nun einsetzenden Ost- Berlin-Erinnerungskonjunktur. Vor fünf Jahren kanalisierte sich das in Dokumentationen und Büchern aufflammende neue Interesse an West-Berlin in einer ebenfalls im Ephraim-Palais gezeigten Ausstellung. Und die umfasste nur 650 Objekte. Jetzt sind es verteilt auf drei Etagen satte 350 mehr. Ein an diesem Freitag bei freiem Eintritt beginnendes zweitägiges Eröffnungsfest läutet die Wiederentdeckung des Ostens ein. Im Jahr 30 nach Mauerfall. Und ein unter Beteiligung von Schul- und Universitätsprojekten, aller Berliner Bezirksmuseen, des Kinos Babylon und der Volksbühne aufgelegtes Rahmenprogramm bietet umfassende Ost-Festspiele. Der begleitende Essayband „Ost-Berlin. 30 Erkundungen“ (Christoph Links Verlag, 25 €) ist ein dicker Brocken und versammelt allerlei Intelligenzija aus Ost und West, darunter Götz Aly, Daniela Dahn, Mark Reeder und Annett Gröschner.

Ausstellung über Ost-Berlin im Ephraim-Palast
Die Ausstellung "Die halbe Hauptstadt" im Ephraim-Palais zeigt Bilder aus Ost-Berlin von den späten 60er Jahren bis zur Wiedervereinigung. Hier die Weltzeituhr am Alexanderplatz, aufgenommen um 1970 von Dieter Breitenborn.Weitere Bilder anzeigen
1 von 14Foto: Landesarchiv Berlin / Dieter Breitenborn
10.05.2019 10:41Die Ausstellung "Die halbe Hauptstadt" im Ephraim-Palais zeigt Bilder aus Ost-Berlin von den späten 60er Jahren bis zur...

„Wir sind selbst überrascht vom positiven Wind, mit dem das Ost-Berlin-Projekt aufgenommen wurde“, sagt Historiker Jürgen Danyel beim Rundgang. Der stellvertretende Direktor des Zentrums für Zeithistorische Forschung Potsdam hat die Ausstellung kuratiert. Tatsächlich war das Image der östlichen Stadthälfte noch vor wenigen Jahren deutlich kontaminierter. Anders als West-Berlin, das mit seiner Selbstinszenierung als „Stadt der Freiheit“ im Bewusstsein der Geschichte bruchlos auf der richtigen politischen Seite stand.

Eine Rakete aus dem Plänterwald

Da hatte es Ost-Berlin als Machtzentrum der SED-Regimes und als Schaufenster des gescheiterten Sozialismus nach dem Mauerfall deutlich schwerer. Das im Nachhinein nicht nur von Ost-Berlinern als unsensibel empfundene Herumfuhrwerken im östlichen Stadtbild spricht auch in der Ausstellung davon. „Ich glaube nicht, dass der Palast der Republik oder das ,Ahornblatt’ auf der Fischerinsel heute noch abgerissen würden“, ist Danyel angesichts neuer Wertschätzung für andere Bauten der sozialistischen Moderne überzeugt. Und sagt – im Brustton der Überzeugung eines gebürtigen Ost-Berliners –, dass es sich keinesfalls um eine Wehmutsschau handeln soll. Sondern um den Versuch, gerade auch die durch Ostalgie-Welle und DDR- Folklore aus dem Kontext gelösten Objekte in den gesellschaftsgeschichtlichen Zusammenhang zu stellen. So wie die schicke, von der sozialistischen Fortschrittsbegeisterung der 60er Jahre kündende Rakete, die im Erdgeschoss steht. Sie stammt aus dem ehemaligen Vergnügungspark Plänterwald und wird von Fotos des jetzigen Zustandes flankiert. Oder den Alex, dessen ikonografische, noch im Aufbau befindliche Architektur mit Fotos ständiger Polizeikontrollen und heimlich aufgenommener Überwachungs-Filme kombiniert ist.

Ein Skateboard namens "Germina" von 1987

Betritt man das Ephraim-Palais, steht man schon mittendrin. Auf dem Stadtplan von Ost-Berlin, der den Boden bedeckt, schmiegt sich links ein großer weißer Fleck an – beschriftet mit „Westberlin“. Zwar dürfen Normalbürger nicht nach drüben, aber trotzdem ist – ebenso wie in West-Berlin – der unsichtbare Nachbar als zu schlagender Konkurrent im Wettstreit der politischen Systeme immer präsent. Davon erzählen die im Vergleich zur sonstigen DDR bevorzugte Versorgung Ost-Berlins mit Konsumgütern im Kapitel „Schaufenster“, die schließlich sogar Jeans produzierende Textilindustrie im Raum „Moden“ und auch das Skateboard „Germina“. Das Holzbrett mit Rollen aus dem Jahr 1987 sollte zur 750–Jahr-Feier dem Jugendkultur-feindlichen Image der DDR aufhelfen und lässige Weltläufigkeit demonstrieren.

Das Außenschwimmbecken des Sport- und Erholungszentrums (SEZ) in Friedrichshain um 1983.
Das Außenschwimmbecken des Sport- und Erholungszentrums (SEZ) in Friedrichshain um 1983.Foto: Bundesarchiv, Inv.–Nr. 5M 2018-01024,10

Ein repräsentativer Anspruch, der angesichts der ebenfalls im Kapitel „Selbstinszenierung“ gezeigten Farbfotoserie über die große Jubiläums-Parade sofort verraucht, so seltsam sieht die Ansammlung von langen Kerls, Friedrichstadtpalast-Tänzerinnen, kommunistischen KZ-Überlebenden, Rote-Armee-Soldaten und Werktätigen aller Gewerke aus. Was die ersehnte Weltgeltung und die tatsächliche provinzielle Piefigkeit angeht, war der Osten dem Westen der Stadt allerdings nur unweit voraus.

Regierungsgebäude und Grenzanlagen sind kaum zu sehen

Zumindest in der im Ephraim-Palais verhandelten Zeitspanne ab 1968, als der Hauptstadt-Status in der DDR-Verfassung verankert wurde. Wobei der auf die Alltagskultur, das Leben der Menschen ausgerichtete Schwerpunkt nicht in eine Stadtchronologie gepresst, sondern in Kapitel wie Wohnen, Arbeiten oder Kulturen unterteilt wird. Hier finden mit Fotos von Punkern, dem alternativen Hirschhof und Zeichnungen der Künstlerszene im Prenzlauer Berg auch die Subkulturen ihren Platz, die der Stadt neben traditionellen Arbeitermilieus und der bürgerlichen Mittelschicht ihr Gesicht gaben.

Regierungsgebäude und Grenzanlagen treten in „Ost-Berlin – die halbe Hauptstadt“ dagegen deutlich zurück. Die Machteliten und den Partei- und Staatsapparat der DDR habe man in den vergangenen Jahrzehnten gründlich erforscht und anderswo vielfach dargestellt, verteidigt Jürgen Danyel das viele Lebenswelten anreißende Konzept.

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Und in der Tat ist dem ambivalenten Bild der in der DDR-Spätphase immer mehr Freiräume zulassenden, aber trotzdem politisch kontrollierten Stadthälfte nirgends zu entkommen. Nicht beim kunterbunten 70er-Jahre-Design, das von der Allgegenwart der Propaganda- Banner konterkariert wird. Und auch nicht am Ausstellungsort selbst. Das Ephraim-Palais wurde – genau wie das auf historisch getrimmte Nicolai-Viertel – im Zuge kalkulierter Rückbesinnung auf die zuvor verfemte preußische Historie zur 750-Jahr-Feier wieder aufgebaut. In Konkurrenz zum Westen – und mit Fassadenplatten aus dem Westen. Berlin, Hauptstadt der DDR, ist für viele Widersprüche gut.
Ephraim-Palais, bis 9. November, Di, Do-So 10-18 Uhr, Mi 12-20 Uhr, Eröffnungsfestival mit Gesprächen, Filmen, Musik: Am 10.5., 13 Uhr und 11.5., ab 10 Uhr

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