„Bait“ im Kino : Klassenkampf im britischen Fischerdorf

Das Fischerdrama „Bait“ erzählt vom Strukturwandel im England der Gegenwart. Seemänner in Gummistiefeln treffen auf versnobte Wohlstandstouristen.

Esther Buss
Immer wieder werden Details aus dem Alltag am Meer gezeigt.
Immer wieder werden Details aus dem Alltag am Meer gezeigt.Foto: Early Day Films Limited

Im „Skipper’s Cottage“ läuft Radio, eine Sendung über den Brexit. Die weisen Prophezeiungen der Sprecherin – schwierige Verhandlungen und unschöne Kompromisse – treffen auch auf die Gemeinschaft des Fischerdorfs in Cornwall zu, das in „Bait“ von den ersten, grimmigen Bildern an zur Klassenkampfarena erklärt wird.

Zu den unschönen Kompromissen gehört zum Beispiel, dass die „Buccaneer“, das Fischerboot der Brüder Steven und Martin Ward, nun als Ausflugsboot unterwegs ist. Mit dem Bruder, der allabendlich die leeren Bierdosen der Party-Touristen einsammelt, liegt er seitdem im Clinch. Als Fischer ohne Boot muss er seine Netze und Körbe nun am Strand auslegen. Viel kommt nicht dabei rum.

Auch das Haus haben die Brüder an eine reiche Londoner Familie verkauft. Jetzt strahlt das „Skipper’s Cottage“ im „modernisierten“ Glanz. Mutters Speisekammer wurde durch ein Bullauge ersetzt. Bojen, Seile und Haken verbreiten maritimes Flair. Martin findet, es sehe aus wie ein „Sexverlies“.

Die abstrakte Rede vom „Strukturwandel“ findet in „Bait“ zu konkreten Bildern einer unversöhnlichen Konfrontation: Fischer knüpfen dicke Knoten, während dünkelhafte Wohlstandstouristen Feinperliges im Kühlschrank verstauen. Immer wieder kontrastiert der Filmemacher Mark Jenkin die Handgriffe und Instrumente der Fischer – Netze, Haken, Taue, Gummistiefel, Fischer-Latzhosen – mit den konsumistischen Tätigkeiten der Wochenendler: gekühlten Weißwein trinken, Billard spielen, in der Bucht schnorcheln. Auch Taschen werden wiederholt ins Haus gebracht, abgestellt und ausgepackt. Die schicken Lebensmittel bringen sie aus der Stadt mit. So bringt man keine lokale Industrie zum Laufen.

„Bait“ hat seine klassenkämpferischen Wurzeln im britischen Sozialrealismus, es gibt aber auch lose Bezüge zum Genrekino: Die direkte Konfrontation erinnert an den Western, die Isolierung und Aufladung von Details ans Horrorkino. Das Herz des Films schlägt jedoch ganz für den Experimentalfilm. Die an Eisenstein geschulte Montage ist extrem auf Krawall gebürstet. Jenkin zerlegt Handlungsabläufe in ihre Einzelteile, schneidet abrupt zwischen parallelen Dialogen und Aktionen, montiert blitzartige Rück- und Vorausblenden. Die mit einer 16mm-Kamera gefilmten grobkörnigen Schwarz-Weiß-Bilder flackern wie ein loderndes Feuer. Dazu sind die düsteren, gedehnten Klänge eines Harmoniums zu hören.

Duell um Duell

Der Film treibt die beiden Lager, zwischen denen es durchaus auch entspanntere, gar amouröse Verbindungen gibt, aufeinander zu wie zwei Züge, die unweigerlich kollidieren. Es gibt Streit um den Parkplatz an der Mole, ein Hipster flippt aus wegen Maschinenlärm am Morgen, Martin findet seinen Fangkorb zerschnitten vor, im Pub streiten sich ein paar Schnösel mit einer Barmitarbeiterin um den Billardtisch.

Auch die Einheimischen sind in „Tourismuskomplizen“ und Gegner gespalten. Die Aneinanderreihung von Duellen hat etwas Grelles, sie erzeugt aber auch einen produktiven Überschuss. Jenkin sucht nicht die Analyse, sondern den puren Ausdruck: Wut, Ressentiment, Unverständnis. Auch die Gentrifizierungsdebatten der Städte hallen im Affektgewitter wider.

[OmU: Wolf Kino]

Der Film wurde stumm gedreht

So roh „Bait“ auch anmutet: Die authentizistische Anmutung, mit der das kitchen sink drama üblicherweise seine Glaubwürdigkeit behauptet, weicht hier einem entschiedenen Anti-Naturalismus. Der Film wurde stumm gedreht, Dialoge und Geräusche kamen erst in der Nachbearbeitung hinzu, umso plastischer stehen sie jetzt im Raum.

Jenkin, der seit vielen Jahren in Cornwall lebt, schrieb auch das Drehbuch, fungierte als Kameramann, Editor und Komponist. In seinen von Hand entwickelten Schwarz-Weiß-Bildern findet der beklagte Traditionsverlust seine Antwort: Film- und Fischereihandwerk als Komplizenschaft.

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