Berlin Art Week : Von Robotern und Influencern

Böse und brüllend komisch: Bjørn Melhus macht sich in seinen Videos über die Selbstbezogenheit der Szene lustig. Zur Art Week ist er an drei Orten zu sehen.

Der empathische Roboter. Bjørn Melhus’ „Sugar“ versucht der Menschheit zu helfen. Vergeblich.
Der empathische Roboter. Bjørn Melhus’ „Sugar“ versucht der Menschheit zu helfen. Vergeblich.Foto: Ralf Henning, VG Bildkunst, Bonn 2019

Can you see my art?“ quäkt die Figur vor quietschbuntem Hintergrund mit Spiralmustern. In ihrem merkwürdigen Anzug hüpft sie wie ein Zwerg aus dem Film „Der Zauberer von Oz“ hin und her. „It’s amazing!“, kommentiert dieser vermeintliche Künstler sein Schaffen. „My God, this is awesome!“

Kein anderer als Bjørn Melhus steckt dahinter, in einer seiner vielen Verkleidungen und Rollen. Sich selbst hat er die Sprüche einer Influencerin in den Mund gelegt, die er auf Youtube fand, und nun im Stakkato des Schnitts wie eine Aufziehfigur repetiert. Ein böser Scherz auf die Selbstbezogenheit der Szene, ein brüllkomischer Film, der ihn als Meister einer neuen Videokunst ausweist. Melhus schuf sich ein eigenes Genre, mit dem er in hoch artifiziellen, absurden Kurzfilmen popkulturelle Phänomene untersucht und sich versteckt auch politisch artikuliert.

Die Berlin Art Week feiert Melhus geradezu, an drei Orten gleichzeitig ist er zu sehen – mit Einzelausstellungen jeweils in der Kindl-Brauerei in Neukölln, wo das Video „Can you see my art?“ gezeigt wird (15. 9. bis 16. 2.), und im Max Liebermann Haus am Pariser Platz (bis 20. 10.). Natürlich darf er auch vis-à-vis in der Akademie der Künste nicht fehlen. Dort wird unter dem Titel „Magic Media – Media Magic“ Videokunst seit den 1970er Jahren aus dem Archiv von Wulf Herzogenrath präsentiert (12 9. bis 13. 10).

Neue Zeitrechnung für Videokunst

Überhaupt scheint in Berlin gerade eine gute Zeit für Videokunst zu sein. Die Staatlichen Museen zeigen am Kulturforum mit „Micro Era“ Beispiele von vier Künstlern aus China (bis 26. 1.). Der auf Video spezialisierte Sammler Markus Hannebauer präsentiert unter dem Titel „Speaking Images“ zum zweiten Mal Ausschnitte seiner Kollektion in dem eigens für ihn umgestalteten früheren Hauptquartier der U. S. Army, das in den 30er Jahren für die Luftwaffe errichtet worden war (Clayallee 174, bis 16. 11.).

Pünktlich zur Art Week eröffnet die Stoschek Collection ihre nächste Ausstellung, die dem/der in New York lebenden Künstler/in WangShui gewidmet ist (12. 9. bis 15. 1.). Seit 2016 besitzt die Düsseldorfer Sammlerin Julia Stoschek im früheren tschechischen Kulturzentrum auf 2500 Quadratmetern eine Dependance. Damit begann eine neue Zeitrechnung für die Videokunst in Berlin.

Stoschek hat in der Hauptstadt Kräfte freigesetzt, die zuvor nur punktuell sichtbar waren. Etwa beim Neuen Berliner Kunstverein mit seinem Videoforum oder der seit elf Jahren laufenden Veranstaltungsreihe „Videoart at Midnight“ von Olaf Stüber und Ivo Wessel im Kino Babylon.

Außerdem am Lehrstuhl für Medienkunst an der Universität der Künste, den Maria Vedder bis 2015 innehatte. Damals war Bjørn Melhus als ihr Nachfolger im Gespräch, der dann doch lieber seinen Lehrstuhl für Bildende Kunst / Virtuelle Realität an der Kunsthochschule Kassel behielt. Mag sein, dass er sich heute anders entscheiden würde, nachdem ihm in der Stadt, in der er seit 1987 lebt, nun der rote Teppich ausgerollt wird.

Andreas Fiedler, der Leiter des Zentrums für zeitgenössische Kunst in der Kindl-Brauerei, stellt dem 53-Jährigen das erste Geschoss des Maschinenhauses zur Verfügung. Seine poppige Videowelt ist der größtmögliche Kontrast zur Schau der beiden konzeptuellen Künstlerinnen Nathalie Czech und Friederike Feldmann ein Stockwerk darüber.

Sugar kommt nach Pepper

Im Zentrum von Melhus’ Ausstellung steht „Sugar“, sein neuester Film, der die Geschichte des gleichnamigen Roboters im roten Flauschanzug erzählt. Melhus erfand ihn als Gegenstück zum 2017 auf der Cebit vorgestellten Maschinenmenschen namens „Pepper“, der in Zukunft mit Kunden kommunizieren können soll.

Im Film versucht der liebenswürdige Kerl mit Kugelkopf einen völlig lethargischen Menschen emotional zu erreichen. Vergeblich. Melhus, diesmal als tumber Typ im Pyjama, reagiert nicht, sondern brabbelt nur die Banalitäten von Influencern weiter.

Wie ein Film bei Melhus entsteht, davon bekommt der Besucher im Max Liebermann Haus eine Ahnung. In Erinnerung an das Dachatelier Liebermanns hat die Stiftung Brandenburger Tor vor zwei Jahren eine Ausstellungsreihe gestartet, bei der einmal im Jahr ein zeitgenössischer Künstler den Entstehungsprozess seiner Werke vorstellen darf.

Melhus gewährt hier tatsächlich einen Blick hinter die Kulissen. „Hot Set“ hat er seine Ausstellung genannt, ein Begriff aus der Filmproduktion, der einen Moment am Set bezeichnet, wenn vor dem nächsten Shooting kein Möbelstück, kein Requisit mehr bewegt werden darf. Bei Melhus aber sieht das anders aus. Da wird probiert, gealbert und wieder von vorne angefangen, zumindest handeln die im Katalog abgedruckten Setfotos davon.

Gezeigt werden vor allem Storyboards, technisches Equipment, Melhus’ verrückte Kostüme und Perücken sowie ein ganzes Arsenal an Spielzeugwaffen. Außerdem eine Vitrine voller Plastikspielzeug, darunter diverse Superhelden, Schlümpfe und Lurchi, der Salamander, die dem Künstler für seine Filmfiguren Modell gestanden haben.

Dem Schrillen ein Forum geben

Eingerichtet hat die Schau Wulf Herzogenrath, selbst ein Pionier der Videokunst, nur auf Seiten der Ausstellungsmacher. Als Direktor des Kölnischen Kunstvereins organisierte er „Projekt ’74“, die erstmalige Vorstellung der Videokunst als eigener Gattung, drei Jahre später, 1977, verantwortete er die Videoabteilung der Documenta 6. In seiner Funktion als Kurator war Herzogenrath einer der Geburtshelfer der Videokunst, heute ist der 75-Jährige Direktor der Sektion Bildende Kunst an der Akademie der Künste.

Dort gibt er parallel zur Melhus-Schau im Max Liebermann Haus Einblick in sein Archiv. Es ist eine Reise zurück in die Frühzeit der Videokunst, als sich Nam June Paik und John Cage in Köln trafen. Der koreanische Fluxuskünstler machte die Videokunst so populär, dass er Alfred Biolek 1984 ein ganzes Fernsehstudio einrichten durfte.

Ein lebensgroßer Plastikbaum mit flimmernden Mini-Bildschirmen erinnert an seinen denkwürdigen Beitrag für die Fernsehkultur. Ein Künstler wie Melhus nimmt den Faden wieder auf, indem er dem Schrillen, Bunten wieder ein Forum gibt. Nur mischt sich bei ihm Kritik am eigenen Medium darunter.

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