Berlinale 2018 : Die Forum-Filme im Überblick

Ein Fischerdorf in Japan, die Waldheim-Affäre, der Bundestag: starke Dokus im Berlinale Forum– und Spielfilme über mutige Frauen.

Szenenbild aus dem chinesischen Forum-Film "An Elephant Sitting Still".
Szenenbild aus dem chinesischen Forum-Film "An Elephant Sitting Still".Foto: Berlinale

Die Gegenwart der Vergangenheit: Das Forum zeigt mehrere Filme, in denen sich damals und heute zum Vexierbild kurzschließen, ob bei den Rechtspopulisten in Österreich, dem Weiterleben nach einer Militärdiktatur oder in der MeToo-Debatte. Die Österreicherin Ruth Beckermann nimmt sich in "Waldheims Walzer" ihr altes Material aus der Zeit der Waldheim-Affäre wieder vor: Fake News und Antisemitismus anno 1986. Die Schweizerin Kristina Konrad hat im gleichen Jahr in Montevideo die Debatte um das Plebiszit gegen das Amnestiegesetz in Uruguay verfolgt. Sie fragte die Leute auf der Straße, was Frieden für sie bedeutet. Die Interviews hat sie zum VierStunden-Film "Unas preguntas" montiert, über das Erbe der Diktatur und die Gefährdung der Demokratie, Engagement und Propaganda. Irene Lusztig lässt in "Yours in Sisterhood" Frauen von heute vor der Kamera Briefe an das US-Magazin „Ms.“ aus den 70ern vorlesen. Diskriminierung, Rassismus, Sexismus, Belästigung, Ausbeutung – so alltäglich wie hochaktuell.

Das Kino als (Psycho-)Analyse der Demokratie: Sergei Loznitsa betrachtet das Treiben rund um das Sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow am "Victory Day", mit Patrioten, Alt-Kommunisten, Bikern, tanzenden Frauen und als Rotarmisten verkleideten Kindern. Marie Wilke studiert in "Aggregat" die politische Willensbildung in Deutschland. Gerd Kroskes "SPK Komplex" erinnert an das Sozialistische Patientenkollektiv. 1970 in Heidelberg gegründet, verschrieb es sich der Anti-Psychiatrie und geriet in die Nähe der RAF – ein wenig beleuchtetes Nachkriegs-Kapitel. Und in "Fotbal Infinit" des Rumänen Corneliu Porumboiu erfindet ein städtischer Beamter neue Fußballregeln.

Herausragendes Spielfilmdebüt aus Polen

Ein starker Dokumentar-Jahrgang also, wobei schon jetzt "Minatomachi" zum Lieblingsfilm erklärt sei: ein vergessenes Fischerdorf in der japanischen Provinz, ein uralter Fischer, der jede Nacht rausfährt, und die 84-jährige Kumiko, die mit klappernden Schuhen durch einen Ort läuft, in dem die Zeit stehen geblieben ist.

44 Filme zeigt das Forum, 35 Weltpremieren, außerdem Special Screenings, die u. a. zum historischen Binge Viewing laden: Ula Stöckls und Edgar Reitz’ rebellische "Geschichten vom Kübelkind" (1969) wurden restauriert, eine 25-teilige Serie mit 16mm-Kurzfilmen. Das Münchner Kneipenkino, in dem man einzelne Folgen à la carte bestellen konnte, wird am 19.2. im Silent Green Kunstquartier re-inszeniert. Unter den Spielfilmen ragen das polnische Debüt "Power. A Bright Day" heraus, ein Familien-Kommunions-Mysterydrama, und zwei Produktionen aus der Bela-Tarr-Schule, "The Chaotic Life of Nada Kadic" und "Drvo/The Tree".

Gleich zwei Werke aus Marokko nehmen sich der Sache der Frauen an, "Jahilya" und "Apatride". Auch lockt ein Wiedersehen mit Stammgästen der Sektion, von der US-Indie-Regisseurin Josephine Decker mit ihrem Mutter-Tochter-Drama "Madeline’s Madeline" (mit Miranda July!) über den Kino-Exzentriker Guy Maddin ("The Green Fog") bis zu James Benning. Er ist zum 18. Mal zu Gast, mit der restaurierten Version seines Langfilmdebüts "11 × 14" von 1976. Der Koreaner Hong Sangsoo, 2017 im Wettbewerb, kommt nach über 20 Jahren wieder zum Forum, mit Kim Minhee in der Café-Gespräche-Etüde "Grass". Der einzige chinesische Forums-Beitrag, "An Elephant Sitting Still", puzzelt im Verlauf nur eines Tages ein eindrückliches Gesellschaftsporträt zusammen. Traurige Nachricht: der 29-jährige, als Regiehoffnung geltende Regisseur Hu Bo nahm sich das Leben.

Zum 12. Mal schickt der Tagesspiegel eine Leserjury los

Das Forum Expanded tariert zum 13. Mal die Beziehungen zwischen Kunst, Video und Film aus. Motto: „A Mechanism Capable of Changing Itself“. Die Bilder betreiben Selbstreflexion, erkunden die Möglichkeiten und technischen Bedingungen von Film und Musik. In der Gruppenschau in der Akademie der Künste am Hanseatenweg (ab 14.2.), bei Savvy Contemporary und in der kanadischen Botschaft, in 34 Filmen und 15 Installationen aus 27 Ländern. Rekord: 36 Stunden dauert "6144 X 1024" von Margaret Honda, die das Darstellungsspektrum eines digitalen Projektors ausbreitet. Davon gibt’s täglich ein paar Stunden im Arsenal 2 zu sehen.

Zum 12. Mal schickt der Tagesspiegel wieder eine neunköpfige Leserjury los, die alle Weltpremieren des Forums sichtet: 35 Filme in 9 Tagen, 4-StundenWerke inklusive – Hut ab! Der Siegerfilm wird am 25. 2. um 19 Uhr in der Akademie der Künste nochmals präsentiert, Tickets sind ab 12.2. erhältlich. Übrigens, der Gewinner von 2017, Dieudo Hamadi aus dem Kongo, ist dieses Jahr wieder dabei, mit „Kinshasa Makambo“ im Panorama.

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