Bilanz der Frankfurter Buchmesse : Diese Buchmesse war so schön wie lange nicht

Trotz Krise und rechter Verlage, trotz Vera Lengsfeld und Martin Sonneborn: Die 70. Frankfurter Buchmesse hat gezeigt, dass die Branche lebendig ist.

Die Bücherberge schrumpfen, doch die Selbstdarstellung der 7000 Aussteller schöpfte aus dem Vollen.
Die Bücherberge schrumpfen, doch die Selbstdarstellung der 7000 Aussteller schöpfte aus dem Vollen.Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Frank Schätzing scheint ein tiefenentspannter Typ zu sein. Sein Interview mit dem Kollegen einer Frankfurter Zeitung am Stand seines Verlags in Halle 3.0 verzögert sich um eine halbe Stunde, was ihn aber nicht weiter stört. Dann plaudert er halt, so sich die Gelegenheit bietet, hier ein bisschen oder dort, im schönsten Rheinländisch, mit seinen lang nach hinten frisierten grauen Haaren in Jeans, weißem Hemd und Weste ganz locker vor den ausgestellten Kiepenheuer-&- Witsch-Neuerscheinungen sitzend.

Er erzählt zum Beispiel, dass er das mit den Terminen alles den dafür Verantwortlichen vom Verlag überlasse. Es scheinen viele zu sein, auf dieser 70. Frankfurter Buchmesse ist er mindestens so gefragt wie seine Kollegin Inger-Maria Mahlke, die frischgekürte Deutsche-Buchpreisträgerin. Kein Wunder: Schätzing hat mit seinem Künstliche-Intelligenz-Roman „Die Tyrannei des Schmetterlings“ wieder einmal einen Bestseller geschrieben. Seit April steht er in den Top Ten der Buchcharts, und wegen dieses Romanthemas hält er nun auch Vorträge, gilt er gewissermaßen als Zukunftsexperte. Überdies, so Schätzing weiter, werde er bald mit seinem ersten Album als Musiker unterwegs sein, so in Richtung Bryan Ferry, David Bowie solle es gehen. Er singe und habe alles selbst komponiert, das sei ein Traum von Jugend an gewesen, und nun hoffe er ein bisschen auf den Überraschungseffekt: So ein Typ wie er, der mit Anfang sechzig noch einmal solche Musik macht! Und dann lacht er herzhaft.

Buchblogs erleben einen Boom

Derweil sitzt ein paar Stände weiter sein Verleger Helge Malchow auf einem Podium, das sich unter dem Titel „Mehr Events oder Literatur pur?“ die nicht ganz leichte Aufgabe gestellt hat, über die Möglichkeiten und Chancen zu reden, die vielen Millionen abgewanderten Leser und Leserinnen zurückzugewinnen. Wenn man Malchow so zuhört, hat man den Eindruck, dass die Branche sich nicht so viel Sorgen machen muss, so viel schönen Optimismus wie er versprüht. Dass Bücher sich halt mehr rechtfertigen müssten als früher, weiß Malchow, es aber auch immer um die bloße Sichtbarkeit gehe. Viele Bücher würden inzwischen im Internet geordert und gekauft, die Aufgabe der Verlage und des Buchhandels sei es auch, dort Leser ab- und zurückzuholen. Und dann erwähnt er die „explosiv“ gestiegene Zahl von Lesezirkeln und die vielen Buchblogs, die es gebe – passend zur Verkündung der Buchblogs Awards 2018, die der Börsenverein ein paar Stunden vorher rausgeschickt hatte. Neun Kategorien gibt es da, bis auf einen übrigens werden die Gewinner-Blogs alle von Frauen betrieben. Um einmal drei zu nennen: In der Kategorie Literatur hat Alexandra Stillers „Bücherkaffee“ gewonnen, im Bereich Krimi und Thriller Madeleine Riegers „Black nd Beautiful“, beim Kinder-und Jugendbuch Julia Bousboa mit ihrem Blog „Juli liest“.

Es gehört zum Wesen einer Messe, dass diese nicht nur ein Handelsplatz ist, sondern auch ein Event, der seine Höhepunkte selbst kreiert. Haufenweise werden hier zum Beispiel Preise vergeben. So der sogenannte Liberaturpreis, der alljährlich an einen Autor, eine Autorin aus Afrika, Asien oder Lateinamerika geht und mit 3000 Euro dotiert ist (für die vietnamesische Autorin Nguyen Ngoc Tu und ihren Erzählband „Endlose Felder“), der Deutsche Jugendliteraturpreis (für Manja Präkels „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“) oder der Deutsche Cartoon-Preis (an Stephan Rürup), um auch hier wieder nur drei zu nennen.

Buchmessen müssen heute politisch Haltung zeigen

Ebenfalls zum Wesen einer Buchmesse gehört ihre politische Haltung. Explizit will sie zu politischen Debatten anregen, will sie demonstrieren, wie unverrückbar sie zur Meinungsfreiheit und zur Toleranz steht, spiegelt sie das politische Klima in Deutschland und ein bisschen der Welt. Dieses Jahr waren es vor allem die Menschenrechte, die inständig beschworen wurden.

Börsenvereinsvorsteher Heinrich Riethmüller etwa erinnerte mehrfach an die über 150 in der Türkei zu Unrecht im Gefängnis sitzenden Schriftstellerinnen und Journalisten und appellierte an den türkischen Staatspräsidenten Erdogan, diese freizulassen. Flankierend dazu kamen Asli Erdogan und Deniz Yücel nach Frankfurt, um von ihren bitteren Erfahrungen mit Erdogans Autokratie und ihren Gefängnisaufenthalten zu sprechen. Im Fall von Yücel hätte man sich am Freitagnachmittag schon eine halbe Stunde vorher einfinden müssen im „Frankfurt Pavillon“, so voll war es: kein Einlass.

Der Andrang bei den rechten Verlagen dagegen hielt sich in Grenzen, nicht zuletzt bei Götz Kubitscheks Fake-Verlag Loci, der seinen Stand nicht in der viel diskutierten Rechte-Verlage-Sackgasse hatte. Das Konzept der Buchmesse, das ja nicht zuletzt aus Sicherheitsgründen entworfen worden war, scheint jedenfalls aufgegangen zu sein. So konnte zum Beispiel Vera Lengsfeld ganz in Ruhe am Stand der „Jungen Freiheit“ vor gut vierzig, fünfzig Leuten, darunter ein paar Polizei- und Sicherheitskräfte, darüber reden, wie sehr „unser Parteiensystem ins Rutschen geraten ist“. Oder dass der Bundestag arbeite „wie die Volkskammer der DDR, weil er nur die Vorgaben aus dem Bundeskanzleramt absegnet.“ Hier noch ein Hieb gegen die Medien, die nicht mehr die Regierung kontrollieren, sondern nur noch die Opposition diffamieren würden, dort die Einschätzung, dass sich alle Parteien nicht mehr voneinander unterschieden, es eigentlich nur noch eine Oppositionspartei gebe und dann noch einmal der leider hanebüchene Vergleich: „Wir haben heute Verhältnisse wie in der DDR“.

AfD-Rechtsaußen Björn Höcke sorgt für einen kleinen Eklat

Für Aufsehen und kleinere Zwischenfälle sorgte nur der Auftritt des AfD-Rechtsaußen Björn Höcke, der sein Gesprächsbuch „Nie zweimal in denselben Fluss“ vorstellte. In der Halle 4 hatten bewaffnete Polizisten und Polizistinnen die Rolltreppen umstellt, in den Hallen selbst patrouillierte zu diesen Stunden auffällig viel Polizei. Oben an den Treppengeländern war es schwer, ein Durchkommen zu finden, so als würde hier nicht lediglich ein AfD-Politiker, sondern gleich Adolf Hitler einlaufen. Tatsächlich kam dann auf einmal der Satiriker und Die-Partei-Gründer Martin Sonneborn in Uniform, Augenklappe und mit Aktentasche, die er aber nicht abstellen konnte: eine Aktion, die an das gescheiterte Graf-von-Stauffenberg-Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 erinnern sollte.

Am Ende wusste man nicht, was peinvoller war: der Sonneborn-Auftritt (Satire? Oder ging es nicht doch viel mehr um Aufsehen, Publicity?). Oder die vielen Schaulustigen, die wollten, das was passiert, wenn ein Björn Höcke kommt. Dessen Auftritt hatte die Messe wohlweislich als geschlossene Veranstaltung in ein Zwischengeschoss der Halle 4 gelegt.

Diese Buchmesse wird in guter Erinnerung bleiben

Die Buchmessen in Leipzig und Frankfurt werden sich daran gewöhnen müssen, dass rechte Verlage oder eben AfD-Politiker sie als Bühne benutzen. Im Vergleich zu Leipzig im Frühjahr und der Frankfurter Buchmesse 2017 verlief dieses Mal alles in geordneten Bahnen, selbst Thilo Sarrazin, der sich am ersten Messetag einer Diskussion stellte, hatte schon mal für mehr Stress bei Sicherheitskräften gesorgt.

Trotz der eingetrübten Stimmung wegen der millionenfachen Leserabwanderung und auch auffällig guter Bewegungsfreiheit an den drei Fachpublikumstagen, dürfte diese Messe-Jubiläumsausgabe als eine der schönsten seit Langem in Erinnerung bleiben. Was natürlich am wunderbar sommerlichen Frühherbstwetter lag, daran, dass man im Bahnhofsviertel nachts noch vor den Bars stehen konnte – und überhaupt alles ein bisschen anders war als sonst: Die Messeempfänge von Rowohlt, Fischer und Hanser fanden nicht statt, dafür gab es Pop-up-Partys und kurzerhand in eben jenen Bars organisierte Zusammenkünfte. Not macht erfinderisch, und insofern muss einem um diese Branche nicht bange sein.

In einer früheren Version des Artikels wurde fälschlicherweise behauptet, das Buch von Björn Höcke sei beim Kopp Verlag erschienen. Dies wurde korrigiert. Höckes Buch wird lediglich im Kopp Versandhandel vertrieben.

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