Bröhan-Museum wiedereröffnet : Maschinen sind auch nur Menschen

Von der Neuköllner Hasenheide bis zu den Friedenauer Ceciliengärten: Das Bröhan-Museum feiert den Berliner Stadtmaler Hans Baluschek.

Im Schützengraben der Moderne. Baluschek malte 1895 abgekämpfte Eisenbahner auf dem Weg in den Feierabend.
Im Schützengraben der Moderne. Baluschek malte 1895 abgekämpfte Eisenbahner auf dem Weg in den Feierabend.Foto: Bröhan-Museum/Martin Adam,Berlin

„Meine Waffen: Pinsel, Kohle, Feder, Bleistift sollen hauen und stechen“, schreibt Hans Baluschek 1920. Er ist 50 Jahre alt und immer noch angriffslustig. Sein Manifest „Im Kampf um meine Kunst“, erschienen in der Zeitschrift „Die Gartenlaube“, kann man auch als Botschaft an die Nachgeborenen lesen.

Der Maler bekennt sich dazu, keiner Strömung anzugehören, keinem „Ismus“, weder dem Naturalismus, noch dem Symbolismus oder dem Expressionismus. „Ich bin eben ich“, formuliert er ziemlich postmodern.

Mehr als Elends- und Eisenbahnmaler

Die Ausstellung „Zu wenig Parfüm, zu viel Pfütze“ zum 150. Geburtstag des Künstlers im Berliner Bröhan-Museum folgt der Selbsteinschätzung. Sie befreit Baluschek von der politischen Instrumentalisierung und den Etiketten: Eisenbahnmaler, Elendsmaler, Kinderbuchillustrator.

Ein Foto zeigt Baluschek 1902 an der Seite seiner ersten Ehefrau, der Schauspielerin Charlotte von Pazatka-Lipinski. Der selbstbewusste Blick über dem kühnen Schnauzer entspricht ganz dem direkten Ton seiner Schriften.

Seine Selbstsicherheit kommt ohne die behäbigen Posen der Gründerzeit aus und wirkt ziemlich gegenwärtig. Zum Zeitpunkt der Aufnahme war Baluschek 32 Jahre, hatte sein Studium der Malerei abgeschlossen, war Mitglied der Berliner Secession und hatte gerade geheiratet.

Hinter dem Paar hängt das Gemälde „Arbeiterinnen“ aus dem Jahr 1900. Dicht an dicht drängen Frauen aus dem Werkstor, viele ähneln der Ehefrau des Künstlers. Die Industrialisierung verwandelt die Menschen in serielle Wesen, sie verschmelzen zur Masse und leben alle in der gleichen Taktung vom Arbeitsbeginn über die Mittagspause bis zum Feierabend.

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Baluschek kam 1870 in Breslau als Sohn eines Eisenbahningenieurs zur Welt und wuchs in Kreuzberg auf. Er hatte ein scharfes Auge für Armut und Not, für die schmutzigen Winkel Berlins, das Elend der Trinker und Kokainistinnen.

Schön aber erschienen ihm immer die Lokomotiven. „Da bin ich Romantiker“. Sie werden zu Wesen, die genauso hart arbeiten wie die Menschen. Eine Lok spurt tapfer durch den Schnee, ein Güterzug schleppt brav seine schwere Last, eine Werksbahn transportiert emsig glühende Schlacken durchs Hüttenwerk.

Sein Gespür für gesellschaftliche Brüche in der boomenden Großstadt entwickelte Baluschek schon als Kind. Das Dienstmädchen, schreibt er später, habe ihn sonntags in der Hasenheide an einen Biertisch gesetzt, um tanzen zu gehen. „Das Elend und der Jammer quollen nur so auf mich zu und fraßen sich in mich herein.“

Menschen in Schieflagen, das interessiert ihn

In seinen Bildern geht es um Schieflagen – entweder wortwörtlich, dann stemmen sich auf ihnen die Menschen gegen den Wind und das Schicksal. Oder im übertragenen Sinn, dann sind auf ihnen Machtgefälle und Willkür zu erkennen. Direkt nach dem Studium malt Baluschek die Situation beim Aktzeichnen in der „Malschule“.

Da steht eine junge Frau mit gesenktem Kopf in der Mitte des Raums und knöpft ihr Mieder auf. Genüsslich beobachten die umstehenden Kunststudenten im Anzug das Schauspiel. Sich selbst zeigt Baluschek nicht. Nur seine leeren Schuhe setzt er über die Signatur, ein listiges Symbol für Fremdschämen.

Ein Höhepunkte der Ausstellung ist die Serie „Opfer“, die Baluschek 1907 für die Ausstellung der Secession produziert, nachdem er erfahren hat, dass keine Jury die Auswahl einschränken würde. In dem Zyklus von Zeichnungen studiert er Außenseiter, die unter die Räder der Industrialisierung gekommen sind.

Aus der Ecke eines schäbigen Zimmers nähert sich ein Mann in feinem Anzug einem jungen Mädchen, das im hellen Unterrock auf der Couch wartet. „Onkelchen“ heißt das beklemmende Blatt. Da werden Baluscheks Kohle und schwarze Kreide tatsächlich zu Waffen. Die Zeichnung „Der Ausreißer“ ruft den Staatsanwalt in die Ausstellung. Die Szene zeigt einen berittenen Polizisten, der einen Jungen in Fesseln durch den Schnee führt. Der kindliche Ausreißer ist den Tränen nahe, aber zu erschöpft um zu weinen.

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„Zu wenig Parfüm, zu viel Pfütze“, soll das Publikum nach der Beobachtung des Kritikers Willy Pastor moniert haben. Statt Parfüm kann man den Kohlestaub riechen, die Schnapsfahnen oder die Schneeluft, die Sauberkeit und Stille verspricht. Allerdings liegt bei Baluschek ein Toter auf der verschneiten Landstraße.

Der Maler klärt die Verbrechen in seinen Bilderdramen nicht auf, sie bleiben schockierend und rätselhaft. Zumal sie sich in Ecken Berlins ereignen, die seltsam vertraut wirken und trotzdem nicht zu erkennen sind.

Baluschek verdichtet die Stadt, seine Schauplätze montiert er aus Versatzstücken. Die meiste Zeit lebte er mit seiner Familie in Schöneberg, er war SPD-Mitglied, mit Käthe Kollwitz befreundet und setzte sich für Zilles Film „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ ein.

[Bröhan-Museum, Schlossstr. 1a, Charlottenburg, bis 27. September, Di bis So 10 – 18 Uhr]

Als Baluschek 1933 von den Nationalsozialisten verfemt wurde, legte er alle Ämter nieder. Seine Künstlerwohnung in den Friedenauer Cäciliengärten musste er räumen.

Nun weitet die großzügige Ausstellung den Blick auf Baluscheks Werk. Die graubraunen Bildgeschichten werden ergänzt von einer Kabinettausstellung der kanadischen Künstlerin Larissa Fassler, die heute mit präzisen Bewegungsstudien das Leben rund um das Kottbusser Tor zeichnet.

Unangestrengt entsteht so ein Dialog zwischen den Bildern der Gründerzeit und den Stadtansichten der zweiten Gründerzeit hundert Jahre später. Hans Baluschek hat nie daran gezweifelt, dass seine Kunst bestehen würde. „Ich glaube“, schrieb er vor hundert Jahren, „dass mir nebenbei manche gute Malerei geglückt ist“.

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