Choreograf Royston Maldoom im Gespräch : „Ich bin ein Idealist, was sonst?“

Kunst und Gemeinschaft: Der Choreograf Royston Maldoom über sein Projekt in Bethlehem und die Arbeit in Krisengebieten.

Disziplin und Freiheit. Royston Maldoom lebt, wenn er nicht irgendwo auf der Welt ein Tanzstück entwickelt, in Berlin.
Disziplin und Freiheit. Royston Maldoom lebt, wenn er nicht irgendwo auf der Welt ein Tanzstück entwickelt, in Berlin.Foto: privat

Wenn Royston Maldoom den Raum betritt, schafft er Konzentration. Wenn er von seinen weltweiten Projekten erzählt, tritt Stille ein. Maldoom besitzt eine starke Aura. Er erhielt seine Ausbildung beim Royal Ballet und dem Alvin Ailey American Dance Theater. Seit den achtziger Jahren organisiert an sozialen Brennpunkten und in internationalen Krisengebieten Laientanzprojekte. In Addis Abeba entstand durch seine Arbeit mit 100 Straßenkindern die Adugna Dance Company, die inzwischen selbst Jugendliche zu professionellen Tänzern ausbildet. Berühmt wurde der heute 75-Jährige durch seine Zusammenarbeit mit Simon Rattle und den Berliner Philharmonikern, dokumentiert in dem Film „Rhythm is It!"

Mister Maldoom, Sie haben jüngst in Bethlehem, in der West Bank, ein Tanzstück inszeniert, in Ihren Workshops arbeiten Sie mit traumatisierten Menschen. Was bedeutet das?

Ich habe zuvor auch schon in Gaza gearbeitet und in Ramallah. Rami Khader, der Direktor des Bethlehem International Performing Arts Festival, lud mich dann in seine Stadt ein. Ich war zweieinhalb Monate in Bethlehem. In gewisser Weise ist jeder dort durch die Situation traumatisiert. Das Stück „Taken“, das wir entwickelt haben, erzählt von Kindern und Jugendlichen, die von israelischen Soldaten gekidnappt wurden. Das passiert häufig – diese nächtlichen Verhaftungen und Übergriffe. Jeder meiner Tänzer kennt diese Geschichten, kennt betroffene Familien. Es kommt jetzt ans Licht. Die Initiative „Breaking the Silence“ ehemaliger israelischer Soldatinnen und Soldaten berichtet von diesen Attacken auf die palästinensische Zivilbevölkerung.

Das ist ein heikles Thema. Wie sind Sie bei der Inszenierung „Taken“ vorgegangen?

Wir haben Zeugenaussagen nächtlicher Razzien und Entführungen gesammelt, und wir haben uns gefragt: Wie fühlt sich eine Mutter, wenn ihr Kind vor ihren Augen von Soldaten aus dem Haus verschleppt wird? Was empfindet ein junger Mann, der für Tage oder Wochen ins Gefängnis geworfen und schikaniert wird, weil er Steine auf Soldaten geworfen haben soll? Wohin wenden sich diese Opfer mit ihrer Wut und Verzweiflung?

Was ist Ihr Ziel dabei?

Gewalt führt zu nichts. Wir wollen kreativen, gewaltlosen Widerstand unterstützen. Kultur kann eine starke Waffe sein, wenn ich das Wort so benutzen darf. Wenn Palästinenser tanzen, sich ausdrücken und mit Stolz sagen – hier sind wir, wir genießen unseren Auftritt, dann macht das auch bei den Rechten in Israel Eindruck.

Wer sind die Tänzer in Bethlehem?

Rami Khader hat eine hervorragende Dabkeh-Truppe, das ist die traditionelle arabische Tanzform. Ich habe ihnen gesagt: Erst muss man eine starke Gemeinschaft aufbauen, dann kommen andere junge Menschen, auch aus den Camps. So funktioniert community dance.

Wie begegnen Ihnen den jungen Menschen aus den palästinensischen Camps?

Stellen Sie sich vor: 40 Jugendliche in einer Aula oder Turnhalle. Sie rennen herum, sind sehr aufgeregt. Und dann ist es plötzlich sehr langweilig für sie, weil sie nicht daran gewöhnt sind, etwas zu erarbeiten. Sie lieben den Freiraum und das Zusammensein mit den anderen Kindern.

Sie geben den Kids Freiheit.

Nein, so geht es nicht. Erst einmal verlange ich Disziplin. Eine schwierige Sache. Sie sind sehr misstrauisch, haben keine Vorstellung davon, was ein Theaterstück ist. Sie leben unter sehr harten Bedingungen und wissen nicht, wie sie sich benehmen sollen. Da spürst du das Trauma. Sie kennen keine Disziplin. Wozu auch? Es gibt für sie kein Versprechen, keine Aussicht, etwas im Leben zu erreichen. Warum sollen sie sich anstrengen, wofür? Sie können nicht reisen, sie können nicht studieren.

Und dieser Hoffnungslosigkeit können Sie etwas entgegensetzen?

Unser Bethlehem-Projekt ist auf drei Jahre angelegt. Im ersten Jahr geht es darum, die Tänzer zu finden und auszubilden. In den nächsten beiden Jahren müssen wir sie stabilisieren und in die Lage versetzen, einmal ihre eigenen Projekte zu realisieren. Wir sind jetzt in der ersten Phase. Ich bemühe mich darum, dass alle möglichen Tanzexperten dorthin kommen. Und in einer zweiten Phase sehen wir zu, wie wir die jungen Palästinenser zu Workshops nach Europa holen.

Wer finanziert das?

Den Aufenthalt in Bethlehem habe ich selbst bezahlt, mit meinem eigenen Geld und Geld von einer Sponsorin.

Wecken Sie mit Ihren Projekten in Krisengebieten nicht sehr hohe Erwartungen?

Manchmal gelingt es, dass ein junger Mann aus meinen Workshops wirklich tanzen will und eine Ausbildung schafft, sogar eine internationale Karriere. Letztes Jahr zu meinem Geburtstag bekam ich einen Anruf: Hallo Royston, ich tanze demnächst im Radialsystem, komm doch vorbei. Ich habe viele Protegés und ich verfolge ihren Weg durch die Welt.

Sie haben in Äthiopien und Bosnien choreografiert, in Litauen, in Lateinamerika, meist an umkämpften Orten und in schwerer Zeit. Zieht Sie die Gefahr an?

Diese Orte habe nicht ich ausgesucht, vielmehr hat man mich gefragt, ob ich dort arbeiten will. Ich habe nie eine Karriere für mich geplant, es ist so passiert. Projekte mit 250 Straßenkindern, das habe ich mir zugetraut. Und dann wurde ich wieder gefragt. Ich bin ein politisch interessierter Mensch und der festen Überzeugung, dass Tanz die Menschen zusammenbringt. Er besitzt kathartische Energie, schafft geistige und physische Gesundheit, gibt Selbstvertrauen. Das gilt besonders für zerbrochene Gesellschaften und Gemeinschaften.

Royston Maldoom, der gute Soldat?

Wir müssen alle etwas tun. Es genügt nicht, ein toller Tänzer zu sein. Wir können nicht die Landwirte auffordern, gesünder zu wirtschaften, wir können nicht den Managern sagen, dass sie ihre Methoden ändern, wenn wir nicht etwas in unserer Kunst verändern.

Sie stellen die Kunst in den Dienst einer gerechten Sache?

Es dreht sich um den Ort, an dem man arbeitet, wie und für wen man arbeitet und mit welchem Themen man sich beschäftigt: Das sind alles politische Fragen.

Sie haben vor Jahrzehnten in Schottland mit community dance begonnen, das kann man als eine Art Sozialarbeit sehen.

Also, ich hatte keine Ahnung, in was ich da hineingeriet. Aber dann hat es mich gepackt. Ich fand in mir diese Fähigkeit, Menschen zu bewegen und damit vielleicht die Dinge zum Besseren zu wenden. Das ist für mich ein großes Geschenk: Ich kann etwas im Leben von Menschen bewirken.

Sind Sie ein Idealist?

Mehr zum Thema

Absolut, was sonst? Schon als junger Mensch habe ich gesagt, ich will die Welt verändern. Will das nicht jeder?

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar