• DAAD-Stipendiatin in Kreuzberg: Künstlerin Rossella Biscotti zeigt das Glück des Grabens

DAAD-Stipendiatin in Kreuzberg : Künstlerin Rossella Biscotti zeigt das Glück des Grabens

9000 Jahre zurück: Die Künstlerin und DAAD-Stipendiatin Rossella Biscotti holt untergegangene Zivilisationen in die Gegenwart. Eine Kreuzberger Schau zeigt ihr Werk.

Dorothea Zwirner
Feldforschung. Rossella Biscotti arbeitete mit Archäologen.
Feldforschung. Rossella Biscotti arbeitete mit Archäologen.Foto: Thilo Rückeis

In Großaufnahmen und Detailansichten taucht eine archäologische Ausgrabungsstätte einer frühen Siedlung auf, man sieht junge Menschen aus aller Welt beim Graben, Sichten, Säubern, Sortieren und Dokumentieren, hört die Geräusche und Gespräche ihrer Arbeit. Sie bilden eine lebendige Gemeinschaft, die sich der Erforschung früher Siedlungs- und Gesellschaftsformen widmet. Dabei laufen Bild und Ton genauso wenig synchron wie die Welt der untergegangenen Zivilisation mit derjenigen des aktuellen Grabungsteams.

Die italienische Künstlerin Rossella Biscotti hat ihre Video- und Audioinstallation „The City“, mit der sie vor drei Jahren begann, in Berlin fertiggestellt. Ihre Zeit als DAAD-Stipendiatin ist fast vorbei. Nach Basel und Istanbul ist ihr aufwendiges Werk nun in der daadgalerie zu sehen. Es ist kein romantischer, sondern ein forensischer Blick, mit dem die 1978 geborene Künstlerin die Ausgrabungen in Çatalhöyük, nahe dem heutigen Konya in der Türkei, dokumentiert hat. Vor 9000 Jahren wurde die neolithische Siedlungsstätte errichtet, sie gilt heute als eines der ersten urbanen Zentren der Welt. Unter Leitung des Sozialanthropologen Ian Hodder wird an diesem Weltkulturerbe vor allem die sozioökonomische Entwicklung egalitärer Gesellschaften erforscht. Dazu passen die flachen Hierarchien und der interdisziplinäre Austausch des Grabungsteams, dem Biscotti während ihrer beiden Aufenthalte 2015 und 2016 angehörte.

Sie nutzt vielschichtige Montageverfahren

Auch ihr Interesse gilt dem Verhältnis von Geschichte und Gegenwart mit Blick auf die soziopolitische Frage, wie sich menschliche Gemeinschaften bilden und wieder auflösen. Dabei konnte sie nicht ahnen, dass sie sowohl einen Höhe- als auch den unfreiwilligen Endpunkt der Grabung miterleben würde. Während der spektakuläre Fund einer weiblichen Marmorfigur, die unversehrt und in feiner Ausarbeitung zu Tage gefördert wurde, als einzigartig zu bewerten ist, sorgte der Putsch in der Türkei 2016 für die eilige Schließung der Ausgrabungsstätte. Im Film ist die Teamsitzung zu sehen, in welcher der Grabungsleiter den Abbruch der Arbeiten aus Sicherheitsgründen anordnet. Danach gehen buchstäblich für einen Moment die Lichter aus, es herrscht Dunkelheit und Stille, bis die letzten Maßnahmen zur Sicherung getroffen werden. Noch einmal schweift der Blick mit einem 360-Grad-Schwenk über die umgebende Landschaft. Damit endet der Film.

Die in Süditalien geborene und aufgewachsene Künstlerin verwendet vielschichtige Montageverfahren, um individuelle Geschichten mit gesellschaftlichen und historischen Fragen zu verknüpfen. Die anarchistische Bewegung Italiens, der Faschismus Mussolinis und der Terrorismus der roten Brigaden, ebenso wie Justiz und Strafvollzug sind Themen, bei denen es Biscotti immer wieder um das Verhältnis von Staat und Gesellschaft geht.

Biscotti stellte schon auf der documenta und der Biennale in Venedig aus

Komplizierte Recherchen, partizipative Teamarbeit und mündliche Befragungen gehören zu ihrem Handwerkszeug, das in performativen, installativen und skulpturalen Arbeiten seinen Ausdruck findet. Ihr ausgeprägtes Interesse an historischen, politischen und gesellschaftlichen Themen reicht zurück in ihre Jugend, als sie sich leidenschaftlich für soziale und politische Fragen engagierte. An der Akademie in Neapel, wo sie sich zunächst mit Kostüm- und Bühnenbild beschäftigte, wechselte sie schließlich zur bildenden Kunst, von der sie sich eine größere Freiheit versprach. Doch erst mit dem Umzug 2004 nach Rotterdam kam Biscotti mit einer zeitgenössischen Kunst in Berührung, die eine Verbindung zwischen ihren künstlerischen und politischen Anliegen ermöglichte. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet und bei internationalen Ausstellungen wie der documenta 2012 und der Biennale in Venedig 2013gezeigt, und trotzdem stellt Biscotti sich immer wieder die Frage, ob sie sich nicht direkter engagieren müsse.

In ihrer Kunst bevorzugt sie allerdings Geschichten, die den Betrachter ansprechen und aufmerksam machen, anstatt Missstände direkt anzuprangern. So überzeugend und eloquent Biscotti über ihre Arbeit zu sprechen weiß, ist ihr klar, dass am Ende das aus der bildnerischen Forschung gewonnene Material für sich selber sprechen muss. Mit „The City“ gelingt ihr das auf stille und eindringliche Weise.

Berlin war eine inspirierende Erfahrung

Biscottis Arbeitsweise kann man durchaus als eine Mischung aus künstlerischer und sozialer Arbeit sehen. Das wird besonders deutlich in ihrem Beitrag für die Biennale von Venedig 2013, dem ein achtmonatiger Traum-Workshop mit den Häftlingen des Frauengefängnisses auf der Insel Guidecca in Venedig vorausging. In einem geschützten Raum traf sich eine Gruppe von Insassen zweimal wöchentlich mit der Künstlerin, um ihre Träume auszutauschen.

Doch nicht nur die mitgeschnittenen Träume konnten auf diese Weise das Gefängnis verlassen, sondern auch der selbst produzierte Kompost, aus dem die Künstlerin eine architektonische Skulptur für die Biennale formte. Der Stolz, mit dem die Häftlinge beim bewilligten Ausstellungsbesuch auf ihre Mitarbeit verwiesen haben, belegt die Wirkungsmacht ihrer Kunst.

Das Jahr in Berlin war in vielerlei Hinsicht eine inspirierende Erfahrung für Rossella Biscotti. Insbesondere der Ausstellungsraum Savvy Contemporary in Wedding, das sich selbst als „Laboratory of Form-Ideas“ bezeichnet, ist mit seinem breit angelegten Programm und seiner postkolonialen Perspektive für sie von herausragender Bedeutung. Gerne behielte sie einen Koffer in Berlin, aber erst mal geht die Reise weiter nach Indonesien, wo das nächste Projekt schon wartet.

Ausstellung in der daadgalerie, Oranienstraße 161, bis 13. März

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