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Die Münzmeisterin. Esther Liebmann in einem zeitgenössischen Gemälde.

© Stoltzenberg

Esther Liebmann - Die erste "Hofjüdin" Preußens: Die verschwiegene Herrin

Sie finanzierte den Hof, war mächtigste Frau im Staat – und wegen ihrer Religion heftig angefeindet. Vor 300 Jahren starb Esther Liebmann – die erste „Hofjüdin“ Preußens.

„Sie war ein großer Mann, dessen einziger Fehler es war, eine große Frau zu sein“, sagte Voltaire über Emilie du Chatelet. Anders aber als die Gefährtin Voltaires wurde Esther Liebmann, die reichste und einflussreichste, mächtige und ohnmächtige, die umstrittenste und privilegierteste Frau ihrer Zeit in Preußen, dem Vergessen überantwortet. Sie hatte freilich nicht nur den Fehler, eine Frau zu sein. Sie war, schlimmer noch, Jüdin.

Als sie 1714 stirbt, verschwindet sie aus der Geschichte. Und war doch dank ihrer Position als Hofjüdin und Münzmeisterin so etwas wie Schäuble und Draghi in einem beim beginnenden Aufstieg der „Streusandbüchse des Reiches“. Selbst Christopher Clarks „Preußen – Aufstieg und Niedergang“ ( 2006), von dem es heißt, es sei nicht möglich, „Preußens Triumph und Tragödie besser zu erzählen“, erwähnt sie mit keinem Wort. Im öffentlichen Bewusstsein blieb sie verschollen.

Esther Liebmann wird 1648 oder 1649, am Ende des Dreißigjährigen Krieges, in Prag geboren. Aber das Ende dieser deutschen Katastrophe bringt ja keineswegs Frieden. Nur wenig später verwüsten die Franzosen die Pfalz, stehen die Türken vor Wien, besetzen die Schweden Berlin. Die mordbrennenden Söldner ziehen wieder durch das ausgeplünderte Land. Man sagt, das Land sei entvölkert gewesen. Aber über die staubigen, miserablen Straßen schleppen sich die geschundenen Leute; vagabundieren bettelnd, stehlend falsche Mönche, Aussätzige und Verkrüppelte, fahrende Studenten, Sträflinge mit abgeschnittenen Ohren, wandernde Handwerker auf der Suche nach Arbeit. Und unter ihnen die mittel- wie rechtlosen Kreaturen, seitdem 1573 alle Juden aus Brandenburg verjagt worden sind – die Betteljuden.

Und das Land? 500 Jahre lang spricht man im Alten Reich von Brandenburg kaum, dessen Städte ja auch wirklich neben Köln oder Augsburg nicht zählen. Berlin hat mit seinen vielleicht 8000 Einwohnern weder gepflasterte Straßen noch Kanalisation. Die Schweine fressen den Abfall in den Straßen. Es gibt keine Steine, um Häuser zu bauen; selbst der Lehm fehlte, aus dem man Ziegel brennen könnte. Was daraus wird, ist eine Stadt aus Wille und Vorstellung. Der Parvenü Europas. So sieht es aus, als 1640 der Große Kurfürst die Herrschaft antritt. Der Krieg geht zu Ende, und das Land ist bankrott. In einigen Gegenden wird Notgeld aus Leder, Seide, Leinen oder Pappe ausgegeben. Zweierlei musste her: Menschen und Geld. Erst kamen die Holländer, im Gefolge der Kurfürstin. Dann bemüht er sich um die Juden, die 1671 aus Wien vertrieben wurden. Dann,1683, kommt ihm die Vertreibung der Hugenotten aus Frankreich zu Hilfe, von deren heilsamen Wirken noch heute der Französische Dom am Gendarmenmarkt zeugt. Aber die neuen Einwohner sind Flüchtlinge. Woher also soll das Geld kommen, das unbedingt her muss?

Vom Adel und den Städten? Beide fürchten bei einem Zuwachs fürstlicher Macht um ihre Privilegien, Immobilität als Programm. Gegen die lähmenden Zunftordnungen in den Städten kann der „Churfürst“ den Handel nicht liberalisieren. Selbst wenn er das Beispiel des calvinistischen Amsterdam mit seinem liberalen Handelsrecht vor Augen hat. Der calvinistische Kurfürst könnte und wollte damit wohl leben. Nicht aber seine protestantischen Untertanen. Die haben nicht nur Luthers Pamphlet „Von den Juden und ihren Lügen“ im Kopf und im Genick.

Aber vielleicht kann man wenigstens ihre Verbindungen nutzen, um das so dringend benötigte Geld zu beschaffen. Es ist ja noch nicht lange her, dass der Hof sich beim Magistrat Berlin 15 Taler leihen muss, um sein Essen zu bezahlen. Und so wird Israel Aaron, der schon während des Krieges die Armee beliefert hat und als hart und querköpfig, aber auch als zuverlässig git, wieder als erstem Einwohner mosaischen Glaubens das Niederlassungs- und Handelsrecht in Berlin gewährt.

Nun fängt der Ärger an. Der Hof hat bei ihrem Mann Schulden und bezahlt nicht.

Als Friedrich I. am 6. Mai 1701 nach seiner Krönung in Königsberg ins Berliner Stadtschloss einzog, jubelte das Volk., wie ein Kupferstich aus dem Jahre 1704 zeigt.

© bpk / Staatsbibliothek zu Berlin

Und eben diesen Israel Aron, heiratet um 1662 Esther Schulhoff aus Prag. Er ist eine gute Partie, und sie ist schön, klug, ehrgeizig und sie lernt schnell. Mit dem Rückhalt seiner Kontakte nach Amsterdam und Hamburg versorgt er die staatliche Münze mit Silber aus Südamerika und den Hof mit allem, was gefragt wird. Obgleich Liebmann der Einzige ist, der mit seiner Familie in Berlin wohnen darf, hetzt der christliche Konkurrenzneid: „Wie dan die Juden mit schachern und betrügen einen guten anfang wieder gemachet.“

Aus diesen Jahren erfahren wir wenig über Esther. Ihr Gatte wird „Hofjude“ und Hofbeamter; dem Kammergericht direkt unterstellt, ein einmaliges Privileg. Über 800 verschiedene Münzeinheiten kursierten im Reich. Wer weiß das schon genau? Er lebt davon, es zu wissen. Ein Geschäft, das Intelligenz, Wagemut und Glaubwürdigkeit voraussetzt. Und das Beweglichkeit nicht nur des Geistes verlangt; bei Regen, Schnee und Eis – auf Straßen, die diesen Namen nicht verdienten, jedem räuberischen Zugriff ausgeliefert. In diesen Jahren lernt Esther das Geschäft. Als ihr Mann 1673 stirbt, bittet sie den Kurfürsten, ihr das Privileg des Hoflieferanten zu belassen. Der Kurfürst stimmt zu! Sie wird damit zur ersten „Hofjüdin“ und Hofbeamtin Preußens.

Aber nun fängt der Ärger an. Der Hof hat bei ihrem Mann Schulden und bezahlt nicht. Sie kann deshalb die Schulden bei den Lieferanten nicht bezahlen. Die Lösung? Sie schlägt das Erbe aus. Folge: Der Hof schuldet ihr nichts mehr, und die Gläubiger gehen leer aus. So ist ihr und dem Kurfürsten geholfen. Die wütenden Gläubiger sehen das anders. Die Prozesse ziehen sich über zwanzig Jahre hin.

Drei Jahre später heiratet sie den aus dem Westen zugewanderten Jost Liebmann und erreicht, dass ihm die gleichen Privilegien wie ihr gewährt werden. Von nun an unterschreiben sie gemeinsam. Sie war zweimal mit Männern verheiratet, deren glänzende Stellung sie weit über ihre Glaubensgenossinnen hinaushob. Sie überragt beide: Israel Aaron an Intelligenz und Bildung; Jost Liebmann an Charakterstärke, Urteilsfähigkeit und Selbstbeherrschung. Und sie ist verschwiegen. Es gibt keine einzige Äußerung von ihr über sich selbst. Sie ist, was sie tut.

Angesichts der anhaltenden Kriege erscheint es sicherer, sich auf den Juwelen- und Perlenhandel zu beschränken. Sie werden reich.1701 krönt sich der Kurfürst in Königsberg als Friedrich I. zum König in Preußen.

Der Neugekrönte liebt den Luxus. Aber nach dem Selbstverständnis des Barock war die Repräsentation der unabdingbare, weil sichtbare Ausdruck königlicher Macht und Bedeutung. Schließlich sind 80 Prozent der Untertanen Analphabeten. Es ist auch nicht nur die reine Prunksucht, die Friedrich I. veranlasst, einen „märchenhaften Besitz an Kleinodien“ zu erwerben. Es ist auch eine Flucht in liquide Sachwerte. Wobei er die bereitwillige Hilfe des kurfürstlichen Hofjuweliers und seiner Ehefrau findet.

Allein für die Juwelen der Krone der Königin werden 300 000 Taler fällig: heute Millionen. Dazu die Kosten für den neuen königlichen Hofstaat: die Zeremonienmeister, die Bediensteten mit ihren silberbestickten Livreen, Schabracken, Uniformen, die Baldachine, , Posamenten, die Musikanten. Die Krönungsfeierlichkeiten dauern acht Tage. Das alles kostet Geld, viel Geld.

Die mächtigste Hofjüdin Deutschlands.

Fast folgerichtig, dass die Liebmännin im gleichen Jahr auch noch Münzmeisterin wird: Finanzministerin und Bundesdruckerei in einer Person. Von nun an finanziert sie nicht nur den Hof, sie prägt auch die Münzen, die dafür gebraucht werden, die mächtigste Hofjüdin Deutschlands. Aber doch uneingeschränkt abhängig vom König. Wenn der mehr Geld braucht, muss sie es beschaffen; notfalls indem sie den Silbergehalt der Münzen reduziert. Für die folgende Geldentwertung erscheint sie als die Schuldige. Sie wird verhasst und kann sich nicht wehren, will sie die Gunst des Königs – die allein schützt sie–, nicht verlieren. Hinzu kommt, dass die Vertreibung der Juden aus Wien 1671 und die Aufnahme der Wohlhabenden unter ihnen in Preußen schon vorher ihre Situation grundlegend verändert hat. Für sie sind es zwar Glaubensgenossen, aber eben auch Konkurrenten. Ein erbitterter, jahrzehntelanger Kampf beginnt.

Der Bau einer Synagoge ist verboten. Also gewährt die Liebmännin der Gemeinde Unterkunft in ihrem Haus. Aber neben der Stätte des Gebets ist die Synagoge auch das Zentrum des Gemeindelebens. Und sie dient der Obrigkeit zum Verkünden der Verordnungen, ist Ort der Rechtsprechung innerhalb der Gemeinde; ist zuständig für die Steuererhebung. Die Synagoge ist also auch ein Ort relativer Macht. Und Macht will die Liebmännin nicht abgeben.

Prozesse, Verleumdungen bis hin zu Prügeleien auf offener Straße folgen. Bis der Generalfiskal Durham, der höchste Beamte für Judensachen in Preußen, den König anfleht: „Ich werde es vor eine Wohltat achten, wenn ich auf einmal von den Nachstellungen einer so gefährlichen Person endlich abkomme“ – und scheitert. Noch zehn Jahre bleibt sie, angefeindet, gefürchtet und bewundert, im Amt.

Für den Großen Friedrich II. ist das Urteil über den Großvater klar: „Er war klein und gewöhnlich; dreißigtausend Untertanen opferte er, aus Prunksucht und Eitelkeit, um sich die Krone zu verschaffen.“ Aber es sind nur 8000 Soldaten, die Friedrich I. dem Kaiser schickt, um das Reich gegen die Türken und Franzosen zu verteidigen.

Dieser unheroische König ist ein gebildeter Mann, der für die Krone keinen Schuss abgegeben hat. Unter ihm wird Berlin zum Spree-Athen; durch Andreas Schlüter mit dem Schloss, Charlottenburg, dem Zeughaus, der Akademie der Künste und der der Wissenschaften, der Charite, mit Leibniz und Pufendorf, Spener und Franke.

Nach dem Tode Friedrich I. 1713 wird der verschuldete Staat vom Soldatenkönig in die Ordnung des Gleichschritts der Langen Kerls gebracht. Mit dem Geld, das dabei gespart wird, finanziert Friedrich II. dann seinen Überfall auf Schlesien. Es ist auch das Ende der Liebmännin. Sie wird arretiert, des Betrugs angeklagt, ihr Vermögen beschlagnahmt. Die Untersuchung ergibt nichts. Um freizukommen erklärt sie sich ‚untertänigst' bereit, auf sämtliche Schulden des Hofes bei ihr zu verzichten.

Der König gewährt gnädigst der für schuldlos Befundenen die Bitte. Er lässt sie laufen. Sie flieht nach Frankfurt an der Oder. Dort stirbt sie – „welche allen ehrlichen Juden und der gantzen Weldt tort zu thun gewohnt war“, so der Nachruf ihrer jüdischen Konkurrenz – zermürbt am 15. April 1714.

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