Doku „The Remains“ über Geflüchtete : Spurensuche auf Lesbos

Die Doku „The Remains“ begleitet zwei Brüder, die auf dem Meer vor Lesbos ihre Familie verloren. Heute wird der Film in Potsdam gezeigt.

Letzte Ehre für die Toten aus dem Mittelmeer. Eine Szene aus „The Remains – Nach der Odyssee“.
Letzte Ehre für die Toten aus dem Mittelmeer. Eine Szene aus „The Remains – Nach der Odyssee“.Foto: Real Fiction

Manche mögen den Mann, der da in einem schwäbischen Dorf am Kinderspielplatz sitzt und raucht, für einen pädophilen Voyeur halten. Im eigentlichen Wortsinn ist das nicht ganz falsch. Imad ist von den Kindern anderer besessen, seit er seine beiden Söhne und die schwangere Ehefrau verlor. Mit ihnen starben zehn andere Mitglieder seiner Familie. Sie ertranken bei der Überfahrt zwischen der türkischen Küste und der griechischen Insel Lesbos. Irgendwie gelangte Imad nach Deutschland und bekam dann Asyl in einem Dorf im Süden.

Sein jüngster Bruder Farzad hat durch andere Zufälle in Wien Zuflucht gefunden und die Verantwortung für den überlebenden Rest der Familie übernommen. Es gelang ihm, den Vater und drei junge Schwestern aus der Türkei nachzuholen. Für Imad gibt es auch in Zukunft keine legale Möglichkeit, zum Rest der Familie nach Österreich zu übersiedeln. Eine Familienzusammenführung ist in der europäischen Asyl-Bürokratie nicht vorgesehen.

Dabei wäre familiäre Nähe die wohl beste Hilfe. So verschreiben die Ärzte ihm Antidepressiva, eine Hilfsorganisation rät zur Arbeit und einer Psychotherapie. So bleibt nur die heimische Musik aus dem Handy, Tee, Zigaretten und ein paar Erinnerungen an der Wand.

Imad und Farzad stehen im Zentrum des Dokumentarfilms „The Remains – Nach der Odyssee“, der sich dem leidvollen Schicksal der Familie Jamil widmet. Das Schicksal, gerade diejenigen zu verlieren, wegen denen sie die gefährliche Reise angetreten hatten: ihre Kinder, die in Europa sicherer aufwachsen sollten. Darum waren sie bei der Überfahrt mit ihren Müttern in der Geborgenheit bietenden Kabine untergebracht. Doch als das Boot aus ungeklärten Gründen sank, brachte ihnen der scheinbar sichere Ort den Tod, während die Männer vom Deck gerettet werden konnten.

Es gibt nicht einmal einen richtigen Abschied

Die Wiener Filmemacherin Nathalie Borgers („Fang den Haider“) und Kameramann Johannes Hammel begleiten Imad und Farzad, der in Wien vergeblich um die Bergung des Unglücksbootes und der Toten kämpft. Die Küstenwache konnte nichts finden. So kann es nicht einmal zu einem richtigen Abschied kommen, wie Vater Mohammad, der mittlerweile mit drei Töchtern in Wien angekommen ist, verzweifelnd beklagt. Außerdem verwirre es ihn sehr, dass und warum ausgerechnet er überlebt habe: „Ich bin sehr müde, ich weiß nicht mehr, wo oben und unten ist.“ Auch ihm verschreiben die Ärzte eine ganzen Berg voller Medikamente.

[Am 2.10, Begegnungszentrum Oskar, Oskar-Messter-Str. 4-6, 14480 Potsdam-Drewitz, 19 Uhr]

„The Remains“ ist leiser, eindringlicher Film, der die mit diskreter Kamera begleitete Geschichte der Familie Jamil in Wien und Deutschland in einigen Episoden auf der Insel Lesbos spiegelt. Sie zeigen den Umgang mit den materiellen und ideellen Hinterlassenschaften der Ertrunkenen auf der Insel, deren Leuchtturm die Bootsflüchtlinge mit seinem Licht immer wieder an die gefährlich felsige Küste lockt. Dort liegen die Trümmer verunglückter Schiffe, aber auch ein Gedenkstein. Ein Fischer erzählt, wie er immer wieder einige Menschen retten konnte.

In einer Werkstatt nähen Geflüchtete aus Schwimmwesten modische Accessoires – und zeigen so, wie groß die Zahl der Betroffenen ist. Männer vom Roten Kreuz lernen, wie sie geborgene Leichen für eine Identifizierung fotografisch dokumentieren. „Kunst ist für andere, wir machen die Drecksarbeit“, erzählen sie lapidar.

Gelungen ist dies bei drei vor Jahren verunglückten und nachträglich identifizierten Kindern, für die ein auf Lesbos verbliebener Afghane nach Skype-Absprache mit den fernen Verwandten drei Marmor-Grabsteine herstellen lässt. Die stehen jetzt auf dem örtlichen Friedhof zwischen den vielen Gräbern für unbekannte Tote. Vielleicht bekommen auch die Jamils irgendwann wenigstens noch einen solchen Stein.

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