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Bewegtes Leben. Georg Stefan Troller entkam nur knapp den Nazis.
© imago images/gezett

Georg Troller wird 100: Ein Fragensteller mit Forscherdrang

Er ist eine lebende Legende. Der Autor und Filmemacher Georg Stefan Troller feiert „seine ersten 100 Jahre“. Eine Gratulation.

Kennen Sie das „Troller-Spiel?“ Man kann es in keinem Laden und auch nicht im Internet kaufen. Trotzdem kennen es wohl alle, die schon einmal einen Interview-Film von Georg Stefan Troller gesehen haben. Und das betrifft nicht nur die älteren Fans, die einst sein für die ARD produziertes „Pariser Journal“ und später im ZDF seine TV-Porträts „Personenbeschreibung“ gesehen oder eines der zahlreichen Troller-Bücher gelesen haben. Es sind auch junge, herangehende Journalistinnen und Journalisten, die noch bis vor wenigen Jahren zu Trollers Workshops ins Hauptstadt-Studio des ZDF Unter den Linden geströmt sind.

Doch das Troller-Spiel kennen und das Troller-Spiel können, ist zweierlei. Das wissen auch Talkshow-Moderatoren und Moderatorinnen nur zu gut. Sie alle würden ihrem jeweiligen Gegenüber gerne ähnlich nahe kommen, wie es so ingeniös meist nur G.S.T. geschafft hat. Bei Juliette Gréco, Muhammad Ali, Edith Piaf, Romy Schneider, Orson Welles, Woody Allen, Coco Chanel, Peter Handke, Roman Polanski, dem Herzog von Windsor oder Marlon Brando. Sie alle hat Troller mit seinen suggestiv, charmant dringlich, aber nie klatschhaft aufdringlich nach Liebe und Glück, nach Wunden und Verwunderung forschenden Fragen eingesponnen. Ihnen oft ins Herz geblickt.

Tatsächlich ist er eine lebende Legende. Dieser 1921 in Wien geborene, 1938 mit siebzehn via Frankreich in die USA geflohene, als GI im Krieg nach Europa zurückgekehrte und ab 1949 in Paris gelandete Georg Stefan Troller: In der französischen Hauptstadt feiert er heute leibhaftig seine „ersten hundert Jahre“.

So scherzt er gerne, mit seinem auch hinter den dicken Brillengläsern noch lebhaften Blick. Der Körper geht ein wenig gebeugt, das Hören fällt schwerer, das zum Zöpfchen nach hinten gebundene Haar wird dünner, aber die aus dem gerne etwas spöttisch gespitzten Mund (unterm weißen Schnurrbart) kommende Stimme bleibt unverkennbar. Es ist dieser sonore, betörende Troller-Ton, mit dem er „sie alle gekriegt hat“. Vor die Kamera, vor sein Mikrophon.

„Nicht alle“, hat er mir einmal gesagt, bei einem Besuch in seiner Wohnung unterm Dach im 7. Arrondissement, linkes Seine-Ufer, mit Blick hin zum Eiffelturm. Wen denn nicht? „Picasso und Chaplin, die wollten nicht.“ Auch keine Politiker? „Die wollte ich nicht. Weil Politiker nie etwas wahrhaft Persönliches sagen, zumindest nicht, solange sie noch im Amt sind.“ Das sagt der Erfinder des dokumentarischen Autorenfilms im deutschen Fernsehen, der größte Kulturreporter seit Egon Erwin Kisch.

Ein Liebhaber der Künste

Nach dem Nazi-„Anschluss“ Österreichs waren die Trollers, eine ursprünglich wie Kisch aus dem habsburgischen Tschechien stammende jüdische Familie, dem Holocaust entflohen. Als der junge Troller mit den Amerikanern dann 1945 als Armee-Übersetzer nach Bayern gelangte, hat er sich in München zuerst die verlassenen Wohnungen von Hitler und Eva Braun angeschaut, dann ist er ins nahe, eben befreite KZ-Dachau gefahren. Wo er die Leichenhaufen sah. Dieses Grauen war für ihn so groß, dass es selbst den spontanen Hass auf die Täter erstickte.

„Ich war Europäer, und wollte in Europa bleiben. Auch in Österreich oder Deutschland.“ Zum Juden hatten ihn, den Agnostiker, erst die Nationalsozialisten gemacht, aber die besiegten Nazis sollten ihn als entkommenen Sieger nicht nochmal vertreiben.

Troller, der Romantiker, der Liebhaber der Künste, wurde noch als Student mit einem amerikanischen Paris-Stipendium erst Rundfunk-, dann Fernsehautor – und beim ZDF ab 1971 Kollege, dann Nachfolger von Peter Scholl-Latour als Paris-Korrespondent. Sein erstes Hotel in Saint-Germain teilte er noch mit einem anderen Holocaust-Überlebenden, dem Dichter Paul Celan. Ein explizit politischer Journalist war er dabei nie. Doch hat er als einziger ein gespenstisch merkwürdiges Fernsehinterview mit dem amerikanischen Dichtergenie, Duce-Verehrer und wirrköpfigen Antisemiten Ezra Pound gemacht.

Pound irrt da als zotteliger Greis durch einen Pariser Garten, antwortet fast immer nur mit Ja oder Nein, und Troller bringt ihn mit der Frage, was Pound in einem zweiten Leben anders machen würde, zum Ausruf: „Fast alles!“

Troller musste in seinem Weltkrieg nie schießen

Einen anderen, einst gleichfalls hundertjährig Gewordenen hat Georg Stefan Troller seltsamerweise nie besucht. Nie gesucht. Ernst Jünger, der Autor der „Stahlgewitter“, den Frankreichs Präsident François Mitterrand und auch Helmut Kohl so verehrt hatten. Auf Jüngers Schreibtisch lag immer der durchlöcherte Helm eines britischen Offiziers, den er im Schützengraben des 1. Weltkriegs erschossen hatte. Troller, sagt er, musste in seinem Weltkrieg nie schießen, doch von einem deutschen Soldaten nahm er sich dessen mitgeführte kleine Leica-Kamera. Und mit ihr hat er in seinen Pariser Anfangsjahren die damals in vielen Vierteln noch fast archaisch-romantische Nachkriegsmetropole fotografiert.

Trollers Tochter Fenn hat diese Fotos 2017 zufällig in der Pariser Wohnung entdeckt. Man findet die atmosphärisch an Cartier-Bresson erinnernden Bilder nun in dem wunderbaren Troller-Buch „Ein Traum von Paris. Frühe Texte und Fotografien“ (Corso Verlag, Wiesbaden), das der Meister vor zwei Jahren in der Berliner Villa Grisebach samt den Vintage-Abzügen der Bilder präsentiert hat. Und wer wissen will, wie das Troller-Spiel so läuft, sollte in dem kleinen Band das herrlich abgründige Gespräch mit der Chanson-Diva Barbara lesen. Bis zur tollen Schlusspointe. Ansonsten ist noch lange nicht Schluss, dieser Wunsch geht heute nach Paris.

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