Ein Oldie-Hit geht viral : Der merkwürdige Internet-Hype des Toto-Songs „Africa“

Unverhofft hat ein Song wieder Erfolg, 37 Jahre nach seinem Erscheinen. Der Hype um den Toto-Hit „Africa“ begann schon vor „Stranger Things“. Eine Spurensuche.

Toto wurden 1977 in L.A. gegründet und gehörten zu prägenden Bands des softrockigen Westcoast-Sounds.
Toto wurden 1977 in L.A. gegründet und gehörten zu prägenden Bands des softrockigen Westcoast-Sounds.Foto: Trinity

Es sind die ersten Töne. Beziehungsweise: die zweiten, am Anfang kommt ja der Beat. Percussion. Eine Kuhglocke. Dann aber setzt dieses Keyboard ein: „Daa da da da da da daaa“, walzt es, während sich von hinten eine zweite Linie anschleicht. Die tupft da noch einmal eine eigene Melodie drüber, eher ein „Di di di di, di di di di.“

Wenn man das einmal gehört hat, kann man es nicht mehr vergessen, und da haben wir noch gar nicht über den Refrain geredet, über diese Zeile, „I bless the rains down in Africa“. Haben noch nicht von den Schlagzeug-Breaks berichtet und von der Gitarre, die sich anfangs so sehr zurückhält, um dem Hörer dann doch noch eins reinzugniedeln. Ohne Zweifel: Das erstmals 1982 auf dem Toto-Album „IV“ veröffentlichte „Africa“ besitzt jede Menge Elemente, die nach dem Lehrbuch des Pop funktionieren. Die nur zwei, drei Durchläufe benötigen, um sich im Kopf des Hörers festzusetzen. Und die da dann auch bleiben.

Im Entstehungsjahr findet man viele Lieder, die mit ähnlichen Qualitäten gesegnet sind. „Eye Of The Tiger“ etwa von Survivor, „Centerfold“ von der J. Geils Band oder „Don’t You Want Me“ von The Human League. Sie mögen immer noch häufige Gäste im Mainstream-Radio sein, von „Africa“ trennt sie etwas Entscheidendes: Der Song nahm vor einigen Jahren unvermutet an Fahrt auf, wurde plötzlich wieder beliebt. Was zunächst wie eine Verkettung kleiner Zufälle aussah, entfaltete eine Wucht, die man so im Pop nur sehr selten erlebt.

Eine Coverversion aus der Pizzaria

„Africa“ wurde zum Lieblingslied der Generation Internet. Es ist völlig unmöglich zu bestimmen, wie das begann. Manche sagen: mit „Stranger Things“: Die Macher der amerikanischen Coming-of-Age-Serie packten den Song 2016 auf den Soundtrack der ersten Staffel.

Die Wurzeln der Netz-Begeisterung liegen jedoch weiter zurück: 2010 veröffentlichte der Youtuber Mike Massé eine Coverversion, die er mit einem Freund in einer Pizzeria im US-Bundesstaat Utah aufgenommen hatte. Sie sammelte schon vor „Stranger Things“ Millionen von Views ein. Eine Chor-Version folgte zwei Jahre später, auch sie wurde ein Hit. Und bei Reddit, dem wichtigsten Diskussionsforum im Internet, wurde 2015 ein eigener Thread zu dem Song eröffnet.

„Stranger Things“ dürfte als Brandbeschleuniger gedient haben, denn vermutlich war es ursächlich für eine Bitte, die eine Twitter-Userin im Dezember 2017 an eine ihrer Lieblingsbands richtete: „It’s about time you bless the rains down in africa“ schrieb die 14-jährige Mary Klym aus Cleveland, Ohio unter dem Account-Namen @weezerafrica an Weezer-Sänger Rivers Cuomo. Der Tweet wurde hundertfach geteilt.

Die amerikanische Alternative-Band hatte im Mai 2018 schließlich ein Einsehen. Nach einem kleinen Scherz – zunächst stellten sie eine Version des völlig uninteressanten anderen Toto-Hits, „Rosanna“ online – veröffentlichten sie ihr „Africa“. Das bescherte der von der Popkritik traditionell gescholtenen Band einen zweiten Frühling, der in ein ganzes Album mit Coverversionen mündete.

Toto, die am heutigen Sonntag in der Zitadelle Spandau auftreten, revanchierten sich, indem sie die Weezer-Single „Hash Pipe“ nachspielten.

Die Bildsprache des Videos ist befremdlich

Der jüngste Eintrag ins „Africa“-Journal: Der Künstler Max Siedentopf errichtete in der Wüste Namibias eine Installation aus sechs Boxen und einem MP3-Spieler. Er ist solarbetrieben, sendet „Africa“ in Endlosschleife aus. „Africa“ in Afrika.

Das ist vor allem deshalb lustig, weil der Urheber des Songs keinerlei Wissen über den Kontinent besaß: Toto-Keyboarder David Paich schrieb „Africa“ aus einem Bedauern über die Lebenssituation auf dem Kontinent heraus. Dabei, so sagte er später in einem Interview, ließ er sich, was die Landschaftsbeschreibungen anging, von einem Artikel aus dem „National Geographic“ inspirieren. Er sei ja nie dort gewesen.

Die Refrain-Zeile „I bless the rains down in Africa“ wiederum fußt auf seiner Schulzeit – mehrere Lehrer leisteten Missionarsarbeit. Dazu mischte er schließlich noch so etwas wie eine Liebesgeschichte. Das Ergebnis: jede Menge schiefe Bilder und eine geografische Schauplatzanordnung, die jeden Erdkundelehrer erbleichen ließe.

Nun ist das Schöne an Popmusik, dass sie ohne Schulabschlüsse auskommt. Sie schafft sich ihre eigenen Realitäten. Der genauere Blick auf den Text und das Video, zu dem die Hysterie der letzten Jahre zwangsläufig führte, zeigte aber etwas anderes auf: die Trommeln, deren Echo durch die Wüste weht.

Der alte, weise Mann, den der Protagonist anhält, um noch schnell „some old forgotten words“ abzugreifen. Das Video, in dem die Insignien der westlichen Zivilisation (Bücher) ganz offenbar von einem Einheimischen so gering geschätzt werden, dass er sie mit seinem Speer angreift: All das ist sicher nicht rassistisch gemeint. Aber zumindest aus einer heutigen Lesart heraus wirkt es äußerst befremdlich. Trotzdem kommt der Clip allein auf Youtube auf mehr als 506 Millionen Klicks.

Der DJ legt "Africa" auf und die Party explodiert

Wie omnipräsent und beliebt „Africa“ derzeit ist, konnte man kürzlich auf einer Party am Schlesischen Tor erleben. Junge Menschen feierten einen Abschied. Es war ein angenehmes Fest, bei dem vornehmlich Hip-Hop lief, was zu gepflegter Langeweile führte – als der DJ „Africa“ auflegte, war das der Turbo, der den Abend eskalieren ließ.

[Konzert: Zitadelle Spandau, 30. Juni, 19.30 Uhr]

Auch in einem Bergstädtchen im Appenin tönte „Africa“ aus den Boxen des einzigen Cafés am Platze, vereinigte sich mit dem Sound des Fernsehers, dem Surren einer Stubenfliege und einer beherzten Thekendiskussion zur sommerlichen Klangtapete.

In keinem dieser Momente wirkte das seltsam. Vielmehr ist es so: Man hat sich an „Africa“ gewöhnt. Man wartet auf „Africa“, so wie man an heißen Sommertagen Gewitter erwartet. Es ist nicht nur ein Popsong. Es ist der Popsong. Das so etwas in Zeiten maximalen Überflusses passieren kann, ist erstaunlich.

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