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Tableau vivant nach Käthe Kollwitz. Der Hongkonger Künstler Isaac Chong Wai inszeniert in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche „Die Mütter“ .
© Victoria Tomaschko

Schau in der Ifa-Galerie Berlin: Ein Vorbild für die Documenta

So kann es auch gehen: Das Institut für Auslandsbeziehungen befasst sich kritisch mit seiner Sammlung, auch in der Ausstellung „Spheres of Interest“.

Elf Menschen, eng umschlungen, formen ein Tableau vivant. Stimmen ertönen zwischen Klage und Gesang. Erst einzeln, dann chorisch. Langsam setzt sich das eindrückliche Konglomerat in Bewegung. Eine Hand sucht Halt, ein Arm greift zur benachbarten Schulter, ein Fuß rückt einen Schritt vor. Die skulpturale Figur beginnt zu kreisen, stimmt Trauergesänge und Wiegenlieder an, löst sich in ruhigem Tempo wieder auf.

„Die Mütter“ hat Isaac Chong Wai die Performance nach dem gleichnamigen Holzschnitt von Käthe Kollwitz benannt und die Darstellenden um diverse Generationen, Geschlechter und Herkünfte erweitert. „Es geht um kollektive Erfahrungen von Trauer und Leid, von Tod und Geburt“, sagt der 1990 in Hongkong geborene Künstler. Aber ebenso um Schutz und Widerstand des kollektiven Körpers – und um die Wiederholung von Geschichte.

Eingeladen wurden sechs Berliner Künstlerinnen

Neben Chong Wais Video hängen drei Versionen von Kollwitz’ 1922/23 entstandenem Blatt aus dem Bestand des Instituts für Auslandsbeziehungen (Ifa), das seit 1959 in einer monografischen Ausstellung durch 229 Städte auf fünf Kontinenten tourte. Im Rahmen des Formats „Out of the Box“ haben die Kuratorinnen Inka Gressel und Susanne Weiß sechs in Berlin lebende Künstler:innen eingeladen, das Ifa-Archiv einer Revision zu unterziehen. Die mittlerweile über 23 000 Werke umfassende Sammlung haben sie gemeinschaftlich anhand von Katalogen und Online-Datenbanken erforscht und anschließend Arbeiten aus Schubladen und Kisten der Depots am Stuttgarter Hauptsitz und in Berlin ausgewählt.

Der Ausstellungstitel „Spheres of Interest“ ist einer Papierarbeit von Ruth Wolf-Rehfeldt entlehnt. Die dänische Filmemacherin Gitte Villesen war im Rahmen der Recherchen auf die Pionierin der Mail-Art und Schreibmaschinenkunst in der DDR gestoßen – allerdings als Leerstelle.

Auf zwei künstlerischen Plakaten steht Wolf-Rehfeldts Name neben dem ihres Mannes, doch im Ifa-Verzeichnis war lediglich Robert Rehfeldt gelistet. Zukünftig wird die 1932 geborene Teilnehmerin der Documenta 14 und diesjährige Hannah-Höch-Preisträgerin als Ko-Autorin genannt. Zudem wurde ihr großartiges Typewriting „Interessenssphären“ von 1975 angekauft.

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Mit erhellenden historischen und aktuellen Querverbindungen spannt „Spheres of Interest“ einen Bogen von Joseph Kosuths Konzeptkunst zur Naiven Malerei des nahezu unbekannten Franz Klekawka, vom Realismus einer Paula Modersohn-Becker oder des Bildhauers Wieland Förster zur Textilkunst der in Istanbul geborenen Zille Homma Hamid oder einer unbetitelten Tafel von Rosemarie Trockel.

Dass der kühne Stilmix nicht ins Beliebige ausfranst, ist dem klugen kuratorischen Konzept und der gelungenen Gestaltung des interdisziplinären Ausstellungsparcours zu verdanken – sowie den kurzweiligen Texten mit Gedanken und Infos der Künstler:innen zu ihrem dialogischen Arbeitsprozess.

Fokus auf migrantischen Themen

Eine Kollaboration von Gitte Villesen und der 1975 auf den Philippinen geborenen Lizza May David fokussiert migrantische und kolonialistische Themen. „Mischling“ hat Hannah Höch eine 1924 gefertigte Collage betitelt, die im Kontext mit May Davids Foto-Textarbeit „The Unknown Filipina“ den zwiespältigen Begriff zur Debatte stellt, aber auch auf kolonialismuskritische Aspekte im Werk der Dadaistin verweist.

Erfolgreich revidiert wurde ebenfalls die Autorschaft des Objekts „Rheinwasser verschmutzt“. Die von Joseph Beuys und Nicolás García Uriburu auf dem Etikett signierte „Green Collaboration“ war wiederum allein unter Beuys zu finden. Nun wird auch der 2016 in seiner Geburtsstadt Buenos Aires verstorbene Uriburu gewürdigt.

Die Flasche mit dem grün-roten Rheinwasser von 1981 - Adrien Missikas Geburtsjahr – ist Teil eines eigens entwickelten Lastenrads, mit dem der französische Künstler und Aktivist Fluxus-Kunst an öffentliche Orte bringt. Darunter John Cages „Mozart Mix“ und die wunderbaren Schachspiele der japanischen Künstlerin Takako Saito. Zur Eröffnung konnte die 93-Jährige nicht anreisen, sie sei leider zu sehr mit Ausstellungsvorbereitungen beschäftigt. Vielleicht schafft es die Fluxus-Pionierin, wenn Missika ihr „Schach spielen mit der Sonne" auf der Monbijoubrücke aktiviert.

[Ifa-Galerie Berlin, Linienstr. 139/140, bis 18. September; Dienstag-Sonntag, 14-18 Uhr, Donnerstag 14-20 Uhr]

Die humorvollen Pop-up-Ausstellungen sind Teil des umfangreichen Begleitprogramms, bei dem Chong Wais „Die Mütter“ live in der Ruine der Franziskaner-Klosterkirche performt wird und für das die israelische Künstlerin Ofri Lapid eine „Sprach-Tournee“ entlang der 44 Ausstellungsrouten von Joseph Kosuths „Kunst als Idee als Idee“ entwickelt hat.

Proteste ostdeutscher Museen

Das Innenleben des Ifa-Archivs hat Wilhelm Klotzek nach außen gekehrt. Als Display auf der Fassade der Galerie öffnet seine „ZfK-Blende“ Transportkisten mit Skulpturen aus dem einstigen Zentrum für Kunstausstellungen der DDR, dessen Sammlung in die Ifa-Bestände integriert wurde – nach Protesten ostdeutscher Museen jedoch nur teilweise.

Eine überaus empfehlenswerte Ausstellung, die komplexe Fäden aus unterschiedlichen Blickwinkeln ausbreitet und zugleich ein exzellentes Beispiel für kollektives künstlerisch-kuratorisches Arbeiten ist, das heikle Inhalte transparent und ansprechend darstellt und öffentliche Diskussionen fruchtbar anregen kann.

Da stellt sich angesichts des Documenta-Debakels die Frage, warum in Kassel und auch von Seiten des Bundes nicht auf die Expertise des Ifa zurückgegriffen wird. Die Institution verfügt über jahrzehntelange Erfahrungen im globalen Ausstellungsbetrieb und vermag sich kritisch mit der eigenen Geschichte und Kulturpolitik auseinanderzusetzen. Eine Fähigkeit, die man in Kassel schmerzlich vermisst.

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