• Fotografie im Willy-Brandt-Haus: Großbritanniens Jugend zwischen Coolness und Verzweiflung

Fotografie im Willy-Brandt-Haus : Großbritanniens Jugend zwischen Coolness und Verzweiflung

Tish Murtha, Benita Suchodrev und "Distant Islands - Fotos zum Brexit": Drei Ausstellungen im Willy-Brandt-Haus gewähren Einblick in die britische Seele.

Feierwut. Am Wochenende treffen sich im Seebad Blackpool die Vergnügungssüchtigen. Benita Suchodrev fotografierte sie.
Feierwut. Am Wochenende treffen sich im Seebad Blackpool die Vergnügungssüchtigen. Benita Suchodrev fotografierte sie.Foto: Benita Suchodrev

Glück sieht anders aus. In den Momentaufnahmen, die die Berlinerin Benita Suchodrev innerhalb von 48 Stunden im Juli 2017 im Seeort Blackpool eingefangen hat; in den sozialdokumentarischen Serien, die die in Deutschland noch zu entdeckende Britin Tish Murtha von 1978 bis 1981 in Newcastle und Newport fotografiert hat; auf den Bildern der Absolventinnen der Fotoschule Ostkreuz, die die aktuelle Situation in Großbritannien reflektieren: Lächelnde Briten sind überall Mangelware.

Stattdessen dominieren unwirsche Mienen und unbehauste Straßenzüge. Lähmung und Frustration allerorten. Sowohl in der Ostkreuz-Brexit-Schau „Distant Islands“, als auch in den beiden, künstlerisch deutlich kraftvoller ausfallenden Einzelausstellungen. Daraus nun aber den Umkehrschluss zu ziehen, dass das Leben in England von den siebziger Jahren bis heute einer einzigen großen Depression glich, die unweigerlich in die trotzige Beschwörung nationalen Eigensinns namens Brexit münden musste, wäre eine allzu schlichte Schlussfolgerung. Zumal die drei Schauen, die das Willy-Brandt-Haus großzügig auf drei Etagen zeigt, auch nur ein lockeres Konstrukt zum Thema „England“ darstellen. Freilich eins, das man angesichts des alles überlagernden Brexits trotzdem als Psychogramm britischer Befindlichkeit lesen kann.

Jugend ohne Abstimmungsrecht. Anna Szkoda hat in ihrer Serie "No choice but future" Jugendlich in Manchester porträtiert (Ausschnitt).
Jugend ohne Abstimmungsrecht. Anna Szkoda hat in ihrer Serie "No choice but future" Jugendlich in Manchester porträtiert...Foto: Anna Szkoda

Tatsächlich sind Parallelen in den England-Bildern von Tish Murtha, Benita Suchodrev und den Ostkreuzlern auszumachen. Die augenfälligste ist die Häufung desillusionierter Gesichter von Kindern und Jugendlichen. In der „Distant Islands“-Schau im Erdgeschoss fällt der Blick auf die jungen Britinnen und Briten, die Anna Szkoda in der Serie „No choice but future“ im Frühjahr 2017 in Manchester porträtiert hat. Die angestrengt um Coolness bemühten Mädchen und Jungen, deren ungelenke Körper in meist schlecht sitzenden Schuluniformen stecken, waren zum Zeitpunkt der Brexit-Abstimmung unter 18, also nicht stimmberechtigt. Die unabsehbaren Folgen werden trotzdem ihr Leben bestimmen.

Blackpool fungiert als Seismograf für den Zustand des Landes

Auch hier dient Blackpool, das von Arbeitslosigkeit und dem Schwinden der traditionellen Working Class-Kundschaft gebeutelte Vergnügungsbad, als Seismograf für den Zustand des Landes. Wobei Miguel Bruschs disparate Aufnahmen von Häusern und Spielsalons ungleich beliebiger ausfallen als die in dramatisches Schwarzweiß getauchte Gesellschaftsstudie von Benita Suchodrev zwei Stockwerke höher.

Die in Russland geborene und in den USA aufgewachsene Fotografin, die seit 2008 in Berlin lebt, ist zufällig nach Blackpool geraten und hat sich in die Menge gestürzt, fasziniert von der schrägen Energie der Stadt. Zumindest am Wochenende geht es auf der Seepromenade immer noch hoch her. Da fluten geschminkte und kostümierte Männer- und Frauengruppen auf Junggesellenabschiedstour über den Pier, da schleppen Familien ihre wie Püppchen aufgerüschten Mädchen zu den Fish-und-Chips-Buden. Je größer die Feierwut, desto verrutschter das Make-up. Dralle Körper, leere Blicke, Amüsement scheint harte Arbeit zu sein. Unglaublich, wie erschöpft und leer die Gesichter zweier Schwestern wirken, die vor einer Spielhalle wohl auf die Eltern warten. Wie todtraurig ein blondiertes Girlie aussieht, das nach einer langen Nacht verweint auf einer Bank sitzt und an ihrem Handy kaut. Pittoreske Perspektiven sowie harte Licht-und-Schattenkontraste, die Suchodrev bei ihrer Straßenfotografie im Strom der Bewegungen wählt, unterstreichen den Befund einer kalten, universellen Isolation.

Statt Ausbildung. "Cuddles playing cards" - Aus Tish Murthas 1980 in Newcastle fotografierter Serie "Youth Unemployment".
Statt Ausbildung. "Cuddles playing cards" - Aus Tish Murthas 1980 in Newcastle fotografierter Serie "Youth Unemployment".Foto: Ella Murtha

Dagegen nehmen sich die eindrucksvoll klar komponierten, „historischen“ Fotografien der 2013 im Alter von nur 56 Jahren verstorbenen Tish Murtha geradezu warmherzig aus. Ihr Nord-England im wirtschaftlichen Niedergang zu Beginn des Thatcherismus ist ein Kinderland. Sie bevölkern Straßen und Plätze. Und sie sind arm. Auf manchen Fotografien der Serien „Elswick Kids“ und „Youth Unemployment“ sehen die Jungs, die aus Langeweile auf Brachen herumkokeln und in Abbruchhäusern herumturnen, so aus, als seien sie einem Dickens-Roman entstiegen. Hemdsärmel und Hosenbeine sind zu lang, sie tragen Vaters Klamotten auf. Heute sind sie erwachsen und haben womöglich mit „Leave“ abgestimmt.

Willy-Brandt-Haus, Stresemannstraße 28, Kreuzberg, bis 12. Mai, Di-So 12-18 Uhr (Ostern geöffnet), Eintritt frei, Ausweis erforderlich

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