Führungsposten in der Berliner Kultur : Zukunft ist immer

Berlinale, Humboldt-Forum, Philharmoniker: Die wichtigsten Chefposten in Berlins Musentempeln sind neu besetzt. Ein Blick auf das Personal-Tableau, das in den nächsten Jahren die Kulturmetropole prägen wird.

Das Humboldt-Forum eröffnet Ende nächsten Jahres und verspricht freien Eintritt.
Das Humboldt-Forum eröffnet Ende nächsten Jahres und verspricht freien Eintritt.Foto: SHF/Franco Stella mit FS HUF PG

Der Zufall wollte es, dass just an dem Wochenende, an dem Carlo Chatrian und Mariette Rissenbeek als künftige Berlinale-Doppelspitze bekanntgegeben wurden, Simon Rattle seine letzte Konzertrunde bei den Philharmonikern drehte. Die Saison ist vorbei, das Feld bestellt, bei den vom Bund verantworteten Berliner Institutionen wie bei den Einrichtungen des Landes. Mit einer großen Ausnahme natürlich, der Volksbühne, nach dem krachend gescheiterten Start von Chris Dercon. Es ist die einzige aktuelle Vakanz von Bedeutung, Kultursenator Klaus Lederer will sich Zeit lassen mit der Neubesetzung und dem Nachdenken über die Zukunft des Hauses.

Zwar steht bei den Berliner Philharmonikern nach dem Abschied von Sir Simon nun ein chefdirigentenloses Jahr ins Haus, bevor im Herbst 2019 Kirill Petrenko sein Amt antritt. Und bei den Filmfestspielen geht die letzte Kosslick-Berlinale nächstes Jahr über die Bühne, Chatrian und Rissenbeek stehen 2020 am roten Teppich. Aber die Ungeduld gegenüber Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat sich gelegt, seit die CDU-Politikerin in den letzten Wochen die beiden wichtigsten noch offenen Personalentscheidungen des Bundes verkündete. Neben der Kosslick-Nachfolge drängte vor allem die Besetzung der Humboldt-Forum-Intendanz. Seit einem Monat fungiert Hartmut Dorgerloh nun als oberster Schlossherr.

Die „Neuen“ stehen ante portas: Chatrian, Rissenbeek, Petrenko, Ainars Rubikis als Generalmusikdirektor der Komischen Oper, und Christoph Eschenbach, der erst kürzlich seinen Drei-Jahres-Vertrag als Nachfolger von Ivan Fischer beim Konzerthausorchester ab Herbst 2019 unterschrieben hat. Und etliche sind in dieser Saison neu gestartet: Oliver Reese am Berliner Ensemble, Stephanie Rosenthal am Martin-Gropius-Bau, Matthias Schulz an der Staatsoper, Robin Ticciati beim DSO, Vladimir Juroswki beim RSB und Justin Doyle beim Rias-Kammerchor. Um nur die wichtigsten zu nennen.

Und so mancher von den „Alten“ beackert neue Gefilde. Thomas Oberender hat sich mit den Berliner Festspielen der Immersion verschrieben, Shermin Langhoff wirkt mit ihrem postmigrantischen Theater weiter kräftig in die Stadt hinein. Und Barrie Kosky an der Komischen Oper erfindet das Musiktheaterrad zwar nicht neu, verleiht ihm aber einen unerhörten Drall, mit enthusiastischem Blick zurück auf die Tradition des Hauses.

Lässt sich mit den vielen designierten und frischen Kultur-Chefs das Ende einer Ära konstatieren, ein Wechsel auf die Zukunft? Oder nur ein simpler Generationswechsel? Das Personaltableau ergibt kein einheitliches Bild – wo kämen wir da auch hin in der Riesen-Kulturmetropole. Aber an den diversen Thesen, die zu den zahlreichen Leitungswechseln kursieren, ist immerhin zur Hälfte was dran.

THESE 1: Die Zeit der Visionäre ist vorbei, jetzt schlägt die Stunde der Pragmatiker


Neil MacGregor vom British Museum war als Gründungsintendant des Humboldt-Forums fast wie der Messias begrüßt worden. Am Ende konnte er weit weniger ausrichten, als viele von ihm erwartet haben. Die multiplen Zuständigkeiten im Schloss-Gemischtwarenladen und der deutsche Kulturföderalismus bei der Stiftung Preußischer Kulturbesitz erschwerten ihm jedes zügige Realisieren von kühnen Ideen. Das mündete bei MacGregor zwar nicht in einem schrillen Debakel wie an der Volksbühne, aber doch in einer leisen Enttäuschung.

Mit Hartmut Dorgerloh hat sich Monika Grütters für einen Mann entschieden, der als bisheriger Chef der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten einen komplexen Betrieb zu organisieren versteht. Für einen „erfolgreichen Praktiker mit hoher eloquenter Vermittlungskompetenz“, wie die Kulturstaatsministerin es formuliert. An der Volksbühne hat Interimsintendant Klaus Dörr, der die Geschäfte dort vorerst bis 2020 führt, für die nächste Saison immerhin fünf Uraufführungen angekündigt. Mit ein bisschen Castorf-Retroflair (Leander Haußmann) und ein bisschen Dercon-Performance (Susanne Kennedy). Vielleicht läuft der Laden auf diese Weise ja wieder, auf Sparflamme wenigstens.

Andererseits: Bloß weil ein Dorgerloh Vorstellungen auch umzusetzen weiß, weil er vernetzt und umtriebig ist, soll er kein Chef mit Weitsicht sein? Und bloß weil Chatrian die Berlinale fürs Erste nicht vollständig umkrempeln will, soll er nicht auch für Überraschungen gut sein?

THESE 2: Quereinsteiger sind passé, die Profis haben Konjunktur

Der Ruf nach Stars, nach Alleskönnern war laut in Berlin. Ob beim Humboldt-Forum, der Berlinale oder in den Bühnen und Konzerthäusern, vielerorts ist auf wohltuende Weise Ernüchterung eingetreten. Eine Art hellsichtiger Ernüchterung. Der Wechsel eines Museums-Doyens in die Theaterwelt hat nicht funktioniert, wobei es noch einmal gesagt sei: Chris Dercon hatte kaum eine Chance angesichts der Unwillkommenskultur, die ihm entgegenschallte. Er hat diese Chance seinerseits aber auch zu wenig genutzt. Am Berliner Ensemble hat der Profi Oliver Reese eine ansehnliche erste Spielzeit präsentiert, Matthias Schulz legt nach dem Wiedereinzug ins Stammhaus der Staatsoper einen sanften Übergang nach der Flimm-Ära hin, auch Dorgerloh werden durchaus TausendsassaQualitäten bescheinigt. Und selbst die Profis entrümpeln, siehe Paul Spies in seinem zweiten Jahr am Stadtmuseum mit der neuen Dauerausstellung.

Andererseits: Die Personalpolitik von Bund und Land setzt zwar auf Befriedung, aber es sind weiter reichlich Querdenker am Werk. Stephanie Rosenthal machte beim Gropius-Bau erstmal Tabula rasa, jetzt will sie mit einer Mischung aus BodyArt und Archäologie-Ausstellungen die Tradition des Museums wahren und gleichzeitig umkrempeln. Justin Doyle führt den Experten zufolge den Rias Kammerchor aus der Komfortzone. Vladimir Jurowski hat sich beim RSB bereits als intellektueller Experimentator hervorgetan. Wenn er Beethoven in der Bearbeitung von Mahler dirigiert, mit Riesen-Orchesterbesetzung, wenn er Schönbergs „Überlebenden aus Warschau“ mitten in Beethovens Neunte hineinverpflanzt, revolutioniert er das Kernrepertoire. Ganz Berlin – eine Kulturwerkstatt.

THESE 3: Das Kerngeschäft ist wieder wichtiger als Kommunikationstalent

Die größten Ähnlichkeiten der letzten Jahre lassen sich bei Simon Rattle und Dieter Kosslick feststellen. Zwei Charismatiker, zwei Entertainer mit hoher sozialer Kompetenz nehmen ihren Abschied. „Rhythm is it!“ und Berlinale Talents, Lunchkonzerte und Kulinarisches Kino, Digital Concert Hall und Berlinale goes Kiez: Beide haben Grenzen überwunden, neue Zuschauerschichten erschlossen. Die „Zeit“ nennt Rattle die „Galionsfigur eines gesellschaftlichen Liberalismus, der seine Unschuld noch nicht verloren hatte“. Ähnliches ließe sich auch von Kosslick sagen. Welthaltigkeit, frische Luft, keine Schranken zwischen U und E, offene Türen bei den Musentempeln, das prägte die Ära Rattle/Kosslick.

Andererseits: Der designierte Philharmoniker-Chef Petrenko ist zwar interviewscheu, aber die Musiker bescheinigen ihm hohe Zugewandtheit bei der Probenarbeit. Ein vergeistigter, mit Kommunikation geizender Maestro im Elfenbeinturm ist Petrenko gewiss nicht. Und Carlo Chatrian wechselt vom Publikumsfestival Locarno nach Berlin. Dem „Hollywood Reporter“ sagte er gerade, er werde seine öffentlichen Gespräche mit Regisseuren vor den Piazza-Grande-Zuschauern vermissen. Vielleicht führt er solche Gesprächsformen ja auch bei der Berlinale ein.



THESE 4: Kultur soll noch mehr für alle da sein

„Bessere Zugänge zu Kunst und Kultur“, so steht es im Koalitionsvertrag. Gerade wurden mehr Gelder für Förderfonds und niedrigschwellige Kulturangebote vom Haushaltsausschuss bewilligt. Die rot-rotgrüne Landesregierung hat sich Teilhabe und „interkulturelle Öffnung“ sowieso auf die Fahnen geschrieben. Aber ist es nicht längst state of the art, dass ein Chefdirigent, ein Festivaldirektor, eine Museums- oder Theaterchefin nicht nur was vom Fach versteht, sondern auch von der Vermittlung? Dass Anspruchsvolles im breiten Stil an den Mann und die Frau gebracht wird? Künstler und Kuratoren in Leitungsfunktion müssen das Handwerk des Kommunizierens beherrschen, sie sind Dienstleister der Künste und des Publikums. In vielen Häusern läuft es gerade deshalb seit geraumer Zeit rund, von der Deutschen Oper über die Schaubühne bis zum Deutschen Theater.

Kultur in Berlin ist schon lange für alle da. Simon Rattle hat die Hochkultur beileibe nicht als Einziger demokratisiert. Man muss nur am Tag der offenen Tür mal das Konzerthaus besuchen, mit Publikums-Dirigieren, 360-Grad-Konzerten und „Wünsch dir was“ aus 100 Werken. Auch die Staatsoper legt mehr Educationprogramme auf, gleichzeitig holt Matthias Schulz das zeitgenössische Musiktheater aus der Nische. Das Humboldt-Forum wiederum hat nach der Eröffnung im Herbst oder Winter 2019 freien Eintritt in Aussicht gestellt. Und Carlo Chatrian wird die Berlinale garantiert als Publikumsfestival weiterführen.

THESE 5: Die Chefetagen werden jünger, diverser und internationaler

Vor allem die Klassikszene hat sich deutlich verjüngt, mit Ticciati (34), Rubikis (39), Schulz (41) und Doyle (42). Und besonders der Jahrgang 71/72 startet durch: Rosenthal, Chatrian, Jurowski und Petrenko sind 46. Bei den großen Institutionen zählt aber auch die Kombination aus Energie und Erfahrung. Dorgerloh ist 56, Paul Spies 58, Mariette Rissenbeek 62, Christoph Eschenbach zählt sogar 78 Lenze. Im Konzerthaus ist er als Übergangskandidat installiert – warum nicht.

Die Zahl der Frauen steigt sehr langsam in der Berliner Kultur, auch wenn Grütters sich die Frauenfrage zu eigen gemacht hat. Trotz ProQuote ist die gläserne Decke offenbar dick. Immerhin ist mit Andrea Zietzschmann seit September 2017 die zweite Philharmoniker-Intendantin im Amt, und die Berlinale kann als erstes Festival dieses Kalibers einer gemischten Doppelspitze entgegensehen. Kleinere Museen werden schon länger von Frauen geleitet, und ihre frisch gekürten Nachfolgerinnen sind wieder Frauen, Josephine Gabler beim Kollwitz- und Lisa Marei Schmidt beim Brücke-Museum. Und es sind in der Tat etliche Europäer am Werk, Briten, Niederländer, Russen, ein Italiener, ein Lette. Polyglotte Chefs, das ist auch nicht neu, passt aber weiterhin zur internationalen Kulturstadt.

Globale Krisen, eine gefährdete offene Gesellschaft, die von sozialer Spaltung bedroht ist, wie macht man da Kulturarbeit? Mit Geschichtsbewusstsein, Reformwillen, Haltung und Mobilität. Mit einem historisierenden Schloss, hinter dessen Fassade die ethnologischen Sammlungen den Fragen von Kolonialismus und Eurozentrismus standhalten müssen. Mit Beethovens Neunter wie gehabt zu Silvester, aber von einer Uraufführung flankiert, wie Jurowski und das RSB versprechen. Mit Netrebko und einem Kinderopernorchester Unter den Linden.

Baustellen gibt es trotzdem genug. Die Museumsinsel. Das Kulturforum mit der aufgerissenen Herbert-von-Karajan-Straße und der Aussicht auf das Museum des 21. Jahrhunderts. Die reformbedürftige Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Die Volksbühne. Zukunft ist immer.

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