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Den Schlangenkörper bedeckt ein Federkleid, der Kopf endet in einem Adlerschnabel
© Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum/Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, digitale Reproduktion: Jester Blank GbR

Highlights für das Humboldt Forum: Geheimnisvolles Mischwesen

Die Quauhcoatl, eine Adlerschlange, führt zum Gründungsmythos der Azteken. Demnächst zieht sie ins Humboldt Forum

Der majestätische Adler galt bei den Azteken (1325– 1521) als Sinnbild der Sonne. Die gefährliche Klapperschlange dagegen war das Tier am Boden, das den Menschen am meisten Respekt abverlangte. Quauhcoatl, ein geheimnisvolles mythisches Mischwesen, kombiniert Elemente des Adlers (aztekisch quauhtli) mit denen der Klapperschlange (coatl). Der ganze, kunstvoll in sich verschlungene Schlangenkörper ist mit dem Federkleid eines Königsadlers bedeckt, mit Ausnahme der deutlich erkennbaren Rassel am Schwanzende. Auch die Augenpartie und den Schnabel mit nach vorne gekrümmtem Oberschnabel hat der Steinmetz dem Raubvogel abgeschaut. Über dem Nacken ist ein Band befestigt, auf dem ein Kreis mit vier kleineren Außenkreisen zu sehen ist. Es ist die aztekische Hieroglyphe für Grünedelstein – eine Metapher für Kostbarkeit und ein Symbol für das lebensspendende Wasser, für das frische Grün der Quellen und Seen.

Bis heute sind Adler und Kaktus auf Mexikos Flagge zu sehen

Die perfekt erhaltene Quauhcoatl führt uns außerdem zum Gründungsmythos der Azteken. Nach ihrer Wandersage nämlich war „Adlerschlange“ der bilderschriftliche Name eines von vier teomama. Sie waren die Priester, die ihr Volk aus der mythischen Urheimat Aztlan auf die generationenlange Wanderung nach Süden zu ihrer späteren Hauptstadt Mexiko-Tenochtitlan führten. Sie trugen dabei die heiligen Bündel mit den Kultobjekten ihres Kriegs- und Schutzgottes Huitzilopochtli. Der Legende nach wurden die Azteken an jener Stelle sesshaft, an der sich die Prophezeiung erfüllte und sie einen Adler beobachteten, der sich auf einem Steinkaktus niederlässt. Bis heute ist dieses Nationalsymbol auf Mexikos Flagge zu sehen.

Die Andesit-Skulptur der Quauhcoatl ist Teil der Sammlung des Berliner Kolonialkaufmanns Carl Uhde, der von 1823 bis 1835 in der Hauptstadt der jungen Republik lebte und dort archäologische Sammlungen anlegte, wobei er sich die Zustände der ersten instabilen Jahre der mexikanischen Unabhängigkeit (1821) zunutze gemacht haben dürfte. Über das Zustandekommen notierte ein Zeitgenosse, der „geistreiche deutsche Landsmann“ habe mit „großen Kosten und kritischem Scharfsinn eine sehr ansehnliche Collection“ zustande gebracht. „Er hatte stets mehrere für diesen Zweck besonders ausgesuchte, thätige und intelligente Commis in seinem Dienste, die er auf Ausgrabung, Aufspürung und Ankauf antiquarischer Gegenstände nach allen Richtungen hin versendete. Wir pflegten diese jungen Leute scherzweise Götzenreiter zu nennen.“ (Koppe 1837).

Der Kreis im Nacken zeigt die aztekische Hieroglyphe für Grünedelstein.
Der Kreis im Nacken zeigt die aztekische Hieroglyphe für Grünedelstein.
© Staatliche Museen zu Berlin, Ethnologisches Museum/Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, digitale Reproduktion: Jester Blank GbR

Nach seiner Rückkehr aus Mexiko erwarb Uhde das Handschuhsheimer Schlösschen in der Nähe von Heidelberg und richtete es für seine viel beachtete Sammlung, mit mehr als 6000 Nummern, als „Museum Aztekisch-Mexikanischer Altherthümer“ ein, darunter befand sich auch die Adlerschlange. Nach Uhdes Tod kaufte 1862 Leopold von Ledebur, Direktor der Königlich Preußischen Kunstkammer, die einzigartige Sammlung für Berlin an.

Erst kürzlich wurde eine alte Kohlezeichnung des Stücks entdeckt

Eine Dokumentation seiner Sammlung hat Uhde nicht hinterlassen. Erst vor wenigen Jahren entdeckte der Archäologe Leonardo López-Luján in der Biblioteca Nacional de Antropología e Historia in Mexiko-Stadt zahlreiche Kohlezeichnungen von aztekischen Skulpturen. Angefertigt hatte diese der Dragonerkapitän Guillermo Dupaix (1750–1818), von dem bekannt ist, dass er bald nach seiner Ankunft in Neu-Spanien sein Interesse für die Kulturen der Kolonie entdeckte.

Unter den Zeichnungen, die zwischen 1791 und 1804 entstanden sein müssen, ist auch eine Zeichnung der Berliner Adlerschlange, versehen mit tintenschriftlichen Anmerkungen über Fundort und Material. Azcapotzalco, heute ein Stadtbezirk von Mexiko-Stadt, ist also der Ort, an dem die mythische Adlerschlange einst verehrt, gefunden, gezeichnet wurde und von dem sie abtransportiert wurde um nach Europa verschifft zu werden.

Im Humboldt Forum wird die Quauhcoatl in der Mesoamerika-Ausstellung einen prominenten Platz erhalten und zusammen mit weiteren aztekischen Steinskulpturen, die ebenfalls Hieroglyphen tragen, zu bestaunen sein.

Die Autorin ist Kuratorin für die Archäologie Mesoamerikas am Ethnologischen Museum der Staatlichen Museen zu Berlin.

"Vögel und Reptilien sind eng verwandt"

"Vögel und Reptilien sind eng verwandt"
Mandy Carnarius, Fachtierärtzin für Vögel und Reptilien in Berlin-Zehlendorf:

Eine merkwürdige Kombination: Adler und Schlange. Auf den ersten Blick erkennt man den Adler in dieser Skulptur gar nicht, denn jede Schlange hat ja Schuppen – ich habe erst auf den zweiten Blick gesehen, dass es sich um Federn handelt. Für eine echte Klapperschlange wäre es sehr ungewöhnlich, sich zu einem solchen Knoten zusammenzuballen. Klapperschlangen sind Fluchttiere, so zusammengeknotet könnten sie kaum fliehen. Nur wenn sie sich sehr sicher fühlen, rollen sie sich ein, aber dann eher zu einem Kringel. Ich finde es interessant, dass die Azteken diese beiden Tiere zusammengebracht haben, denn evolutionsgeschichtlich sind Vögel und Reptilien einander sehr nahe: Beide sind, anders als Säugetiere, noch direkt mit den Dinosauriern verwandt. Das weiß die Wissenschaft noch gar nicht lange – die Azteken haben diese Ähnlichkeit vielleicht erkannt?

Als Haustiere sind Schlangen für die meisten Menschen nicht attraktiv, weil sie sich kaum bewegen, meist hängen sie nur rum. Aber sie haben etwas Faszinierendes, Geheimnisvolles, Urtümliches. Manchmal kommen Halter in meine Praxis, weil ihre Schlange seit drei Wochen nicht gefressen hat. Dann sage ich: Keine Angst, die ist gut genährt, die hält auch noch weitere drei Wochen aus!

Protokoll: Dorothee Nolte

"So filigran - das ist hohe Steinmetzkunst"
Diplom-Restaurator, Steinmetz- und Steinbildhauermeister Carlo Wloch:

Das Stück ist handwerklich brillant gemacht. Es ist aus Granit, das sehe ich – ein sehr harter Stein. Ihn mit den einfachen Mitteln von damals so filigran, so feingliedrig zu bearbeiten, ist eine hohe Kunst. Heute hat man Diamantwerkzeug zum Schleifen und Fräsen. Ich denke, dass mehrere Steinmetze daran gesessen haben. So war es auch zu meiner Zeit in der DDR im VEB Stuck und Naturstein: Helfer brachten den Stein in Form, Gesellen und Meister machten die Feinarbeiten. Das war Arbeit mit Kopf und Hand. Heute kommt meist Technik zum Einsatz: Ein Computer scannt, ein Roboter fräst die grobe Form. Ich finde das schade. Die Werke sind viel zu glatt, zu wenig lebendig, weil keine Arbeitsspuren früherer Epochen mehr zu erkennen sind. Die Adlerschlange wirkt gerade durch ihre lebhafte Oberfläche so natürlich. Ich habe an der Rekonstruktion des Berliner Schlosses mitgewirkt. Dass auch dort viele Figuren und Ornamente per Roboter entstanden, war ein bitteres Erlebnis für mich. Ich finde es auch befremdlich, aztekische Kunst in einem preußischen Schloss zu zeigen. Das ist doch ein kultischer Stein! Wie wäre uns zumute, wenn einer käme mit Macht und Geld und das Vermächtnis unserer Ahnen in ein fremdes Land schafft?

Protokoll: Silke Zorn

An insgesamt acht Standorten – Gemäldegalerie, Neues Museum, Altes Museum und Pergamonmuseum – präsentieren die Staatlichen Museen noch bis zum 26. Mai ihre Highlights für das Humboldt Forum aus dem Ethnologischen Museum und dem Museum für Asiatische Kunst. Die Adlerschlange ist im Neuen Museum zu bestaunen. Zukünftig wird sie in den Museen im zweiten Obergeschoss des Humboldt Forums ausgestellt. Mehr im Internet.

Der nächste und letzte Teil der Tagesspiegel-Serie erscheint am 28. Mai: Vergnügen

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