Die Gelbwesten verlangen vor allem Respekt

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Gelbwesten-Proteste in Frankreich : Im Herzen der französischen Gesellschaft
Eberhard Spreng
Proteste der "Gilet Jaunes" am vergangenen Wochenende in Paris.
Proteste der "Gilet Jaunes" am vergangenen Wochenende in Paris.Foto: AFP

Eine Aktivistin sagte im Nachrichtenkanal LCI einen wichtigen Satz: „Macron ist König. Aber er hält zum Adel, und er missachtet sein Volk.“ Es gehört zu den Grundfesten der französischen Nation, dass der König das Volk vor der Willkür adeliger Lokalgrößen zu beschützen hat, als deren heutige Nachfolger die Oligarchen der großen Konzerne angesehen werden. Ein ungebrochener, postroyalistischer Restkonsens legitimiert für jede Französin und jeden Franzosen die Machtfülle des Präsidenten in einer zentralistischen Republik. Aber nur solange er sich um die Nöte des Volkes sorgt. Macron jedoch ließ mit diversen despektierlichen Äußerungen eine Missachtung der Unter- und Mittelschicht erkennen.

Das vor allem verlangen die Gelbwesten: Respekt. 41 Punkte umfasst die Liste ihrer Forderungen, die inzwischen weit über die Abschaffung der neuen Treibstoffsteuer hinausgehen. Viele lesen sich wie klassische Sozialdemokratie, etwa die Wiedereinführung der Vermögenssteuer. Die Rückkehr zum siebenjährigen Präsidentschaftsmandat wird ebenso genannt wie die Einführung von Volksbegehren. Eine im derzeitigen Europa zunächst zu vermutende Nähe zur neuen Rechten lässt sich kaum herauslesen; auch der Verdacht der Fremdenfeindlichkeit verfängt nicht, wenn man von spontanen Äußerungen einmal absieht.

Édouard Louis kehrt solche Kritik um und macht darauf aufmerksam, dass man ihn bei jedem neuen Roman beschuldigt habe, „das arme, ländliche Frankreich zu stigmatisieren, wenn ich von der Homophobie und dem Rassismus in meinem Heimatdorf spreche. Das waren Journalisten, die für die Unterschicht noch nie eingetreten sind und die sich plötzlich zu deren Verteidigern aufschwingen.“

Eher handelt es sich bei der Bewegung um eine Spielart des linken Populismus, der Sahra Wagenknecht und ihrem Mastermind der Bewegung „Aufstehen!“, dem Dramaturgen Bernd Stegemann gefallen dürfte. In Frankreich versucht der Philosoph Michel Onfray seit einiger Zeit, den Populismus-Begriff ins Positive zu wenden. Er sei Freund des Volkes, also Populist. Die politische Klasse um Macron aber sei ein „Populicide“, Volksvernichter. Den Begriff lancierte einst der Revolutionär Gracchus Babeuf im Jahre 1794.

An diesem Samstag, dem vierten nationalen Protesttag, könnte es erneut zu Brandsätzen und Tränengaseinsatz in der französischen Hauptstadt kommen. Ein inoffizieller Anführer der Bewegung, der LKW-Fahrer Éric Drouet, hatte im Fernsehen davon gesprochen, man wolle ins Herz der Macht vordringen, in den Élysée-Palast. Für die von der übergroßen Mehrheit der Franzosen positiv bewertete Bewegung droht eine politische Korruption durch den „Bloc Noir“, den schwarzen Block, aber auch durch die mediale Abwertung der Basisbewegung.

Louis stellt zwei Formen der Gewalt einander gegenüber

Was die für alle Revolten zentrale Gewaltfrage angeht, stellt Édouard Louis zweier Formen der Gewalt einander gegenüber. „In der politischen und medialen Sphäre wollen uns viele glauben machen, Gewalt seien nicht die Tausende von der Politik zerstörten und ins Elend gestoßenen Existenzen, sondern ein paar brennende Autos. Nur wer Armut nie kennen gelernt hat, kann denken, dass ein Graffiti auf einem historischen Gebäude schlimmer ist als die Unmöglichkeit, sich selbst zu versorgen und seine Familie ernähren zu können.“

Was wird aus der in der Provinz geborenen Bewegung der Alleingelassenen, der Mittellosen und Abgehängten, wenn sie sich auf das Theater der Politik und der Medien einlässt, in das Spiel der symbolischen Repräsentation in Paris? Am Triumphbogen? Am Élysée-Palast? Während das Fernsehen zunehmend auf telegene Wortführer zurückgreift, können sich die Gelbwesten immer noch nicht auf eine offizielle Vertretung einigen. So bleibt die zentrale Frage der Repräsentation ungeklärt, in doppelter Hinsicht.

Aber die Bewegung müsse weitergehen, fordert Édouard Louis. „Sie verkörpert etwas Gerechtes, Dringendes, Radikales.“ Die Missachtung und Verachtung von viel zu lange ungehörten Stimme habe „viele Menschen um mich herum zerstört und zerstört sie weiterhin“, Auch ihn selbst als Schriftsteller lähme diese Verachtung. „ Aber wir müssen siegen. Wir sind so viele, die sich sagen, dass eine weitere Niederlage der Linken, für alle die, die leiden, nicht mehr zu ertragen ist."

Ob die Bewegung den politischen Erfolg hat, den Frankreich für eine friedliche Zukunft braucht, hängt jetzt von der Frage ab, wie schnell Politik, Sicherheitskräfte und Demonstranten mit der neuen Situation zurechtkommen. Denn es sind nicht mehr nur die so genannten Ränder der Gesellschaft, nicht mehr nur die Banlieue, die Kinder der Immigration oder die Flüchtlinge, die die Globalisierung als Krise erleben. Das Krisengefühl rückt in die Mitte der Gesellschaft.

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