„Glory to Hong Kong“ : Wie ein Lied zur Hymne des Protest gegen China wurde

Hoffnungsvolles Pathos von liturgischer Qualität: In Hongkong machen sich die Protestierenden mit „Glory to Hong Kong“ Mut. Jetzt ist es ein viraler Hit.

Singen statt Shoppen: Eine Menschenmenge stimmt in einem Einkaufszentrum „Glory to Hong Kong“ an.
Singen statt Shoppen: Eine Menschenmenge stimmt in einem Einkaufszentrum „Glory to Hong Kong“ an.Foto: Philip FONG/AFP

Es sieht aus, als wäre das Leben für einen Augenblick eingefroren. Weit über 1000 Menschen verteilen sich über die fünf Stockwerke eines Einkaufszentrums – und singen. Ein riesiger Flashmob, der den Betrieb in dem Konsumtempel lahm legt, während die Werbung weiter über die Leinwände flimmert. In den Malls, Straßen und Fußballstadien Hongkongs hat der Alltag in den vergangenen sieben Tagen immer wieder eine kleine Auszeit genommen. Videos mit spontanen (und geplanten) Menschenaufläufen kursieren im Internet, sie bilden in den sozialen Medien inzwischen ein eigenes Genre.

Auslöser ist ein Lied, das die friedliche Protestbewegung, die sich seit über drei Monate der Polizeigewalt entgegenstellt, zu ihrer Erkennungsmelodie erkoren hat. Viele Hongkong-Chinesen wünschen sich „Glory to Hong Kong“ bereits als Hymne der ehemaligen Kronkolonie, die seit der Übernahme durch China vor 22 Jahren vorerst noch den Status einer Sonderverwaltungszone genießt.

Am vergangenen Dienstag stimmten Fans beim Fußball-WM-Qualifikationsspiel Hongkongs gegen den Iran lautstark „Glory to Hong Kong“ an, während die chinesische Nationalhymne lief, und übertönten damit das verhasste Lied. Am selben Tag tauchte erstmals das Video aus dem Einkaufszentrum New Town Plaza im Netz auf, es wurde innerhalb weniger Tage über eine Million Mal aufgerufen. Schnell war das Video auch mit englischen und japanischen Untertiteln zu finden. Das kulturelle Phänomen könnte zum politischen Problem für das chinesische Regime auswachsen.

We Shall Overcome

„Singen setzt Kräfte frei“, sagt der Aktivist Wong Yik Mo von der Civil Human Rights Front, der in der vergangenen Woche Joshua Wong, den Medienstar der Protestbewegung, auf seiner Reise durch Deutschland begleitete. Bei vielen Aktivisten waren Gesänge nach der sogenannten Regenschirm-Revolution von 2014 verpönt. Damals wurde für freie Wahlen in Hongkong gekämpft und die Protestierenden adaptierten bereits „Do You Hear the People Sing?“ aus dem Musical „Les Misérables“ sowie die Hymne der US-Bürgerrechtsbewegung „We Shall Overcome“.

Aber, so die Kritiker, der friedliche Widerstand sei folgenlos geblieben, harte Aktionen wurden gefordert. „Heute sieht die Lage viel schlimmer aus“, sagt Wong Yik Mo. „Damals hieß es lediglich ,Wir bleiben stark trotz Tränengas’. Inzwischen ist die Botschaft fordernder: ,Demokratie, befreit Hongkong’. Mit einer gemeinsamen Sprache erinnern wir uns unserer Identität. An dieser Form des Protests können alle teilnehmen, auch Kinder und ältere Menschen.“

Im Unterschied zu Klassikern des Protestlied-Genres wie „Where Have All the Flowers Gone?“ ist „Glory to Hong Kong“ eine Gemeinschaftsproduktion, das Lied gehört gewissermaßen der Bewegung. Urheber ist ein junger Musiker, der Ende August unter dem Pseudonym „Thomas dgx“ die erste Version von „Glory to Hong Kong“ auf Youtube veröffentlichte.

Dem „Time Magazine“ erklärte er, er habe das Stück geschrieben, um die Moral zu stärken. Der Text war mit Hilfe der Netz-Community im Hongkong-basierten Onlineforum LIHKG entstanden, mittlerweile kursieren im Netz die unterschiedlichsten Versionen und Übersetzungen. Der Protest geht im besten Wortsinn viral. Er ist ansteckend, mutiert.

Einige Versionen verwenden den Schlachtruf „Reclaim Hong Kong, Revolution of our Time“, der schon früh in den Straßen zu hören war. Auch die ehemalige Abgeordnete Margaret Ng hat eine Übersetzung beigesteuert: „See! Dawn breaks! Hong Kong again clothed in Light / O Daughters and Sons, for Justice in our Time / May Freedom and Democracy for ever live / May Glory be to Thee, Hong Kong“.

Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam hat zwar angekündigt, das umstrittene Auslieferungsgesetz, das die Demos auslöste, nicht umzusetzen, doch für die Protestierenden kommt das zu spät.

Sie fordern mehr Autonomie gegenüber China, außerdem eine Amnestie aller verhafteten Protestierenden. „Macht ist nicht nur körperlich, sondern auch geistig“, meint Wong über die Bedeutung des Protests für die Menschen in Hongkong. „Die Teilnehmer kommen aus der gesamten Bevölkerung, es sind IT-Experten, Ärzte, Musiker und Professoren darunter. Es gibt keine Anführer, alle sind gleich wichtig.“

Eine gemeinsame Zukunftsvision

Identitätsstiftend an „Glory to Hong Kong“ ist vor allem das hoffnungsvolle Pathos des Textes voller Formulierungen wie „in Licht gehüllt“ „Kopf hoch“ im Zusammenspiel mit der liturgischen Qualität der bläser-dominierten Komposition. Weder Wut noch Verbitterung sprechen aus der Musik: Die Protestierenden sind nicht vereint gegen einen übermächtigen Gegner, sie verkünden bereits eine gemeinsame Zukunftsvision.

„Menschen brauchen ein Gefühl von Stolz und Ehre“, erklärt Wong den Erfolg des Liedes, „darum fand es so schnell Verbreitung. Singen ist friedlich und ,im Rahmen der Gesetze’, wie es aus Peking immer heißt. Die Polizei kann nichts tun, deswegen schicken sie auch Mitglieder der Triaden auf die Straße, die mit der chinesischen Nationalhymne die Proteste stören.“

Mehr noch als ein Stück gemeinschaftlicher Identität bietet „Glory to Hong Kong“ eine Form des Protests, die über Symbolik hinausgeht. Der Protest ist in Bewegung, er verbreitet sich parallel im Netz und in den Straßen. Wong vergleicht ihn mit einem vielköpfigen Drachen – ein in der chinesischen Tradition hoch verehrtes Fabelwesen. „Auch wenn jemand festgenommen wird, singen immer noch Tausende.“

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