Holocaust im Nationalsozialismus : So sah der jüdische Alltag in KZs in Polen aus

Die Quellenedition VEJ will den Opfern des Holocaust eine Stimme geben. Der neue Band widmet sich den Konzentrationslagern im besetzten Polen.

Deportation nach Treblinka, 1942.
Deportation nach Treblinka, 1942.Foto: CAF

Den Opfern eine Stimme zu geben, sie in ihrem Menschsein kenntlich zu machen, ist die vornehmste Aufgabe der Quellenedition „Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933 - 1945“ (VEJ).

Sie ist auf 16 Bände angelegt und geografisch gegliedert. Nun ist mit Band 10 derjenige erschienen, der die in das Gebiet des Deutschen Reiches eingegliederten Teile Polens behandelt, also nicht dessen als „Generalgouvernement“ verwalteten Kernlande.

Die Orientierung der Edition an den damals vom NS-Regime verfügten Verwaltungs- und Militärgrenzen ist gerade beim vorliegenden Band sinnvoll, als es sich eben offiziell um Reichsgebiet handelte. Andererseits macht schon eine kursorische Lektüre der – wie stets – rund 300 Dokumente auf gut 800 Seiten deutlich, dass sich die Grausamkeit der Nazi-Schergen und dementsprechend das unsägliche Leid der Juden in nichts von anderen Gebieten unterschied.

Es ist das Editionsprinzip des auf 16 Bände angelegten Vorhabens, Schriftquellen der unterschiedlichsten Art, vom Behördenschrieb eines SS-Offiziers bis zur verzweifelt hingekritzelten Nachricht eines Verfolgten, allein nach chronologischer Ordnung vorzustellen und so weit als nötig zu erläutern, insbesondere hinsichtlich biografischer Angaben.

Dieses Prinzip hat viel Fachkritik erfahren. Mit den nunmehr 14 vorliegenden Bänden und ihrer in jeder Hinsicht erdrückenden Materialfülle ist jedoch ein bis dahin kaum vorstellbares Bild des Holocaust in seinem Ablauf sichtbar geworden.

Polnische Juden mussten weichen

Die eingegliederten Gebiete, hauptsächlich die Reichsgaue Danzig-Westpreußen und Wartheland, sollten den rund 500 000 aus dem Osten Europas umgesiedelten „Volksdeutschen“ als neue Heimat dienen. Die polnischen Juden mussten weichen; sie sollten ins benachbarte Generalgouvernement abgeschoben werden.

Das allerdings gelang nicht recht; stattdessen „war die Situation der Juden in den eingegliederten Gebieten gekennzeichnet von einer intensiven Ausbeutung als Zwangsarbeiter“ – heißt es in der Einleitung des Bandes –, „wie sie in den größeren Gettos, in Ostoberschlesien dagegen durch ein umfängliches Lagersystem der SS organisiert wurde“.

In Ostoberschlesien befand sich das Konzentrationslager Auschwitz mit seinen zahlreichen Außenlagern; es ist in Band 16 dokumentiert.

Normalität aufrecht erhalten

Im Warthegau hingegen bildete die polnische Stadt Lodz, 1940 zu „Litzmannstadt“ eingedeutscht, das Zentrum der Verfolgung. Von den ursprünglich rund 400 000 im Wartheland lebenden Juden wurden die nach den Vertreibungen ins Generalgouvernement zunächst verbliebenen 250 000 im Getto Lodz zusammengepfercht.

Die Besonderheit des Gettos bestand in seiner Funktion als Arbeitskräftelieferant. Das NS-Regime bediente sich auch hier der Instanz eines „Judenältesten“, der die deutschen Befehle auszuführen hatte und dem die fürchterliche Aufgabe der Selektion arbeitsfähiger Ghettoinsassen aufgebürdet wurde.

Der Judenälteste Mordechai Chaim Rumkowski versuchte, so etwas wie Normalität aufrecht zu erhalten und das Getto durch Arbeitsleistungen vor Deportationen zu schützen. Das gelang nicht; Vielmehr wurde für die Durchführung der inzwischen von SS-Chef Himmler abgesegneten Mordaktionen das nahe Vernichtungslager Kulmhof/Chelmno angelegt.

Im August 1944 wurden das Getto Litzmannstadt aufgelöst und seine verbliebenen 68 000 Bewohner, darunter der „Judenälteste“ Rumkowski, nach Auschwitz-Birkenau deportiert und ermordet.

Grausamkeit der NS-Schergen

„Charakteristisch für die schrankenlose Willkür und den Terror gegen Juden war im Reichsgau Wartheland wie in den anderen besetzten polnischen Gebieten die Alltäglichkeit der Verbrechen“, schreibt Bandherausgeber Ingo Loose in der Einleitung.

Beigefügte Dokumente zeugen von der Grausamkeit der NS-Schergen; und sei es, wie der Bericht eines KZ-Häftlings aus Kulmhof festhält, die eingepferchten Opfer nachsprechen zu lassen, „Wir Juden danken Adolf Hitler für das Essen“.

Zugleich funktioniert die NS-Herrschaft behördenmäßig. So schickte die Reichsbahn der Gestapo eine Rechnung für sieben Deportationszüge über 20 484,80 Reichsmark: „Ich bitte, den Betrag bei der Fahrkartenausgabe Litzmannstadt Hbf einzuzahlen.“

Kein Ausweg

Den Schwestern Roza und Lusia Gips gelang es, 1942 noch eine Postkarte an ihre Eltern im Getto Warschau abzusenden: „Ihr Lieben! Nichts hilft, wir wissen Bescheid, es gibt keinen Ausweg.“

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Nein, es gab keinen Ausweg. Dass die polnische Exilregierung in London den ihr übermittelten Nachrichten über die Mordaktionen nur „geringen Stellenwert“ beimaß, ist eine Tatsache, die die Einleitung nicht verschweigt. Das mindert kein Jota an den Verbrechen des NS-Regimes. Von 400 000 Juden allein im Warthegau überlebten weniger als 10 000, in den eingegliederten Gebieten wurden „mehr als eine halbe Million Juden von den Deutschen ermordet“.
Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Band 10: Polen. Eingegliederte Gebiete, August 1941- 1945. Bearb. Ingo Loose. De Gruyter Oldenbourg, Berlin/Boston 2020. 862 S., 59,95 €.

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