• Interview mit dem Intendanten des DT: Herr Khuon, wie fühlt es sich an, ein Theater ohne Zuschauer zu leiten?

Interview mit dem Intendanten des DT : Herr Khuon, wie fühlt es sich an, ein Theater ohne Zuschauer zu leiten?

Wie fährt man einen Bühnenbetrieb herunter? Ein Gespräch mit Ulrich Khuon, Intendant des Deutschen Theaters Berlin, über Kommunikation in Zeiten des Coronavirus.

Ulrich Khuon
Ulrich KhuonFoto: Klaus Dyba

Die vorerst letzte Premiere am Haus war – der Zufall wollte es – Kirill Serebrennikovs Version des „Decamerone“ nach Boccaccio, jener Sammlung von Erzählungen aus dem von der Pest zerstörten Italien des 14. Jahrhunderts. Ulrich Khuon musste, wie alle anderen auch, sein Theater jetzt schließen. Geboren 1951 in Stuttgart, blickt er mit Intendanzen in Konstanz, Hannover und Hamburg auf eine lange Theaterlaufbahn zurück. Khuon ist seit 2009 Intendant des Deutschen Theaters Berlin und seit 2017 Präsident des Deutschen Bühnenvereins. Das DT ist ein Staatstheater und muss sich um seine Existenz nicht sorgen. Dennoch – die Einschnitte sind hart, nicht zuletzt auch für das Publikum. Das Gespräch wurde telefonisch geführt.

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Herr Khuon, wie fühlt es sich an, wenn Sie als Intendant am Morgen in ein geschlossenes Theater kommen, wenn es am Abend keine Zuschauer mehr gibt?
Es ist depressionsfördernd, um es einmal vorsichtig auszudrücken, es ist traurig. Wir haben inzwischen auch den Probenbetrieb eingestellt. Allerdings musste ich in meinem langen Theaterleben schon manchen Schock erleben, wenn Regisseure und Schauspieler gestorben sind, mit denen man mitten in Projekten war.

Der Tod von Jürgen Gosch, von Mitko Gotscheff, der Tod von Sven Lehmann – das Deutsche Theater hat es im letzten Jahrzehnt sehr hart getroffen.
Ja, und der Tod von Christoph Schlingensief, mit dem wir mitten in einer Produktion steckten! Diese Endgültigkeit begleitet einen doch sehr, sehr lange, wenn Kollegen sterben. Damit muss man fertig werden. In der jetzigen Situation aber wissen wir, dass wir hoffentlich bald wieder gemeinsam Theater machen können. Wir wissen auch, dass wir gebraucht und geschätzt werden, die Theater waren ja bis zu dieser Schließung voll. In der Corona-Krise muss man sich immer wieder sagen, dass es vorbeigehen wird, was man jetzt gemeinsam durchmacht – aber eben gemeinsam und solidarisch.

Seltsam ist, dass Theater, dass Kunst überhaupt fast immer von großen persönlichen Katastrophen und Menschheitskrisen handelt. Darum drehen sich die Stücke, das wird Abend für Abend gespielt. Kulturleute sollten eigentlich am besten wissen, dass es Krisen nicht nur in Büchern und auf Bühnen gibt …
Das Theater ist ein Zwischenraumgestalter, eine Art Unterbrecher. Es ist ein Ort, an dem wir die Selbstverständlichkeiten in Frage stellen. Normalerweise sind wir doch alle in einem Dauerarbeitsmodus, wir tun so, als gäbe es kein Ende. Das Theater aber zeigt die Ausnahmesituation, das Ende einer Beziehung, den politischen Verrat, den gesellschaftlichen Zusammenbruch. Und jetzt passiert uns Theaterleuten das real, was wir sonst immer für die Gesellschaft tun, was wir ihr vorführen: Wir selbst sind unterbrochen, aus der Bahn geworfen.

Ihr Spielzeitmotto heißt „Außer sich“. Nun hat es Sie, hat es uns also erwischt.
Bei der Frage des außer sich Sein geht es auch immer um das bei sich Sein. Im Moment ist es sehr schwer, bei sich zu sein, weil wir Erfahrungen machen, die noch keiner in unserer Zeit gemacht hat. Es hilft auch nicht, dass man ein paar Science-Fiction-Filme gesehen hat. Bei aller Imaginationskraft, die die Kunst produziert, ist es doch so: Was man nicht selbst erfahren hat, das kennt man nicht. Kein Mensch weiß, was Liebe ist, wenn er sich nicht verliebt hat, keiner weiß, was der Tod ist, wenn er nicht einen nahen Menschen verloren hat. Bis zum Tod meines Vaters wusste ich nicht, was der Tod bedeutet. Damals war ich neunzehn. Da habe ich die existenzielle Erfahrung gemacht: Diese Beziehung ist zu Ende. Ich brauchte Jahre, das zu verarbeiten.

Herr Khuon, wer ist denn bei Ihnen noch da, wer arbeitet noch im Haus?
Die Technik räumt jetzt auf, die Bühnenbilder werden abgebaut. Wir fahren das Haus runter. Der Eiserne Vorhang ist unten. Seit Dienstag sind nur noch leitende Mitarbeiter anwesend, natürlich auch nicht durchgehend. Wir gehen ins Home Office, kommunizieren aber regelmäßig. Um die Situation zu bewältigen, brauchen wir einen intensiven Austausch, damit wir uns später nicht in die Haare bekommen, weil wir vielleicht falsche Optionen gewählt haben.

Theater sind, wie Zeitungen und viele andere kreative Betriebe auch, dringend auf Kommunikation angewiesen. Sie müssen zum Beispiel die nächste Spielzeit vorbereiten, Theater hat einen langen Vorlauf.
So ist es. Da gibt es viele Themen und Fragen. Im Juni sollen auch wieder unsere Autorentheatertage stattfinden. Geht das? In welcher Form? Die Mitarbeiter verlieren sich jetzt aus den Augen, da muss man aufpassen, dass nicht Entscheidungen getroffen werden, die die Hälfte nicht gut findet. In der Krise, in jeder Krise eigentlich muss die Kommunikation intensiviert werden, über Telefon und Skype, aber auch in kleinen Gruppen in der persönlichen Begegnung.

Wird es digitale Angebote des Deutschen Theaters an das Publikum geben?
Wir denken darüber nach. Wir könnten zum Beispiel eine Lesereihe ins Netz stellen. Unsere Besucher und Besucherinnen haben eine Beziehung zu diesem Theater, zu unserem Ensemble. Außerdem ist ja das Deutsche Theater dafür bekannt, dass es Texte und die Sprache schätzt, unser Stil ist nicht politisch-aktionistisch. Also, die Literatur ist eine Option.

Ihre Schauspieler könnten über ein paar Tage und Nächte die Pest-Geschichten von Boccaccio lesen, vielleicht sogar live im Netz, das würde zu der Aufführung „Decamerone“ von Kirill Serebrennikov passen, die Sie jetzt auch nicht mehr spielen.
Diskurse gibt es genug im Netz, daran müssen wir uns nicht beteiligen. Aber wenn ich an einen starken Text wie „Die Pest“ von Camus denke, den wir seit ein paar Monaten in einer Aufführung in der Box und Bar haben, dann wäre das jetzt wohl das Richtige. Mir geht dabei immer wieder durch den Kopf, wie in dem Roman von Albert Camus die Pest eines Tages plötzlich verschwunden ist – aber nicht, weil man sie besiegt hätte, vielmehr ist sie weg aus unerfindlichen Gründen, und sie bleibt als Bedrohung präsent.

Wir werden die nächsten zwei oder drei Monate als Theater nicht einfach verstummen. Die Schauspieler und Schauspielerinnen lösen sich ja auch nicht einfach in Luft auf. Wir müssen alle miteinander herausfinden, und das ist eine schwierige Balance, welche minimalen sozialen Kontakte wir benötigen und aufrecht erhalten, um unsere Lebensfreude nicht zu verlieren.

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