Interview mit Marie Bäumer : „Wir sind unser eigenes Instrument“

Die Schauspielerin Marie Bäumer über Pippi Langstrumpf, ihren Beruf, MeToo - und über ihre Rolle als Romy Schneider im Film "3 Tage in Quiberon".

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Marie Bäumer auf der Berlinale-Pressekonferenz, wo sie „3 Tage in Quiberon“ vorstellte. Unter Regie von Emily Atef spielt sie...Foto: REUTERS

Marie Bäumer, 1969 in Düsseldorf geboren, wuchs in Hamburg auf. Nach der Ausbildung u.a. in Hamburg machte sie mit Detlev Bucks "Männerpension" Furore. Sie trat in „Der Schuh des Manitu“ und „Der alte Affe Angst“ auf, spielt Theater und in TV-Produktionen wie "Im Angesicht des Verbrechens". Bäumer unterrichtet u.a. an der Hamburger Schule für Schauspiel. Sie lebt vor allem in einem Dorf in der Provence, ihr Sohn kam 1998 zur Welt. In "3 Tage in Quiberon" von Emily Atef verkörpert sie Romy Schneider, mit der sie oft verglichen wird. Das Schwarzweißdrama ist mit zehn Nominierungen der Favorit beim Deutschen Filmpreis (27. April). Der Film feierte auf der Berlinale Premiere und kommt am Donnerstag, den 12. April, in die Kinos.

Frau Bäumer, seitdem Sie als Kind Pippi Langstrumpf im Kino gesehen haben, wollten Sie Schauspielerin werden, aus Abenteuerlust. Hat sich die Sehnsucht erfüllt?

Gerade erst bin ich bei mir zu Hause in der Provence mit meinem Pferd und meinem rumänischen Migrantenhund durch die Gegend geritten, da dachte ich, ich bin doch der glücklichste Mensch auf der Erde. Mit dem jungen Hengst bin ich die Wege vorher zu Fuß abgelaufen, jetzt vertraut er mir schon so, dass er querfeldein alleine mit mir durch den Wald marschiert, das ist doch wunderbar. Und dann schauen wir zu dritt in diesen unglaublichen Sonnenuntergang. Wir wollen jetzt die Pferde-Serie fortsetzen...

... die von Arte, für die Sie quer durch die USA geritten sind?

Wir bereiten gerade die Europatour vor, von Frankreich nach Istanbul, also von Westen nach Osten. Ich will unbedingt durch Osteuropa. Das Abenteuerthema ist tatsächlich bis heute da – nur dass Pippis Affe bei mir ein Hund ist. Und mir fehlt die Veranda. Aber ich habe eine Terrasse. Als neulich eine Freundin mit ihren zwei Pferden zu Besuch kam, standen die dort, und abends guckten wir beiden fast 50Jährigen die alten Pippi-LangstrumpfFilme. Wenn man nur ein Viertel von diesem freien Geist lebt, ist alles gut. Als Kind hatte ich allerdings keine Ahnung, wie ich dorthin komme. Ich begriff das Phänomen der Leinwand nicht, damals in unserem kleinen Blankeneser Programmkino. Meine Schwester und ich spielten im Treppenviertel „Kinder auf der Flucht“, mit zwei Tennisbällen, die unsere Hunde waren und denen wir hinterher mussten, wenn sie in die Vorgärten flogen. Wenn wir dann im Kino saßen, fragte ich mich: Wie komme ich hinter diese Fläche, auf die andere Seite der Leinwand?

Es ist Ihnen später offenbar gelungen.

Aber ich habe es lange nicht gemerkt. Als ich mit 27 hier in Hamburg Falk Richters Solostück „Alles. In einer Nacht“ an den Kammerspielen machte, fragte mich ein Journalist nach meinem größten Traum. Ich antwortete: Filmschauspielerin. Er: Das sind Sie ja schon. Es war ein Jahr nach „Männerpension“, und es war mir immer noch nicht klar.

Woher kommt die Abenteuerlust?

Ein Enzym vielleicht? Hamburg? Unsere Eltern ließen uns Freiheiten, sie waren keine 68er, aber es war ein kreativ-künstlerischer Haushalt. Meine Schwester hat es nicht in die Welt hinausgezogen, aber ich sah schon damals die Zugvögel und wollte weg. Hamburg ist ja diese gediegene, in gutem Sinne sortierte Stadt, aber sie hat die Öffnung zu den Weltmeeren. Alleine, wenn die Gorch Fock von ihrer Reise um die Welt zurückkehrte! Die Matrosen hingen hoch oben in der Takelage des Dreimasters, ich kriege Gänsehaut, wenn ich nur daran denke. Alle Schiffe tuten zum Empfang, allein die Geräusche des Hafens, das dumpfe Donnern und Rumsen, das Klingeln in den Masten, das hat mich geprägt.

Wann haben Sie das erste Mal von Romy Schneider gehört?

Da war ich zwölf. Meine Mutter erzählte mir, dass der Sohn einer sehr besonderen Schauspielerin furchtbar verunglückt sei. Als ich 16 war, fingen die Leute an, mich mit ihr zu vergleichen, in meiner Studentenzeit schaute ich dann mal nach. Das Besondere an ihr war die Körperlichkeit, die Physis. Viele glauben, Theater ist Körper, Film ist körperlos. Das ist falsch. Romy Schneider holte die Energie gewissermaßen aus dem Erdkern, ließ sie durch den Körper schießen, um sie im Close-up zu komprimieren. So zu spielen, das geht durch jede Zelle und ist schon physisch sehr anstrengend. Wenn Kinoschauspieler beides in sich haben, die Vitalität und das Verlorene, steckt darin ein unglaubliches Potenzial. Man könnte uns ja als Sehnsuchtsträger beschreiben.

Wie ist es, als Schauspielerin eine Schauspielerin zu spielen?

Ich musste mich gleich mehrfach mit dem Aspekt der Ähnlichkeit herumschlagen. Was möchte ich zeigen, wenn ich nicht einfach nur der bessere Zwilling sein will? Wir Schauspieler haben es besonders schwer mit der Distanz zu dem, was wir tun, denn wir sind selber unser Instrument. Der Künstler kann sein Bild in die Ecke stellen, der Musiker kann sein Instrument wegpacken, und wenn er noch so abhängig von ihm ist. Gleichzeitig ist Schauspielen auch ein Handwerk. Beim Film wird das oft unterschätzt und übrigens auch wenig differenziert angesehen und beschrieben. Wir werden ganz schön faul. Viele Filme sind ungenau gemacht, ich bin sicher, viele Schauspieler können es besser. Wir bräuchten mehr Dominik Grafs! Und mehr Zeit. Für „3 Tage in Quiberon“ haben wir uns sehr viel Zeit genommen.

Für den Dreh oder die Vorbereitung?

Ich habe mich lange geweigert, mich der Figur zu nähern, weil ich es nach meiner anfänglichen Begeisterung mit der Angst bekam: Bist du wahnsinnig?, dachte ich. Ich hatte Angst, die Ikone nicht durchdringen zu können. Es gibt ja in Frankreich und erst recht in Deutschland nichts Vergleichbares, wenn es um die Aura eines Stars geht. Es ging dann nur, weil die Regisseurin Emily Atef und ich uns schnell einig waren, dass ich mich an ein paar Eckdaten halte, aber ansonsten frei bin und Romy Schneider nicht nachspiele.

Marie Bäumer als Romy Schneider in "3 Tage in Quiberon".
Marie Bäumer als Romy Schneider in "3 Tage in Quiberon".Foto: Peter Hartwig/Rohfilm Factory/ Prokino/dpa

Wie spielt man eine kettenrauchende Trinkerin, ohne dass es hergestellt aussieht?

Indem man es zur Nebensächlichkeit erklärt. Worauf es ankommt beim Spielen, ist der Mensch im Raum; Peter Brooks berühmtes Buch heißt nicht zufällig „Der leere Raum“. Dazu gehören die Raumachsen, die Körperspannung im Raum, die Bewegung, der Rhythmus, erst dann kommt die Sprache. Für Anfänger ist übrigens gerade das Nebensächliche eine Riesen-Herausforderung. Wir sprechen hier miteinander und ich trinke Zitronenwasser mit Eiswürfeln. Wenn wir die Szene drehen würden, müsste ich eine kurze Sprechpause machen, während ich die Eiswürfel hineintue, damit das Geräusch den Dialog nicht überlagert. Es muss organisch wirken, bloß keine künstliche Pause! Diese Dinge werden oft viel zu deutlich gespielt, auch das Rauchen oder das Betrunkensein. (Nimmt ein Blatt Papier, malt einen Dreiviertelkreis mit drei Punkten drin). Was ist das?

Ein Gesicht.

Genau, sagt jeder. Ein Kreis, drei Punkte. Unser Weg als Filmschauspieler bedeutet zu erkennen, dass das genügt. Haare, Augenbrauen, Ohren, all das fügt der Zuschauer in seiner Fantasie hinzu. Ich versuche, meinen Schauspielschülern auch hier in Hamburg das Vertrauen in die Reduktion beizubringen. Ich bringe immer gerne eine dieser Kaffeekannen mit, bei denen man den frisch gebrühten Kaffee nach unten drückt. Nicht das Aufbrühen und Hochkochen der Emotionen ist die eigentliche Schauspielkunst, sondern der Pressvorgang, die Konzentration auf die Essenz. Wobei wir die große Emotion vorher schon brauchen.

Haben Sie etwas übers Schauspielen gelernt, das Ihnen vor „3 Tage in Quiberon“ noch nicht klar war?

Dass ich diesen Beruf sehr liebe, auch wenn er eine ungeheure Anspannung bedeuten kann. Noch etwas wurde mir klar: Sie hatte kein Zuhause mehr, als sie in Quiberon war, weder innen noch außen. Keine Familie, keine Wahlverwandtschaft, nichts, das sie aufgefangen hätte. Der Kraftakt des Spielens ist dann nicht mehr machbar. Es ist, als zöge man jemandem die Eingeweide raus, der keine Innereien mehr hat. Romy Schneider war Jungfrau, ein Erdzeichen wie ich als Stier, wir brauchen die Erdung. Schon weil wir einen Beruf ausüben, in dem wir ungeschützte Dinge tun.

Sophie Rois sagt, es ist ein nackter Beruf.

Manchmal schimpfen die Leute, wir seien so hypersensibel. Ein Glück!, sage ich dann. Es ist das, was wir mitbringen. Talent ist in unserem Beruf auch die Bereitschaft, auf die Filter zu verzichten und die Hüllen abzustreifen. Im Gegenzug brauche ich den Kokon samt Kuscheldecken und Fellen und Pferden und Hunden. Die Franzosen nennen es le besoin de la peau épaisse – man braucht eine dicke Haut.

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