• „Jeder hat das Recht, verarscht zu werden“: Witze über Greta Thunberg müssen erlaubt sein

„Jeder hat das Recht, verarscht zu werden“ : Witze über Greta Thunberg müssen erlaubt sein

Darf man sich über Greta Thunberg lustig machen? Man muss es sogar, alles andere wäre Diskriminierung, findet Satiriker Florian Schroeder. Ein Gastbeitrag.

Florian Schroeder
Der Satiriker und TV-Moderator Florian Schroeder
Der Satiriker und TV-Moderator Florian SchroederFoto: Promo

Falls Sie das digitale Stahlgetwitter nicht in seiner Vollständigkeit verfolgen konnten: Dieter Nuhr fragte in seiner ersten TV-Sendung nach der Sommerpause, was Greta Thunberg wohl im Winter mache: „Heizen kann es wohl nicht sein“ war die Pointe. Auch für den innerfamiliären Intimbereich drohte Nuhr an, er werde im Kinderzimmer nicht mehr heizen, solange die Tochter mitmarschiere bei Fridays for Future.

Wenige Sätze, die in den Schützengräben von Twitter-Deutschland die Munition knapp werden ließen. Ein donnerndes „Darf er das?“ brachte das Netz zum Beben. Auf der nach oben offenen Schnappatmungs-Skala war das mehr als ein mittleres Erdbeben.

Die Grenzen der Satire werden ja in regelmäßigen Abständen in Deutschland neu vermessen, um am Ende festzustellen, dass sie vielleicht doch dort bleiben sollten, wo sie sind. Neu an diesem Fall ist aber, dass es hier weder um eine Grenzverletzung, noch nicht einmal um die Nähe einer Grenze geht. Ein Komiker macht sich lustig über eine Aktivistin – Alltag im witzproduzierenden Gewerbe, möchte man als Anhänger der freiheitlich-demokratischen Grundordnung meinen.

Nicht aber im ausgehenden Jahre 2019. Da gibt es keine Aktivistin mehr, da gibt es nur noch die heilige Greta, die Erlöserin, der Messias aus Schweden. Oder eben, auf der dumpfbackigen Trollseite der Rechten, ein missbrauchtes Mädchen, ferngesteuert von den Klimareligiösen. Wie immer, wenn heiliger Ernst im Spiel ist und der Meinungsdschihad zu Felde zieht, wird es schwer für den Spaßmacher. Darf er sich noch über Greta lustig machen? Hier wird es nun schon interessanter: Gute Satire tritt nach oben, nicht nach unten, das ist ein veritabler common sense in der Humorwelt.

Nur: Wie weit unten steht Greta noch oder wie weit oben ist sie schon angekommen? Der Volksverpetzer schreibt in seinem Blog: „Dort steht auf der einen Seite ein Mädchen vor der UN und hält eine wütende Rede, auf der anderen Seite sitzen die Repräsentanten der mächtigsten Regierungen der Welt. Eine dieser beiden Seiten hat nach dieser Rede das Privileg, der anderen Partei ihre vollständige Machtlosigkeit vor Augen zu führen, indem sie die Anklage einfach komplett und ohne Konsequenzen ignoriert. Über die andere Seite wird Dieter Nuhr sich lustig machen.“

Nuhr keine Angst vor Namenswitzen. Thunberg-Plakat auf einer FRidays for Future-Demo.
Nuhr keine Angst vor Namenswitzen. Thunberg-Plakat auf einer FRidays for Future-Demo.Foto: imago images/IPON

Nun kann man lange trefflich darüber diskutieren, wer mehr Spott verdient hat. Ich würde dem Volksverpetzer hier zustimmen. Aber nur, weil ich Sympathien für Greta und ihr Anliegen hege, sind wir doch noch lange nicht in der satirischen Einbahnstraße. Das widerspricht Paragraf 1 des Satire-Grundgesetzes von Herbert Feuerstein: „Jeder hat das Recht, verarscht zu werden.“ Selbstverständlich ist Greta Zielscheibe von Satire, sie muss es sogar sein. Alles andere wäre Ausgrenzung, ja Diskriminierung. Gretas Strahlkraft ist enorm. Da sind Scherze erlaubt, vollkommen unabhängig von der Frage, ob diese dann gefallen oder nicht.

Hier sind wir bei der guten alten Stellvertreter-Betroffenheit, die paternalistisch verfügen will, wer über wen zu witzeln hat und vor allem wo dies zu unterlassen sei. Es ist die Fraktion, die nach Auftritten mit der Stirn in Falten darauf hinweist, dass niemand mit behinderten Menschen Schabernack treiben dürfe, außer behinderten Menschen selbst. Als ich einmal den Werkstättentag für behinderte Menschen moderieren durfte, waren es genau diese Menschen, die sich Gags auf ihre Kosten explizit wünschten.

Beschützer von Greta verhalten sich wie rechte Trolle

Es ist paradox: Jene Gutmeinenden, die Greta vor Spott beschützen wollen, behandeln sie exakt genau so wie die rechten Trolle. Sie machen sie zu dem Opfer, zu dem Kind, das sie selbst weder sein möchte noch ist. Überhaupt musste ich mich bei einigen Twitter-Posts erst rückversichern, welche Seite sich jetzt hier gerade echauffiert. User Michael Flammer beispielsweise schrieb, es tue ihm fast körperlich weh, dass er mit seinen Gebühren Nuhrs Show mitfinanzieren müsse. Das ist ein Argument, das man sonst eher von Leuten hört, die auch mit Björn Höcke mitleiden, wenn er schwer traumatisiert von kritischen Fragen ein Interview abbrechen muss. Andere nannten Nuhr Abfall oder „reaktionäres Arxxxloch.“

Auf unserer linksliberalen, selbst erklärten weltoffenen Seite der Macht kann man sich stark für künstlerische Reinheitsfantasien begeistern. Es war Theodor W. Adorno, das Trostpflaster der enttäuschten Progressiven, der zeigte, was das bedeutet: Adorno war Fan von Arnold Schönberg und seiner Zwölftonmusik, die festlegt, dass alle zwölf Töne so gleichberechtigt sind, dass sie erst dann wieder vorkommen dürfen, wenn alle anderen elf verwendet worden sind. Dadurch hat das Werk mathematische Eindeutigkeit. Adorno schreibt über Schönbergs Stücke: „Nichts ist in ihnen von den Konventionen übrig geblieben, welche die Freiheit des Spiels garantierten“ und zitiert Schönberg: „Die Musik soll nicht schmücken, sie soll wahr sein.“

Was ist Kunst ohne Spiel? Hinfällig

Was ist Kunst ohne Spiel? Hinfällig. Was ist Satire, die nur eindeutig ist? Sinnlos. Was ist ein Gedanke, der sich selbst zu sicher ist? Voraufklärerisch. Bis heute waren große Teile auch des sonst so sensiblen Feuilletons außerstande, das „Ziegenficker“-Schmähgedicht auf Erdogan von Jan Böhmermann angemessen zu bewerten: als Werk, dessen ironischer Mantel des „Wir sagen jetzt mal, was man wirklich nicht sagen darf“ entscheidend ist. Stattdessen nahm man das Gedicht als Werk ohne den Zusammenhang, in dem es stand. Das ist künstlerische Barbarei. Eine der Errungenschaften der Moderne, das Lesen und Verstehen von Anführungszeichen, ist bis heute – sogar richterlich – außer Kraft gesetzt.

Diese Entwicklung scheint auch eine Folge des Wunsches nach Authentizität in der Kunst zu sein, die sich in den vergangenen Jahren breitgemacht hat. Als 2015 der erste Film des YouTubers Freshtorge, „Kartoffelsalat“, in die Kinos kam, schrieb ausgerechnet die „Süddeutsche Zeitung“, hier seien „Jugendliche am Werk, denen es nicht um Qualität, sondern um Authentizität ginge.“ Man könnte Authentizität also auch übersetzen mit Ahnungslosigkeit. Aber Kunst und Authentizität schließen sich aus. Kein Künstler ist authentisch, er ist es vielleicht als Privatmensch, aber als Kunstfigur ist er es nie. Kunstfigur zu sein bedeutet, den Prozess einer Entäußerung, einer Entfremdung durchlaufen zu haben, um anschließend auf einer höheren Ebene als Kunstfigur konsequent bei sich anzukommen, um dann authentisch in einer unauthentischen Weise zu sein.

Der Wunsch nach authentischer Kunst geht einher mit dem Wunsch nach authentischer Politik. Auch diese kann es nicht geben. Ein Politiker in einer Demokratie ist Funktionsträger, er macht Kompromisse, er muss manchmal Dinge sagen oder vertreten, die er nur ungern vertritt oder die ihm gegen den Strich gehen. Ein authentischer Politiker ist immer der Vorbote des totalitären Staats.

Die Wähler Donald Trumps waren sich sicher, sie hätten ihn wegen seiner authenticity gewählt, und vieles spricht dafür, dass sie recht hatten. Trump beleidigt und pöbelt ungefiltert und ohne jedes Gefühl für Anstand sehr authentisch in der Gegend herum. Er ist so etwas wie das Worst of aller authentischen Kommentarspalten-Vollschreiber.

Im Internet sind Menschen auf widerliche Art authentisch

Auch im Internet sind die Menschen auf widerliche Art authentisch, indem sie sich nicht einmal zu schade sind, Renate Künast als „Drecksfotze“ zu beschimpfen. Hier schreibt man reflexhaft hinein, was einem gerade einfällt. Die Auslassung der orthografischen Regeln geht einher mit der Auslassung des Reflektierens über das, was sich impulsiv gerade in Ausrufezeichen Bahn brechen will.

Der langsame, mühevoll erzielte Erfolg der Evolution, die Umstellung von Reflex auf Reflexion, wird mit 280 Zeichen schlagartig rückgängig gemacht. Die Wiedereinberufungsbefehle der Gegenwart spielen sich ab in den Schützengräben der sozialen Medien. An die Stelle der Wehrpflicht ist die totale Mobilmachung in den Darkrooms des Internets getreten.

Der Wunsch nach Authentizität ist ein zutiefst regressiver. Aber Kunst und insbesondere Satire spielen, wenn sie gut sind, mit Uneindeutigkeit, sind zu Hause im Amorphen, im Ambivalenten, Vieldeutigen, im Experiment, nicht im Resultat und vor allem nicht in der Absicherung der eigenen Überzeugungen, in der Reinheit und Klarheit des Erzählten.

In den vergangenen Jahren ist insbesondere das Kabarett zu einer Veranstaltung verkommen, in der man oft nur noch zu den Bekehrten predigt. Aber ihr Glaube ist offensichtlich fragil, leicht zu erschüttern, unter dem Pflaster ist offenbar noch immer der Strand, wenn schon ein Komiker, der im Kinderzimmer zur Energie- gewinnung ein Laufrad mit Dynamo aufstellen möchte, so sehr irritieren kann.

Florian Schroeder ist Satiriker, Fernsehmoderator und Autor. Er ist auf Tour mit seinem aktuellen Programm „Ausnahmezustand“, an diesem Sonntag und am 31.12.2019 in den Wühlmäusen.

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