Judith Kerr : Die Jahrhundert-Fee ist tot

Zum Tod der Illustratorin und wunderbaren Kinder- und Jugendbuchautorin Judith Kerr.

Judith Kerr
Judith KerrFoto: REUTERS

Sie wirkte immer ein bisschen wie eine grau- und am Ende weißlockige Fee. Natürlich wie eine gute Fee, die allem bösen Zauber der Welt auf wundersame Weise als Dame, als Lady entkommen war. Entschwebt. Dass in der kleinen grazilen Judith Kerr, die am Mittwoch kurz vor ihrem 96. Geburtstag in London gestorben ist, auch eine kraftvolle Person mit einem ungeheuren Überlebenswillen steckte, das hat sie selbst immer am besten verborgen. Indem sie, die für Kinder und Erwachsene zeichnete und schrieb, immer ein wenig das große Kind zu spielen schien: träumend und wach, weich und selbstbestimmt zugleich.

Diese Ambivalenzen schwingen bereits mit im Titel ihres weltberühmten autobiografischen Kinder- und Jugendbuchs „Als Hitler das rosa Kaninchen stahl“. Es ist 1971 zuerst auf Englisch erschienen, wurde in zwei Dutzend Sprachen übersetzt und allein in Deutschland über 1, 3 Millionen Mal verkauft. Darin verbinden sich Weltgeschichte, das Emigrantenschicksal der Berliner Familie Kerr ab ihrer Flucht 1933 ins Ausland sowie die besondere Perspektive des damals neunjährigen Mädchens Anna. Alias Judith. Für Anna war dieser Hitler einfach der, dem sie den Verlust ihres rosa Plüschtiers verdankte. Schlimm genug.

Einmal zog ihr Vater sie aus den Trümmern nach einem Angriff der Nazis

Manche meinen, Judith Kerr habe es erst mit ihrem Weltbestseller geschafft, aus dem Schatten des Vaters Alfred zu treten. Alfred Kerr war ja der bedeutendste Theaterkritiker und Zeitungsschriftsteller Berlins bis zu Hitlers Machtübernahme. Als Jude und demokratischer Publizist vermochte er sein Leben und das der Familie nur durch die frühe Emigration in die Schweiz, dann nach Frankreich und ab 1935 nach England zu retten. Doch dieser vermeintliche Übervater blieb für die in der Höhmannstraße 6 (das Haus steht noch) in Berlin-Grunewald im Frühling 1923 geborene Tochter immer eine Lichtgestalt. Ihr Daddy warf auf die im Exil zur Engländerin gewordene Judith nie einen Schatten, sie wollte für sich und die Welt auch aus seinem Geist strahlen.

Noch im hohen Alter hat sie in Gesprächen betont, dass sie vom Vater ein Talent zum Glücklichsein geerbt habe. Das galt auch für die Jahre der Emigration, die der Familie Verarmung, zwischenzeitliche Not und weitere Lebensgefahr bescherten – einmal, erzählte Judith Kerr, habe sie ihren Vater nach einem Nazi-„Blitz“, einem Bombenangriff auf London, sogar selbst aus den Trümmern gezogen. Unversehrt. Es war, neben dem Schrecken, ein Abenteuer.

Ein anderes Erlebnis hat sie dem Tagesspiegel im Juni 2013 zu ihrem 90. Geburtstag erzählt: „Es war in Frankreich. Mein Vater fuhr mit einem Fischer aufs Meer, der Seehunde schoss. Einmal tötete dieser Fischer versehentlich eine Seehund-Mutter und wollte auch das Junge erschießen, weil es allein nicht überleben könne. Aber mein Vater nahm den Seehund mit. Er hat das Tier irgendwie auf den Zug gebracht, im Gepäckwagen, zu Hause wohnte es dann in der Badewanne. Leider wurde der Seehund irgendwann zu groß für die Wohnung, und der Zoo wollte ihn nicht nehmen. Also musste er doch getötet werden. Er wurde ausgestopft, ich habe als Kind immer auf ihm gesessen. Meine Mutter mochte ihn nicht. Ich glaube, der Seehund hatte Motten.“

Eigentlich eine leicht schaurige Geschichte. Aber das Mädchen Judith und später ihre eigenen Kinder mochten vor allem Bilderzählungen mit Tieren, die dann zu Judith Kerrs Erfolgsgeschichten wurden. In Großbritannien ist „Ein Tiger kommt zum Tee“ sogar noch populärer als das „Rosa Kaninchen“. Und das zitierte Erlebnis war die Grundlage zum vor drei Jahren auf Deutsch erschienenen Band „Ein Seehund für Herrn Albert“.

Sie war gegen den Brexit

Weniger dem Schreiben als dem Zeichnen galt Judiths erste Liebe. Sie studierte in London an der Central School of Arts and Crafts, wurde nach dem Krieg aber zunächst Redakteurin bei der BBC, wo sie den Fernsehautor Thomas Nigel Kneale kennenlernte, mit dem sie bis zu dessen Tod 2006 über ein halbes Jahrhundert verheiratet blieb. Ihr gleichfalls in Berlin geborener, zwei Jahre älterer Bruder Michael war Jurist und wohl der erste britische Kronanwalt seit 800 Jahren, der aus dem Ausland stammte. Beide haben die Tantiemen aus erfolgreichen, posthum erschienenen Büchern des Vaters in die Alfred-Kerr-Stiftung eingebracht, die am vergangenen Sonntag gerade wieder den Kerr-Darstellerpreis beim Berliner Theatertreffen verliehen hat.

Noch am Samstag hatte sich Judith Kerr in einem Telefonat mit Stiftungsvorstand Torsten Maß entschuldigt, zur Preisverleihung nicht selbst nach Berlin kommen zu können. Und erstmals sprach sie offen davon, ein wenig müde zu sein. Denn man habe bei ihr einen Darmkrebs festgestellt. Am Tag darauf überbrachte dann ihre Schwägerin Diana Kerr in Berlin die Grüße aus London, noch verbunden mit der Hoffnung vielleicht auf ein nächstes Mal.

"Ich bin ein altes Blumenmädchen"

Ihren sanften Charme dürfte Judith Kerr nicht allein vom Vater gehabt haben. Denn der Kerr war auch ein ziemlicher „Kerrl“. Die Mutter Julia, ursprünglich Komponistin, hatte die Familie, als der Ehemann als deutschsprachiger Autor im Exil kaum mehr Geld verdienen konnte, als Sekretärin durchgebracht und dann bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen als Dolmetscherin gearbeitet. Judith Kerrs ebenfalls sanfter Mutterwitz zeigte sich, als sie zur ihrem 90. Geburtstag im Berliner Roten Rathaus geehrt wurde und bei einer Ansprache ein riesiges Blumenbukett, damit man sie dahinter noch sehen konnte, ein wenig zur Seite schob, mit der leisen Bemerkung: „Ja, ja, ich bin ein altes Blumenmädchen.“

Gezeichnet, geschrieben hat sie bis zuletzt in ihrem schönen Backsteinhaus in Barnes, im Londoner Südwesten. An der Europa-Wahl kann sie nun nicht mehr teilnehmen, aber natürlich war sie als ehemalige Emigrantin und britische Kosmopolitin gegen den Brexit. Auch wenn ihr die politische Schärfe des Vaters eher fern lag, konnte sie über die Spinnereien ihres nicht Vater-, nicht Mutter-, aber doch Heimatlandes klare Worte finden.

Vorbei. Jetzt ist die Künstlerin und Kinderfee in ihrem von blühenden Glyzinien umrankten Haus davongeschwebt.

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