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Catalin Tolontan (re.) und seine Kollegin Mirela Neag lösten 2015 ein politische Erdbeben in Rumänien aus.
© MDR

Korruption im Gesundheitswesen: "Kollektiv" zeigt die Missstände in rumänischen Krankenhäusern

Der Berliner Filmemacher Alexander Nanau hat einen eindrucksvollen Enthüllungsfilm gedreht, der mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet wurde.

Von Andreas Busche

Am 30. Oktober 2015 starben 28 Konzertbesucher bei einem Brand im Bukarester Club Colectiv, der durch nicht genehmigte Pyrotechnik einer Metalband verursacht worden war. Die Tragödie löste, anders etwa als das Feuer im Londoner Grenfell Tower 2017, in Rumänien eine politische Krise aus: Fünf Tage später trat die sozialdemokratische Regierung nach massiven Demonstrationen und Korruptionsvorwürfen zurück.

In den folgenden Monaten zog die Brandkatastrophe noch größere Kreise, als bekannt wurde, dass 36 weitere, zum Teil nur leicht verletzte Brandopfer aus dem Colectiv in den Krankenhäusern an einer Infektion gestorben waren.

Der deutsch-rumänische Filmemacher Alexander Nanau, ein Absolvent der Berliner Film- und Fernsehakademie, befand sich gerade auf der Suche nach einem geeigneten Thema für einen Dokumentarfilm über das Verhältnis von Politik und Öffentlichkeit, als er auf den Investigativjournalisten Catalin Tolontan stieß.

Tolontan hat sich in Rumänien einen Namen gemacht für seine Korruptionsenthüllungen in der Sportwelt, er war lange Zeit auch der einzige Journalist, der die Widersprüche in den Aussagen des Gesundheitsministeriums über die Kapazitäten und die Qualität der rumänischen Krankenhäuser öffentlich kritisierte. Sein Team fand heraus, dass die Desinfektionsmittel, die in den Krankenhäusern benutzt werden, stark verdünnt und damit wirkungslos sind. Ein Handyvideo einer Pflegerin zeigt Würmer in den Brandwunden einer Patientin.

Die komplexen Prozesse investigativer Recherche

Alexander Nanaus Dokumentarfilm „Kollektiv“, der im Dezember den Europäischen Filmpreis gewann und als rumänischer Beitrag in das Oscar-Rennen 2021 geschickt wird, ist mehr als ein packender Thriller, der in Echtzeit einen außergewöhnlichen Fall von Enthüllungsjournalismus dokumentiert. Er ist auch ein exzellentes Beispiel für die Kooperation von Filmschaffenden und Journalist*innen. Und für ein Kino, das sich nicht mit einer Sache gemein macht, wie es heute immer wieder abschätzig heißt, sondern die komplexen Prozesse bei den Enthüllungen eines politischen Skandals abbildet.

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Nanau durfte Tolontan und sein Team aus nächster Nähe filmen, war aber zu keinem Zeitpunkt in die Recherchen eingeweiht. Den Stand der Ermittlungen erfuhr er wie die Öffentlichkeit erst aus den Medien. Seine Aufnahmen – Nanau hat auch die Kamera und den Schnitt übernommen – sind Puzzleteile eines work in progress.

Die Krise der Gesundheitssysteme

Die einhellige Begeisterung über „Kollektiv“ ist nur zu verständlich, Nanaus Film trifft in der aktuellen Weltlage einen empfindlichen Nerv. Die Gesundheitssysteme sind unter dem Eindruck einer globalen Pandemie in vielen Ländern überlastet, sie deckt die Schwächen in den Pflegestrukturen schonungslos auf. (Wobei der Fall in Rumänien kein Versäumnis darstellt, sondern hochgradig kriminell war.)

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Gleichzeitig wächst in Teilen der Gesellschaft das Misstrauen gegenüber den klassischen linearen Medien, der Grad an Dis- und Fehlinformation nimmt zu. Nicht ohne Grund hat in den vergangenen Jahren auch in Hollywood das Genre „Journalismus-Drama“ wieder an Popularität zugelegt. 2016 gewann Tom McCarthys „Spotlight“ über die Enthüllung systematischer Vertuschungen von Missbrauchsfällen im Bistum Boston den Oscar als bester Film.

Wer mit den dramatischen Zuspitzungen Hollywoods schon immer Probleme hatte, kann sich „Kollektiv“ mit großem Gewinn ansehen. Nanaus Film erinnert eher an die stoischen Klassiker der rumänischen Nouvelle Vague wie „ 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“. Tolontan ist ein humorloser Ermittler, der sich vor der Kamera keinen markigen Einzeiler entlocken lässt, seine Kollegin Mirela Neag, eine hagere Person mit einem professionell skeptischen Gesichtsausdruck, verzieht nicht einmal die Miene.

Der Minister als Einzelkämpfer

Sie sehen sich ständigen Anfeindungen ausgesetzt: in den Medien („Fox News“, nennt Nanau das staatliche Fernsehen), die das Mantra der Regierung nachplappern, Rumänien habe die besten Krankenhäuser, bis zu Vertretern der Pharmaindustrie, die die Schuld am Selbstmord eines hochrangigen Unternehmers, dem Hauptverdächtigen, einer „Medienkampagne“ anhängen wollen.

(Bis zum 22.2. in der ARD-Mediathek)

Als einziger Verbündeter tritt Interims-Gesundheitsminister Vlad Voiculescu in den Film, der mit dem System der Selbstbereicherung im Gesundheitswesen aufräumen soll. Er garantiert Nanau völlige Transparenz, wodurch sich „Kollektiv“ in der zweiten Hälfte vom Journalismus- in einen Polit-Thriller verwandelt. Voiculescu ist ein klassischer Underdog-Held, ein junger Außenseiter, der hochmotiviert auftritt, dem aber schnell scharfer Wind aus der Politik entgegenschlägt.

Nanau versucht in seiner Montage diese Effekte des Erzählkinos aber nie zu verstärken, „Kollektiv“ gewinnt allein aus der Chronologie der Ereignisse seine Dynamik. Mit Tedy Ursuleanu, die den Brand schwer verletzt überlebte und das Trauma mit Hilfe ihrer Kunst zu verarbeiten versucht, hat er allerdings auch eine Identifikationsfigur gefunden, die niemanden kalt lässt.

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