Kunst am ehemaligen Tacheles : Auferstanden aus Ruinen

Mit „Memories of Now“ stellen acht Künstlerinnen in der ehemaligen Kaufhausruine Am Tacheles aus. Ihre Schau ist eine Kampfansage in zwei Richtungen.

Die Zeit tropft. In den Arbeiten von Elisa Duca tropft Farbe auf den Boden, als wären sie Sanduhren.
Die Zeit tropft. In den Arbeiten von Elisa Duca tropft Farbe auf den Boden, als wären sie Sanduhren.Foto: Elisa Duca

Genau dreißig Jahre ist die Gründung des Kunsthaus Tacheles her. Wehmütige Zeitungsartikel erschienen im Februar, die Gründer der Künstlerinitiative erinnerten sich daran, wie das damals war, als sie die Kaufhausruine der historischen Friedrichstadtpassage kaperten, zum Kulturort erklärten und damit das Haus mit seinem pompösen Portal vor dem Abriss retteten. Wenig später wurde es auf die Denkmalliste gesetzt und zum Anziehungspunkt für Berlin-Besucher und Kreative aus der ganzen Welt.

Seit 2012 gibt es das Kunsthaus Tacheles nicht mehr, unter eher unschönen Umständen wurden die Ateliers, das Café, das Kino geräumt. Der alternative Traum schien geplatzt.

Dort, wo sich das neue Berlin erfunden hatte – im Scheunenviertel mit einer boomenden Kunstszene –, wurden die Verdrängungsmechanismen besonders deutlich sichtbar. Im September 2019 wurde der Grundstein für das neue Stadtquartier „Am Tacheles“ gelegt, das Schweizer Architektenbüro Herzog de Meuron, das in Berlin auch das neue Museum des 20. Jahrhunderts baut, präsentierte seine Pläne. 2022 sollen die nun entstehenden Büros, Eigentumswohnungen und Läden ihrer Bestimmung übergeben werden.

Auch Beatiz Morales ist mit einer Arbeit vertreten.
Auch Beatiz Morales ist mit einer Arbeit vertreten.Foto: A. Holmes

Doch wie ein kleines widerständiges Gallierdorf sind in der konvertierten Immobilie die wilden Graffitis der Besetzerzeit im Treppenhaus erhalten geblieben und ist der Kunst zumindest ein kleiner Platz zugewiesen.

Als Vorbote einer künftigen Galerie im Untergeschoss zieht zur Berlin Art Week die rein weiblich besetzte Gruppenausstellung „Memories of Now“ schon einmal ein. Die Pop-up-Ausstellung erinnert nicht nur an die aufregende Vergangenheit und welche Rolle die Kunst einst hier spielte, sondern sie gibt sich auch kämpferisch für die Zukunft: Noch immer besteht eine gewaltige Kluft zwischen den Geschlechtern im Kunstbetrieb, was die Präsenz und auch Bezahlung betrifft.

Vor zwei Jahren präsentierte das Berliner Institut für Strategieentwicklung seine Studie zur Situation von Berliner KünstlerInnen mit miserablem Ergebnis. Der „Gender Pay Gap“ lag mit 28 Prozent deutlich über dem ohnehin zu hohen Wert von 21 Prozent in anderen Branchen.

Elisa Durca arbeitet in ihrer Kunst mit Plastiknetzen und Flüssigkeiten.
Elisa Durca arbeitet in ihrer Kunst mit Plastiknetzen und Flüssigkeiten.Foto: Elisa Durca

Beim damaligen Gallery Weekend lag der „Gender Show Gap“ bei über 40 Prozent. Institutsleiter Hergen Wöbgen wird am 9. September seine neueste Studie vorstellen – hoffentlich mit besserer Quote.

[Am Tacheles, Oranienburger Str. 54, 10.–13. 9. Zeittickets unter: https://pretix.eu/artperspectives/]

Die von Barbara Green und Lorena Juan kuratierte Ausstellung ist also eine kleine Kampfansage in zwei Richtungen – gen Investoren und Kunstbetrieb. Damit hat die Plattform „art perspectives“, die sich die Förderung von Frauen in der Kunstwelt zur Aufgabe gemacht hat, ihren zweiten Auftritt nach dem Gallery Weekend im letzten Jahr.

Mit ihrem Titel „Memories of Now“ erinnert die Schau an jenen legendären Schriftzug „How long is now“ an der Brandwand des Tacheles, der die davorliegende Brache wie ein Menetekel überstrahlte und sich mit der Sanierung bewahrheitet zu haben scheint.

Acht internationale Künstlerinnen sind eingeladen, kollektive Erinnerungen und ihre eigene Geschichte zu hinterfragen. Wenn der Besucher das Tacheles betritt, passiert er zunächst einen hölzernen Gang mit 60 wie Pendel von der Decke hängenden Plastikbeuteln von Elisa Duca, aus denen Farbe auf den Boden tropft, als wären es Sanduhren. Die Zeit ist nicht aufzuhalten. Sie vergeht – wie das „Now“ von damals.

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