Kunst vorm Bau : Im Bann der Blanken Helle

Kunst vorm Bau (5) Zwischen Mythologie und Geschichte: Um den Stier vom Alboinplatz ranken sich Legenden.

Das Tor zur Hölle liegt in Tempelhof. Paul Mersmann der Ältere schuf das Monstrum vom Alboinplatz Mitte der dreißiger Jahre.
Das Tor zur Hölle liegt in Tempelhof. Paul Mersmann der Ältere schuf das Monstrum vom Alboinplatz Mitte der dreißiger Jahre.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Unsere Wege kreuzten sich in einem Sommer, in dem ich gerade der Idee verfallen war, dass es auch im unheiligen Berlin heilige Orte geben müsse. Wozu, hatte ich mich gefragt, zum Uluru, dem roten Berg der Aborigines, nach Australien aufbrechen, wenn sich womöglich schon am Teufelsberg spirituelle Kraftlinien kreuzen? Warum mein Leben im Ganges bei Varanasi riskieren, wenn sich die Reinigung von allen Sünden um den Preis eines kleinen Hautausschlags schon durch ein Bad in der Spree erreichen lässt?

Die Geomantiker, die Berlin auf dem europäischen Chakrenband zwischen Paris und Moskau als das Herzchakra betrachten, hatten mir zumindest die Hoffnung eingeflößt, eine Spur meiner exotischen Träumereien in heimische Gefilde zu retten. Die Enttäuschung folgte auf dem Fuße. Sie hatten mir die Dicke Marie empfohlen, jene Tegeler Eiche, die als ältester Baum der Stadt gilt. Sie hatten mich an die Ufer des Reinickendorfer Heiligensees geschickt, an denen vor 2000 Jahren Menschenopfer stattgefunden haben sollen, wie sie der römische Historiker Tacitus in seiner Schrift „Germania“ den einst in der Gegend ansässigen Semnonen zuschreibt. Wie ich es auch anstellte: Nirgends konnte ich den Odem höherer Sphären spüren.

Der Stier vom Alboinplatz wirkte nicht weniger profan. Schamlos streckte er mir sein massiges Hinterteil entgegen, und um sein Haupt herum wirkte er ebenso plump. Der Unterbau, auf dem sein Körper vollständig aufliegt, nimmt dem Anlauf, den er in die Böschung zu unternehmen scheint, jeden Schwung. Das Tier, das der aus Münster stammende Bildhauer Paul Mersmann der Ältere (1903 – 1975) Mitte der 1930er Jahre im Rahmen eines von Hermann Göring initiierten Künstler-Notstandsprogramms mit Hilfe einer kleinen Hilfstruppe schuf, lässt sich nicht einmal eindeutig identifizieren.

Mersmanns Monstrum ist scheußlich - und doch

Ob es nun einen urtümlichen Auerochsen darstellt oder, zeitgenössischen Dokumenten zufolge, eher einen „Stürmenden Wisentstier“, ist allerdings ziemlich unerheblich. Mersmanns Monstrum ist in erster Linie eine ausgewachsene Scheußlichkeit. Sieben auf neun Meter Rüdersdorfer Muschelkalk über einem Ziegelkern, der aus dem Abrissschutt des Preußischen Kriegsministeriums an der Wilhelmstraße stammte, das dem Neubau des Reichsluftfahrministeriums, dem heutigen Finanzministerium, weichen musste.

Das maßgebliche Fluidum, hatte ich mir sagen lassen, sollte ohnehin dem Gelände unterhalb entsteigen. Von der Südterrasse aus, die der Stier bewohnt, fällt die Anlage zu einem Pfuhl namens Blanke Helle ab. Die germanische Göttin Hel soll darin der Sage nach über den Zugang zum Totenreich gewacht haben.

Zweimal jährlich, heißt es, habe sie einen schwarzen Stier aus den damals noch üppigeren, nicht vom Teltowkanal geschluckten Wassern geschickt, um das Land ringsum urbar zu machen. Während ein heidnischer Priester Hel daher regelmäßig Opfer bringen ließ, verhielt sich sein christlicher Nachfolger achtlos. Eines Frühjahrs entstieg der Stier wieder einmal der Blanken Helle. Er kam mit einem Auftrag: Statt das Land umzupflügen, verschlang er den Priester.

Die Muskeln magischen Denkens zu trainieren, schadet nicht

Es kann auch durch und durch weltlichen Menschen nicht schaden, hin und wieder die Muskeln des magischen Denkens zu trainieren. Wie armselig ist jeder, der sich in der Kathedrale von Chartres nicht zumindest vorstellen kann, dass Gott hier seine Wohnstatt hat. Ohne solch ein Vermögen verkümmert und verkrüppelt die schönste Vernunft. Am Alboinplatz, den die Nazis nach Plänen des Charlottenburger Gartenarchitekten Erwin Barth im September 1933 einweihen ließen, braucht es allerdings schon mehrere geistige Bauchumschwünge, um auch nur in die Nähe einer spirituellen Erregung zu kommen. Einem sehr alltäglichen Verständnis nach lässt sich höchstens behaupten, dass hier in Tempelhof das Tor zur Hölle liegt.

Für ein tieferes mythologisches Erschaudern reicht es nicht, zumal Mersmann mit seinem kalkhellen Stier, der Ambivalenz, mit der Hel zur Hälfte als schwarze, von einem unersättlichen Vernichtungswillen beherrschte, und weiße, der Fruchtbarkeit zugetane Göttin geschildert wird, offenbar etwas Positives abgewinnen wollte. Vielleicht ist das angesichts der fragwürdigen Qualität seines Entwurfs aber auch schon zu weit gedacht. Schließlich sollte man den bronzenen Pinguinen des Bildhauers August Kranz, die 1935 auf der gegenüberliegenden Nordseite des Alboinplatzes aufgestellt wurden, auch keine allzu hohe Symbolik zuerkennen.

Als möglicher Gegenzauber zum bedrohlichen Stier hielten sie auch nicht lange durch: 1944 wurden sie zu Kriegszwecken eingeschmolzen. Der Stier dagegen überdauerte. Erste Kriegsschäden wurden 1960 beseitigt, eine umfassende Restaurierung folgte in den Jahren 2003 bis 2005. Bildhauer Hans Starcke nahm dafür fast jeden der 3000 viereckigen Kalksteine einzeln in die Hand.

Kurz nach der Einweihung sollte er wieder verschwinden

Das wahre Wunder liegt aber darin, dass der Stier die Nazis überlebte. Denn schon kurz, nachdem er im Frühjahr 1937 eingeweiht worden war, sollte er wieder verschwinden. Am 28. April 1938 beschied der Oberbürgermeister der Reichshauptstadt Berlin dem Bildhauer Paul Mersmann, wohnhaft in der Offenbacher Straße 5 zu Friedenau: „Auf Grund der dringenden Aufforderung der Reichskammer der bildenden Künste sehe ich mich gezwungen, das von Ihnen auf dem Alboinplatz geschaffene Bildwerk ,Stürmender Wisentstier’ wieder abbauen zu lassen.“ Was genau der Reichskammer missfiel, ist nicht überliefert. Man stellte Mersmann aber einen späteren Ersatzauftrag in Aussicht, um seinen Ruf nicht zu beschädigen.

Egal ob Auerochse oder Wisent, Hauptsache Bulle. Foto: Kitty Kleist-Heinrich
Egal ob Auerochse oder Wisent, Hauptsache Bulle. Foto: Kitty Kleist-HeinrichFoto: Kitty Kleist-Heinrich

In Vertretung des Oberbürgermeisters, der seit Anfang des Monats Julius Lippert hieß und schon zwei Jahre später auf Betreiben seines Nachfolgers Albert Speer von Hitler wieder entlassen wurde, unterzeichnete damals maschinenschriftlich ein gewisser Dr. Hans Meinshausen. 1930 wegen seines Engagements für die NSDAP noch von seinem Charlottenburger Gymnasium suspendiert, war er nach den Reichstagswahlen im März 1933 als „Staatskommissar zur Wahrnehmung der Geschäfte des Stadtschulrats“ mit Hilfe seines Mentors Joseph Goebbels in Amt und Würden zurückgekehrt, fiel bei ihm aber bald in Ungnade. Als Oberbürgermeister von Görlitz rettete er sich über die letzten beiden Kriegsjahre, bevor er 1948 in Dresden in einem Schauprozess der sowjetischen Besatzer zum Schafott geführt wurde. Die politischen Wirrnisse der Nazijahre erklären wohl, warum es nie zum tatsächlichen Abriss kam.

Wo das Heilige mau ausfällt, wirkt das Historische

Eine Kopie des Schriftstücks sandte mir im Sommer meiner heiligen Sehnsüchte Paul Mersmann der Jüngere zu, der Anfang 2017 im Alter von 77 Jahren verstorbene Sohn des Bildhauers. Er war ein allem Skurrilen und Grotesken aufgeschlossener Grafiker und Schriftsteller, der mich mit der Legende neugierig gemacht hatte, dass sein Vater im Inneren des Stiers eine Kartusche mit Unterschriften gegen Hitler deponiert habe.

Die Vorstellung gefiel mir: Wo es mit dem Heiligen nicht so weit her ist, entfaltet das Historische seine Kraft. Am Telefon musste Mersmann allerdings zugeben, dass bei der Renovierung keine derartige Zeitkapsel gefunden worden sei. Ich glaube, er war einfach zu verliebt in die Vorstellung, dass zu der von den Nazis aufgeführten Klamotte auch eine ernsthafte Geste des Widerstands gehört haben muss.

Meine Hoffnung auf wahrhaft heilige Berliner Orte will ich dennoch nicht verloren geben.

Neulich erst stand ich, vom Rotlicht aufgehalten, auf dem Mittelstreifen der Saarstraße unter der Friedenauer Kaisereiche. Selbst als die Ampel auf Grün schaltete, konnte ich nicht weitergehen. Mit sanfter Macht hielt mich die Kaisereiche fest. Ich schaute hoch in ihr Blätterwerk, und von Minute zu Minute wurde mir seltsamer zumute. Der Baum wollte etwas von mir. Ich weiß noch nicht, was es ist, aber morgen gehe ich wieder hin und finde es heraus.

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