Kunstsammlungen von den Eltern : Auf den Sperrmüll oder zu Sotheby’s?

Immer mehr Menschen erben Kunstsammlungen von ihren Eltern. Gar nicht so einfach. Ein Gespräch mit der Expertin Sasa Hanten-Schmidt.

Sasa Hanten-Schmidt in ihrem Kölner Büro. Die Fotoarbeit stammt von Matthias Baus, die Skulpturen von Angela Glajcar.
Sasa Hanten-Schmidt in ihrem Kölner Büro. Die Fotoarbeit stammt von Matthias Baus, die Skulpturen von Angela Glajcar.Foto: Bettina Fürst-Fastré

Deutschland ist neben England und der Schweiz einer der wichtigsten Standorte für Kunstsammler. Auch Berlin profitiert von seinen Sammlern, ob Ulla und Heiner Pietzsch, Erich Marx oder Barbara und Axel Haubrok. In den letzten Jahren haben in der Bundesrepublik zahlreiche Unternehmer und Selbstständige Kunstsammlungen aufgebaut. Nun steht eine mächtige Erbschaftswelle bevor. Unsere Gesprächspartnerin, Sasa Hanten-Schmidt, hat das Symposium „Der Faktor Mensch“ mitorganisiert, das sich jetzt in Köln mit den psychologischen Implikationen des Erbens befasst: Wenn ein charismatischer Lenker wegfällt, ist oft auch die Kunst in Gefahr.

Frau Hanten-Schmidt, Sie sammeln auch selbst, welche Kunst ist das?

Ich verstehe mich nicht primär als Sammlerin. Meine Kunstkollektion ist lebensbegleitend entstanden, von meinen Anfängen bis heute im Rahmen meiner Tätigkeit als Sachverständige. In dieser Funktion bin ich zuständig für Kunst ab 1960. Ich habe zusätzlich die Verantwortung in einer Sammlung übernommen, die mein Mann mitgebracht hat. Dazu gehören Werke von Rosemarie Trockel, Günther Förg, Tacita Dean, Francis Bacon und Tobias Rehberger. Ich sage Ihnen, was ich sehe, wenn ich durch mein Arbeitszimmer gehe. Was von mir dazugekommen ist, sind lebensbegleitende Positionen, etwa Angela Glajcar, deren Werkverzeichnis ich herausgebe, und radikal zeitgenössische Positionen, Via Lewandowsky, ULAY, Rose Eken. Die Arbeiten sind fast alle im neuen Jahrtausend entstanden.

Wird die Sammlung öffentlich präsentiert?

Wir haben ein Sammlungshaus in Köln, das man zu bestimmten Gelegenheiten besichtigen kann, wie jetzt während der Art Cologne. Die Sammlung befindet sich in den Häusern, in denen wir wohnen, an Standorten in Wien, Köln und Dresden. Und es gibt ein Depot. Sammeln bedeutet ja, dass man mehr besitzt als man aufhängen kann. Eine Sammlung ohne Depot gibt es in der allgemeinen Definition nicht. Das wäre dann einfach die Ausschmückung des Wohnumfeldes, noch keine Sammlung.

Zur Person

Sasa Hanten-Schmidt ist Rechtsanwältin, Sammlerin und Autorin. Sie arbeitet in Köln als öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige, hier ist ihr Fachgebiet zeitgenössische bildende Kunst seit 1960, mit dem Schwerpunkt Europa. In dieser Kombination ist sie die einzige Expertin in Deutschland. Außerdem betreut sie selbst eine Familiensammlung.

2018 veröffentlichte sie gemeinsam mit Wolfgang Ullrich das Buch „Sieh mich an! Schlüsselmoment einer Sammlungsgeschichte“ (Spector Books, 192 S., Deutsch und Englisch) über die Entstehung einer deutschen Unternehmersammlung.

Sie beraten andere Kunstsammler. Welche Probleme tauchen auf, wenn ein Generationswechsel ansteht?

Zu mir kommen Sammler oder Künstler, die etwas zu vererben haben und planen, wie es nach ihnen laufen soll. Oder es kommen Erben zu mir, weil sie eine Erbschaftssteuererklärung abgeben oder einen Pflichtteil auszahlen müssen. Oder weil sie eine Sammlung in eine Stiftung einlegen wollen. Aber oft greifen die Fragen, die an mich gestellt werden, viel zu kurz.

Welche Aspekte sind es, die nicht bedacht werden?

Manchmal haben Kinder die Sammlung schon ihr ganzes Leben lang gehasst und wollen sie gar nicht übernehmen. Zum Beispiel, weil die Aufmerksamkeit der Vorfahren sich nur auf die Kunst bezogen hat und nicht auf sie selbst. Kennt man erst den Geldwert einer Sammlung, kann man bestimmen, welcher Pflichtteil ausbezahlt werden muss und was an Erbschaftssteuer anfällt. Das Juristische kriegt man auf die Reihe. Die Probleme sind meistens psychologisch-soziologischer Natur.

Raten Sie zum Verkauf, wenn ein Mandant die Sammlung seiner Eltern hasst?

Nein, das nicht unbedingt. Aber verstehen hilft oft schon, ein Problem zu lösen. Manchmal reicht es, darüber zu reden.

Die Widerstände der Erben, den „Faktor Mensch“, behandeln Sie jetzt auch in einem Symposium in Köln.

In Erbschaftssituationen geht es ja oft um fiktive Werte. Man erbt nicht nur schieres Geld. Erben bedeutet, dass man eine Wohnung, ein Haus, ein vollgestopftes Lager erbt und jemand muss entscheiden: Das kommt zum Entrümpelungsdienst, das kommt zu Sotheby’s, das behalte ich. Um zu verstehen, wie eine Sammlung funktioniert, ob es überhaupt eine Sammlung ist, ob es eine wertvolle Sammlung ist, dafür braucht man Hilfe. Deshalb bringen wir Experten aus unterschiedlichen Disziplinen zusammen, Sachverständige, Psychologen, auch einen Wissenschaftler wie Jens Beckert vom Max-Planck-Institut, der sich mit der Soziologie des Erbens beschäftigt

Erben ist nicht nur ein Geschenk, es kann auch Zündstoff für die Familie sein?

Leidenschaft lässt sich nicht zwanglos vererben. Nur weil Ihnen ein Gemälde gefällt, gefällt es Ihrer Tochter noch lange nicht. Ob man die Geschichte dazu wertschätzt oder ablehnt, hängt von psychologischen Mustern ab. Versteht man, was der innere Motor für das Sammeln war, kann man damit in der Regel mehr anfangen als mit den blanken Bildern im Depot.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!