Biographie über Rainer Barzel : Der bundesdeutsche Ikarus

Der beste Kanzler, den Deutschland nicht bekommen hat: Kai Wambach verfolgt den atemberaubenden Auf- und Abstieg des CDU-Politikers Rainer Barzel.

Rainer Barzel, unterlegener Kanzlerkandidat, aber noch CDU-Vorsitzender, hält im Oktober 1972 eine Wahlkampfrede .
Rainer Barzel, unterlegener Kanzlerkandidat, aber noch CDU-Vorsitzender, hält im Oktober 1972 eine Wahlkampfrede .Foto: imago stock

Am Ende, als alle Stimmen ausgezählt sind und der Bundestagspräsident verkündet, dass das konstruktive Misstrauensvotum gegen Willy Brandt gescheitert ist, sinkt Rainer Barzel in sich zusammen und schüttelt fassungslos den Kopf, während um ihn herum jubelnde SPD-Abgeordnete aufspringen. Der 27. April 1972, an dem der Oppositionsführer zum Kanzler aufsteigen wollte, endet mit einer Niederlage, von der er sich nicht mehr erholen wird. Zwei Stimmen fehlen ihm, später wird sich zeigen, dass die Staatssicherheit der DDR dabei ihre Hände im Spiel hatte. Fortan klebt an Barzel, der zum Opfer eines Verrats wurde, das Etikett des Verlierers. Konsterniert muss er mitansehen, schreibt sein Biograf Kai Wambach, „wie dieser Tag, seine ganze politische Karriere, sein ganzes Leben, sich untrennbar mit einem katastrophalen Scheitern verknüpfen“. Durch Barzels Laufbahn weht ein Hauch von Shakespeare, wenigstens von „House of Cards“.

Leben verknüpft mit Scheitern

Der CDU-Politiker, der 2006 starb, gehört zu den interessantesten Figuren der alten Bundesrepublik. Das knapp tausendseitige, aus einer Dissertation hervorgegangene Buch, das der Historiker Wambach ihm widmet, liest sich streckenweise wie ein Thriller. Barzel, der 1924 in Ostpreußen geboren wurde und in Berlin aufwuchs, gilt bereits in der Ära Adenauer als politisches Wunderkind. Schon 1960, nach gerade einmal drei Jahren im Bundestag, steigt er in den CDU-Bundesvorstand auf, zwei Jahre später wird er von Adenauer zum Minister für gesamtdeutsche Fragen berufen. Nach den Wiederaufbaujahren ist ein Politikertypus gefragt, der Probleme mit dem Pragmatismus eines Managers zu lösen weiß. Ähnlich wie Helmut Schmidt, Karl Schiller und Hans-Dietrich Genscher gilt Barzel als Macher. 1963 macht ihn der neue Kanzler Ludwig Erhard zum CDU-Fraktionsvorsitzenden. Es wird, so Wambach, „die Rolle seines Lebens“. Seine Effizienz ist beeindruckend, die Kunst, Kompromisse auszuhandeln, beherrscht er meisterhaft. Das verschafft ihm allerdings auch den Ruf, stets taktierend, wendig und ungreifbar zu agieren.

Schon äußerlich unterscheidet sich Barzel von den Honoratioren aus der Großvätergeneration, die in den Nachkriegsjahren die Geschicke der Bundesrepublik bestimmt hatten. Extra knapp und modern geschneiderte Maßanzüge mit engen Hosen sollen, wie Wambach süffisant anmerkt, Barzels „mühsam gestaute Dynamik“ unterstreichen. Die Presse ist dem Fraktionschef, der zu Hintergrundgesprächen in seinen Bungalow im Bonner Diplomatenviertel einlädt, zunächst überaus gewogen. Allerdings irritiert er durch sein überhebliches Verhalten. Journalisten reagieren gereizt auf Barzels Versuche, ihnen die Schlagzeilen in den Block diktieren zu wollen. „Schreiben Sie mal“, sagt er, oder: „Sehen Sie nicht, das ist das Stichwort!“

Intimfeind Helmut Kohl

Als 1966 Deutschland in eine Rezession rutscht, die Arbeitslosenzahlen steigen und die FDP-Minister die Regierung verlassen, weil sie geplante Steuererhöhungen nicht mittragen wollen, sieht Barzel seine Stunde gekommen. Ein Brief, in dem Adenauer ihm versichert, er würde es begrüßen, „wenn Sie Bundeskanzler würden“, bestärkt ihn in seiner Zuversicht. Doch Barzel verfügt über keine Hausmacht in seiner Partei, er hat es versäumt, eine schlagkräftige Gefolgschaft aufzubauen. Zu seinen Intimfeinden zählen Franz-Josef Strauß und der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Helmut Kohl, die alles daransetzen, Barzel als Kanzler zu verhindern.

Wambach nennt Barzels raschen Aufstieg einen „Ikarusflug“. Der Absturz folgt, als die Fraktion über Erhards Nachfolge abstimmt. Der baden-württembergische Ministerpräsident Kurt Georg Kiesinger erhält 137, Barzel lediglich 26 Stimmen. Es ist ein Desaster.

Der Publizist Johannes Gross hat Barzel als „besten Fraktionsvorsitzenden, den die CDU/CSU je gehabt hat“, gefeiert. Gemeint ist damit vor allem Barzels Rolle während der Großen Koalition. Das Bündnis aus CDU, CSU und SPD, das von 1966 bis 1969 regiert, ist alles andere als eine Liebeshochzeit, erweist sich aber als äußerst effizient. In nicht einmal drei Jahren werden 436 Gesetze verabschiedet. Während Kanzler Kiesinger präsidial über den Dingen schwebt, erledigt Barzel die Tagesarbeit. Ihm gelingt es, die Machtverhältnisse innerhalb der CDU von der Partei in die Fraktion zu verschieben, es ist, so Wambach, die „Zeit seines größten politischen Einflusses“.

Erreicht nur den Kopf

Ein kongeniales Pendant findet Barzel im SPD-Fraktionschef Helmut Schmidt. Beide verstehen sich als politische Manager, beide werden von ihren Parteien mehr geduldet als geliebt. „Wir verhandelten zügig, präzise, erfolgsorientiert und zupackend“, resümierte Barzel später die Zusammenarbeit. Gross konstatiert, dass Barzel zwar den Kopf, aber nicht das Herz erreiche, ihm fehle „das Talent, die Sympathie der Menschen zu erringen“. So beliebt wie Willy Brandt wird er nie sein.

Als die CDU 1969 die Bundestagswahl verliert und Brandt zum Kanzler aufsteigt, bewährt sich Barzel als Krisenmanager. Zwar wird er 1971 zum CDU-Vorsitzenden gewählt, doch in Helmut Kohl bekommt er einen Herausforderer, der hartnäckig gegen ihn intrigiert – und ihm 1973 nachfolgt. Barzel wird als Mann des Establishments wahrgenommen, Kohl gilt als Reformer. Während Kohl sich volksnah gibt, wirkt Barzel unnahbar.

Die Bundesrepublik ist Anfang der 70er Jahre tief gespalten. Vor allem die Ostpolitik der Regierung Brandt/Scheel polarisiert. Während Brandt offensiv mit Moskau verhandelt und bereits von „zwei Staaten in Deutschland“ spricht, sieht Barzel die Wiedervereinigung gefährdet. Als Herbert Hupka, Vizepräsident des Bundes der Vertriebenen, im Februar 1972 wegen der Entspannungspolitik von der SPD zur CDU wechselt und bereits die Namen weiterer Übertrittskandidaten kursieren, scheint die Regierung ihre Mehrheit zu verlieren. Während viele in der CDU auf harte Konfrontation setzen, laviert Barzel. Mit einem „So nicht“ schwört er seine Fraktion darauf ein, im Bundestag nicht gegen die Ostverträge zu stimmen, sondern sich zu enthalten. Barzel verhält sich wendig und widersprüchlich, selbst Vertraute wissen nicht, was bei ihm Taktik ist und was Überzeugung .

Verraten von eigenen Parteifreunden

Das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt verliert die Union, weil mindestens zwei ihrer Abgeordneten für den Kanzler stimmen. Der schwäbische Hinterbänkler Julius Steiner, der wegen seines aufwendigen Lebensstils unter Geldsorgen leidet, bekommt für seine Stimme 50 000 DM von der SPD und noch einmal dieselbe Summe vom DDR-Ministerium für Staatssicherheit. Kurz nach der Abstimmung kauft er sich drei Autos. Eine zweite Stimme für Brandt kam wahrscheinlich vom CSU-Abgeordneten Leo Wagner, der 30 Jahre später als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi enttarnt wurde.

Die vorgezogenen Bundestagswahlen gewinnt die SPD im November 1972 mit dem besten Ergebnis ihrer Geschichte. Barzel setzt im Wahlkampf auf Wirtschaftsthemen, der Slogan auf den Plakaten, die ihn zusammen mit anderen Spitzenpolitikern der Union zeigen, lautet: „Wir bauen den Fortschritt auf Stabilität“. Doch wahlentscheidend ist die Außenpolitik. Brandt ist ein Jahr zuvor mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Gegen die Heldenaura des Kanzlers und die Parole „Willy wählen“ kommt der Oppositionsführer nicht an.

Karriere als bühnenreifes Drama

Barzels Leben sei ein „bühnenreifes Drama“ gewesen, schreibt Wambach. Als Barzel mit gerade einmal 49 Jahren seine Spitzenämter verloren hat, sagt er, er „leide wie ein Hund“. Die Jahre nach seinem Abstieg sind von Schicksalsschlägen überschattet. Seine Tochter begeht Selbstmord, die erste Ehefrau stirbt an Leukämie, die zweite durch einen Verkehrsunfall. Von seinem Amt als Bundestagspräsident muss er 1984 nach nur einem Jahr zurücktreten, weil er in die Flick-Parteispendenaffäre verwickelt war.

Politik, das zeigt dieses akribisch recherchierte und glänzend geschriebene Buch, kann gnadenlos sein. Gescheitert ist Barzel nicht nur wegen gekaufter Stimmen, gescheitert ist er auch wegen der Heckenschüsse von vermeintlichen Parteifreunden. So wird Barzel als möglicherweise bester Kanzler in Erinnerung bleiben, den die Bundesrepublik nicht bekommen hat (Kai Wambach: Rainer Barzel. Eine Biographie. Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2019. 985 Seiten, 98 €.).

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