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Unter Druck. Mit „Pascal“ erzielte Norbert Bisky ein hohes Spendenaufkommen.
© Galerie König, VG Bildkunst, Bonn 2022

Gallery-Weekend 2022: Man könnte pausenlos schreien

Der Ukraine-Krieg berührt den Kunstbetrieb. Berliner Galerien und Initiativen werden aktiv.

Ein Porträt in den typischen Norbert-Bisky-Farben. Frisch, poppig, heiter – möchte man meinen. Wären da nicht dieser Schrei und das wutverzerrte Gesicht von „Pascal“. Der Schock sitzt auch nach acht Wochen tief. Das Grauen des von Russland entfachten Kriegs gegen die Ukraine nimmt tagtäglich zu. Da wirkt „Pascal“ wie das Bild zur Weltlage, verweist der Titel doch auf den nach Blaise Pascal benannten physikalischen Druck.

„Das Bild schildert die emotionale Wut und Ohnmacht, mit der wir konfrontiert sind“, sagt Bisky. „Man könnte ja pausenlos wie Oskar Matzerath schreien!“ Außerdem fühle er sich an seine Kindheit erinnert. „Damals war Putin als KGB-Agent in der DDR stationiert. Wäre er an der Macht gewesen, wären Panzer gerollt.“ Angesprochen auf sein Engagement für Geflüchtete aus Syrien im Jahr 2015 bemerkt der Künstler, dass damals Putin das Assad-Regime unterstützt habe. An einem Bewusstsein dafür hat es der Politik in den letzten 20 Jahren scheint’s gemangelt. Die Krim war damals im Jahr zuvor annektiert worden.

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Angesichts der humanitären Tragödie in der Ukraine gilt die ganze Aufmerksamkeit nun der Unterstützung den dortigen Betroffenen. „Spenden, spenden, spenden!“, sagt Bisky. Einen ersten Schritt hat er mit „Pascal“ getan. Binnen 72 Stunden spielte die Edition 229 500 Euro ein, die zu gleichen Teilen an die Ukraine-Hilfe Berlin und „Save the Children“ gehen.

Geschäftlich hat der Krieg keine großen Auswirkungen

Sein Galerist Johann König hat den Verkauf organisiert und ist gerade auf dem Rückweg von der Biennale: „Wir stehen alle vor großen Herausforderungen. Das führt zu großem Engagement. Was wir in der europäischen Politik sehen, lässt sich auch in der künstlerischen Landschaft beobachten.“ In Venedig ließ er eine Skulptur von Claudia Comte für 60 000 Euro für den guten Zweck versteigern. Als große Galerie bekommt König zwar die erhöhten Energiekosten zu spüren, aber geschäftlich habe der Krieg keine großen Auswirkungen, sagt er. Die aktuelle Ausstellung mit Zhanna Kadynova sei schon lange vor dem Krieg geplant gewesen.

Die Ukrainerin zeigt bei König Zeichnungen und die Installation „Palianytsia“. Sie verweist eindrücklich, zugleich humorvoll auf die aktuelle Lage im Land, ebenso auf die Kultur ihrer Heimat. Russen können Palianytsia, das Wort für jenes traditionelle runde Weizenbrot, nicht korrekt aussprechen. Seit der Besatzung des Donbas und Luhansk wurde es zum Symbol des Widerstands.

Die Art East Gallery macht auf Künstler:innen der Ukraine aufmerksam

„Während der ersten beiden Wochen des Kriegs erschien mir Kunst wie ein Traum“, schreibt die 1981 geborene Künstlerin im Statement zur Ausstellung. „Mittlerweile bin ich überzeugt, dass jede künstlerische Geste notwendig ist, um uns sichtbar zu machen und unsere Stimmen zu Gehör zu bringen.“

Cornélia Schmidmayr und Ivanna Bogdanova-Bertrand versuchen mit ihrer Art East Gallery Berlin Kyiv genau das, indem sie mehr Aufmerksamkeit auf die Kunst des Landes richten. Deshalb haben sie die Stiftung Peace for Art gegründet, mit deren Hilfe Schmidmayr gerade eine Ausstellung aktueller Fotografie aus der Ukraine in Paris eröffnet hat. Peace for Art verbindet Künstler:innen mit Institutionen, bietet Residenzen an und hilft bei der Anreise. Sie ermöglichte etwa dem Künstlerinnenduo „etching room“ die Flucht nach Berlin.

Der Laster mit Kunst aus Kiew war schon beladen

Ab 10. Mai zeigen die beiden Ukrainerinnen ihre Grafik in der Art East Gallery. Parallel läuft eine Charity-Aktion des Fotografen Dimitri Bogachuk, dem das Institut Français ab 29. April eine Ausstellung widmet. Seine Aufnahmen waren bereits gepackt und aufgeladen, als wegen des Kriegs der Lastwagen mit den Bildern Kiew nicht verlassen konnte. Die Art East Gallery ließ sie neu drucken und rahmen. Außerdem wurden zwei Museen in der Ukraine finanziell unterstützt und ukrainische Publikationen ins Deutsche und Englische übersetzt. „Ohne Kultur gibt es keine Zukunft für die Ukraine“, ist Schmidmayer überzeugt. Bereits am 1. April waren laut Unesco über 50 Kulturorte beschädigt oder zerstört. „Wir dürfen nicht warten, bis es wieder zu spät ist!“, appelliert sie.

Tatsächlich war die Ukraine im hiesigen Kunstbetrieb bislang ein blinder Fleck. Das mangelnde Wissen darum ist eine Folge des geopolitische Kolonialismus noch der Sowjetzeit und nun der Putin-Diktatur. Das bekam auch Volker Diehl zu spüren, als er 2016 die Künstlergruppe „Alliance 22“ präsentierte, deren Vorbilder Malewitsch, Tatlin oder Alexandra Exter allesamt ukrainische Wurzeln haben.

Die ukrainische Künstlerin Zhanna Kadyrova bezieht sich in ihrer Werkserie „Palianytsia“ auf ein ukrainisches Wort für Brot, das russische Besatzer nicht besonders gut aussprechen können.
Die ukrainische Künstlerin Zhanna Kadyrova bezieht sich in ihrer Werkserie „Palianytsia“ auf ein ukrainisches Wort für Brot, das russische Besatzer nicht besonders gut aussprechen können.
© Ivan Sautkin; Zhanna Kadyrova, Palianytsia, 2022, Courtesy the artist and Galleria Continua

„Damals interessierte sich niemand für ukrainische Kunst“, erinnert sich Diehl, der seit Langem auch in Moskau händlerisch tätig ist.

Die Neugierde auf seine jüngste Ausstellung „Out of the Depth“ war dagegen auf einmal groß. Gleichwohl wurde aufgrund von Diehls Russlandkontakten Druck auf seine ukrainischen Künstler ausgeübt, die Ausstellung abzusagen. Das hätte durchaus Folgen auch für ihn gehabt. Denn das Ausbleiben ihrer Sammler:innen würde seine Galerie empfindlich treffen, befürchtet Diehl.

Grisebach organisierte die Auktion "Artists for Ukraine"

Für Thomas Schulte lief es dagegen gut im ersten Quartal. „Allerdings schwächelten die Messen, an denen wir im Februar bis März teilgenommen haben unter dem Eindruck des Krieges“, sagt er. Die vermögende russische Klientel sitzt vornehmlich in London oder der Schweiz. Das mittlere Feld kaufe in der Regel Kunst aus dem eigenen Kulturkreis, so Micaela Kapitzky von Grisebach – zum Beispiel Fabergé-Eier oder Ilja Repin.

„Schon aus diesem Grund waren diese Kunden bei uns überschaubar“, sagt die Geschäftsführerin des Berliner Auktionshauses. „Außerdem halten wir uns an das Geldwäsche-Gesetz.“ Es gebe Sanktionslisten und das Auktionshaus arbeite nach dem Know-Your-Client-Prinzip, ergänzt sie: „Aber wir spüren die Betroffenheit der Menschen und eine Konzentration auf Sachwerte.“

So hat das Auktionshaus den sogenannten White-Glove-Sale „Artists for Ukraine“ organisiert, der 190 000 Euro erzielte. „Grisebach engagiert sich traditionell für die Stadt und die Gesellschaft“, erklärt Diandra Donecker, jüngste Geschäftsführerin im Hause. Das Engagement von Kuratorin Juliet Kothe und den teilnehmenden Künstler:innen sei überwältigend gewesen. Unterstützt wurde „Be an Angel“, ein regionales Projekt. Zugleich konnten die Künstler ihre Spende gezielt weiterleiten. 3000 Euro für ein Bild von Tamina Amadyar gingen an People of Color.

Jonas Burgert stellt sein Atelier für Kunst aus der Ukraine zur Verfügung

„Be An Angel“ unterstützt Ukrainer:innen unmittelbar bei ihrer Flucht aber auch andere Initiativen wie die von Vasily Grogol, einem kunstaffinen Kiewer Hotelier, und der Künstlerin Kristina Skripka. Über sie sind wiederum Bilder, Zeichnungen und Fotografien von Masha Reva und Ivan Grabko nach Berlin gekommen. Genauer: zu Jonas Burgert, der sein Atelier in Weißensee während des Gallery Weekends zur Verfügung stellt (siehe Infokasten). Für Burgert ist vor allem wichtig, dass sich Künstler:innen untereinander helfen.

Wie stark die Solidarität ukrainischer Künstler:innen ist, zeigte sich zuletzt bei einer Veranstaltung des Online-Magazins „Berlin Art Link“. „Wir sehen uns nicht als Opfer“, stellte Anna Potyomkina sofort klar, Sie ist Kuratorin von „Asortymentna Kimnata“, einer Initiative der Malerin Lesya Khomenko, die geflüchteten Künstler:innen Ateliers zur Verfügung stellt.

Und die Bildhauerin Katya Buchatska ergänzte: „Auch wenn das in Kunstkreisen nicht so populär ist, ich bin jetzt sehr stolz auf mein Land!“ Von der Politik vereinnahmen lassen wollen sich die Künstler:innen trotzdem nicht.

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