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Jaroslav Rudiš, fotografiert in der Tagesspiegel-Kantine am Askanischen Platz..
© Doris Spiekermann-Klaas

Autor Jaroslav Rudiš zu Fremdenangst in Tschechien: „Man sieht Präsidenten beim Verrücktwerden zu“

Osteuropa schottet sich immer mehr ab. Ungarn sowieso - aber auch Tschechien. Ein Gespräch mit dem Schriftsteller Jaroslav Rudiš über Fremdenangst und ihre historischen Wurzeln.

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Im Osten der EU werden neue Mauern und Zäune hochgezogen – tatsächliche, aber auch in den Köpfen. Frage an einen Tschechen, der zwischen Berlin und Böhmen lebt: Woher kommt die Bunkermentalität?

Die Frage stellen sich meine Freunde und ich auch immer wieder.

Steckt dasselbe dahinter, das in Sachsen und anderswo Menschen dazu bringt, Asylbewerberunterkünfte anzuzünden?

Ich spüre bei uns keinen Hass, eher Angst, dass einem etwas weggenommen wird. Womöglich hat das historische Gründe, wir sind seit einem Jahrtausend an Zerstörung und Kriege gewöhnt.

Ist Geschichte da präsenter?
Vielleicht fantasiere ich nur. Aber Böhmen wurde im letzten Jahrtausend immer wieder verwüstet, durch die Hussitenkriege, im Dreißigjährigen Krieg. 1866 hat sich in der Gegend, aus der ich komme, eine gigantische Schlacht zwischen Preußen und Österreich abgespielt, mit einer halben Million Soldaten und vielen Toten, über deren Gräber man bis heute stolpert. Die Angst vor dem Fremden und vor Krieg ist auf jeden Fall nicht neu. Genau genommen war mein Land das ganze 20. Jahrhundert auf dem Weg in die Isolation. Bis 1918 waren wir Teil eines Vielvölkerstaats. Ich will die Habsburgermonarchie auf keinen Fall verklären. Kafka war Zeuge, wie sich Tschechen und Deutsche damals gejagt haben. Aber wenn ich das Prag von 1913 mit dem von 1953 vergleiche, würde ich mir vermutlich 1913 zurückwünschen. Selbst in der tschechoslowakischen Republik nach dem Ersten Weltkrieg lebten wir noch mit Juden und Deutschen zusammen. Dann wurden die Juden vernichtet und vertrieben, nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Deutschen weg. Johannes Urzidil, ein bedeutender zweisprachiger Autor aus Prag, den ich sehr schätze, hat einmal gesagt: Endlich leben die Tschechen unter sich, allein, so wie sie es immer wollten. Der sah das mit viel Trauer und Ironie, selbst kam er nie wieder zurück. Später lag unser Land am Rande des Sowjetimperiums, und als das vorbei war, haben wir uns auch noch von den Slowaken getrennt. Und das mit unserer Flucht- und Migrationsgeschichte: Nicht nur Neukölln hat als böhmisches Dorf angefangen, auch Babelsberg. Bis zum Krieg war die Tschechoslowakei die letzte demokratische Bastion, erste Anlaufstelle für viele, die vor den Nazis flohen. Heinrich Mann ist als tschechoslowakischer Staatsbürger gestorben.

Sie sprachen von der Sowjetzeit – wie haben Sie deren letzte Jahre erlebt? Sie waren noch Schüler.

Auch in der Schule wurde das jahrhundertelange Zusammenleben nach Kräften verdrängt. Wir haben uns gern mit sozialistischem Internationalismus geschmückt, aber der war ja weit weg. Ich bin mit dem Feindbild der Deutschen aufgewachsen. Auch mein Großvater war der Meinung, dass die bösen Deutschen im Westen lebten, die Guten in der DDR, aber auch auf die müsse man aufpassen.

Trotzdem haben Sie Deutsch auf der Schule gelernt?

Und zwar mit Leidenschaft. Ja, unterrichtet wurde Deutsch schon.

Und dann kam die Wende und die Mauer, die von den bösen Deutschen trennte, war weg. In ihrem neuen Buch „Nationalstraße“ klingt das, als sei die Tschechoslowakei gar nicht beteiligt gewesen.

Die Samtene Revolution war das Heldentum einer Minderheit. Die Tschechoslowaken waren mit die letzten, die haben erst einmal geguckt, wie es in Berlin so lief. Ich werfe niemandem vor, dass es nicht zum Helden gereicht hat, schließlich war ich, als alles zusammenbrach, siebzehn, die späten 80er Jahre waren bei uns eine Art Komödie, es gab erste Freiheiten und man merkte, wie alles so langsam zerfiel. Aber ich meine tatsächlich, dass uns die Freiheit geschenkt und nicht erobert wurde.

Welche Erinnerungen haben Sie an 1989?

Es gibt eine Szene, die ich nie vergessen werde. Wir waren vom Gymnasium auf einem Schulausflug in Prag, es war die Zeit der Botschaftsflüchtlinge aus der DDR. In den Zeitungen war nichts zu lesen, aber da standen alle die verlassenen Trabis, die ganze Kleinseite war förmlich eine Barrikade aus DDR-Müll. Manchen fehlte schon das ein oder andere Teil, ein Außenspiegel, ein Kotflügel. Nach der Wende wurde dann alles möglich. Ich bin zum Studieren nach Zürich und später auch an die Freie Universität in Berlin gegangen.

Sie sahen den Eisernen Vorhang fallen. Was lösen die neuen Zäune bei Ihnen aus?

Trauer. Es macht traurig zu sehen, dass Tschechien wieder eine kleine Insel sein will. Ich bin froh, dass ich das Ende der Sowjetzeit noch erlebt habe. Hoffentlich hat es mich gegen die Inselmentalität immunisiert. Die ist bei uns stark, vielleicht liegt es auch daran, dass wir keinen Zugang zum Meer haben wie die Polen. Wir schotten uns zu gern von der Welt ab. Die Berge um Böhmen und Mähren sind eigentlich nicht besonders hoch, aber sie scheinen eine enorme Hürde zu sein. Als ich in meiner Prager Stammkneipe „Zum ausgeschossenen Auge“ vor 15 Jahren erzählte, ich würde ein Jahr ins Ausland gehen, waren alle fassungslos. Wer geht, gilt bei einigen sofort als Verräter, man hört auch Emigranten nicht gern zu. Da heißt es dann: Du weißt nichts von uns, erzähl uns nichts, du hattest ein schönes Leben in Frankreich oder in Frankfurt. Was es bedeutet, Emigrant oder Flüchtling zu sein, dafür gibt es wenig Gefühl.

"Wir müssen endlich herausfinden, was wir wollen"

Jaroslav Rudiš, fotografiert in der Tagesspiegel-Kantine am Askanischen Platz.
Jaroslav Rudiš, fotografiert in der Tagesspiegel-Kantine am Askanischen Platz.
© Doris Spiekermann-Klaas

Sie schreiben auch, dass die Tschechen die geschenkte Freiheit nicht zu schätzen wussten. Wieso?

Wir haben uns zu schnell an das Geschenk der Freiheit gewöhnt, die damals Kapitalismus hieß: die geilen Jeans, die Rolling Stones in Prag. Heute sind die Tschechen angeblich die größten EU-Skeptiker. In meiner Stammkneipe in Jičín in Český ráj – dem „Böhmischen Paradies“ -, woher ich komme, lästern ausgerechnet diejenigen über Europa, die ihr Geld damit verdienen, dass ihre Firmen nach Deutschland liefern.

Vielleicht, weil sie nicht genug verdienen?

Gut, man kann darüber klagen, dass man in Tschechien weniger verdient als in Deutschland. Aber die Leute haben Arbeit, Arbeitskräfte werden sogar gesucht. Ich habe das Gefühl, dass manche einfach nie genug kriegen oder diffuse Ängste haben, dass ihnen etwas weggenommen werden könnte. Ein Weltuntergangsgefühl, das auf die angeblich Anderen projiziert wird. Nach der Wende traf das die Roma, heute sind es Flüchtlinge, die es bei uns praktisch gar nicht gibt, die aber die Köpfe bevölkern. Manches ist so absurd, dass es sich wenigstens mit Humor nehmen lässt. Wobei unser berühmter tschechischer Humor ja auch immer düster und melancholisch ist.

Sie meinen die Flüchtlinge im Wald, die bei der Polizei gemeldet wurden, weil sie dort angeblich Bunker bauten?

Tatsächlich waren es ganz normale Waldarbeiter. Oder das Mädchen, das einen muslimischen Terroristen mit Waffe sah, der in Wirklichkeit ein Schornsteinfeger mit seinem Besen war. Auch Musiker aus Benin, die zu einem bekannten Festival eingeladen worden waren, kamen bei uns als illegale Migranten in Haft, nur weil sie ihre Pässe im Hotel gelassen hatten.

Ungarns Premier Orbán plant ein Referendum über die Flüchtlingsfrage. Wie würde es in Tschechien ausgehen?

Ich denke, ähnlich. Die Leute würden ablehnen. Dabei hat Ungarn wenigstens Erfahrungen mit Flüchtlingen gehabt. Die tschechische Politik hat nur zugeschaut, während Deutschland und Österreich halfen. Aber es gab auch viele junge Tschechen, die freiwillig nach Budapest, Slowenien oder Serbien gefahren sind, um zu helfen.

Halten Sie tschechische Versionen von Clausnitz und Bautzen für möglich?

Noch nicht. Vor den Heimen in Tschechien – den wenigen, die existieren – gab es bisher nur Proteste. Mit mehr Flüchtlingen wäre das wie in Sachsen. Sofort.

Aber der Pegida-Versuch in Prag kürzlich zog wenig Leute an. Weil Pegida bereits Regierungspolitik ist?

Das stimmt so nicht. Wir erleben allerdings eine starke Rückwendung zum Nationalismus. Wenn Sie Miloš Zeman meinen: Der lebt in der Welt der Prager Burg, die noch jeden Staatspräsidenten seit der Wende geschafft hat. Das ist die angeblich größte Burganlage in Europa und sie macht ihre Insassen verrückt. Václav Havel ist dort einsam geworden, seinem Nachfolger Václav Klaus konnte man beim Verrücktwerden zusehen. Und jetzt sitzt dort Zeman, einst ein EU-Föderalist, der heute prorussisch redet. Für mich ist er eine komische und traurige Gestalt. Karl Kraus, der ja in Jičín im Böhmischen Paradies geboren wurde, oder Jaroslav Hašek würden tolle Geschichten über ihn schreiben.

Also hat Visegrad Brüssel abgelöst?

Das hat schon fast etwas Tragisches: Die Visegrad-Staaten...

... eine Gemeinschaft von Polen, Tschechien, der Slowakei und Ungarn...

...schlossen sich 1991 zusammen, um gemeinsam in die EU zu kommen. Dann geriet die Sache in Vergessenheit und jetzt hat man sich zur Abwehr von Flüchtlingen wieder zusammengefunden.

Ist Europa noch zu retten?

Westeuropa schon. Der Osten und unser Mitteleuropa? Ich weiß nicht. Aber das ist unser Problem. Wir müssen endlich herausfinden, was wir wollen und wohin wir gehören. Das Pendel muss zur Ruhe kommen.

Was meinen Sie?

Etwas, was in allen mitteleuropäischen Ländern passierte, die unter Sowjetdominanz standen. Man wollte in den 90er Jahren weit weg vom Osten, wir wollten uns sogar vom Osten in uns selbst trennen. Der Westen waren nicht nur Deutschland und Frankreich, das war Amerika. Jetzt schlägt das Pendel zurück, das Östliche in uns wird wieder beschworen, man findet Putin doch nicht so übel. Ich fühle mich manchmal wie beim Schunkeln in der Kneipe. Und ich meine, wir sollten den Bierkrug endlich mal absetzen.

Das Gespräch führten Andrea Dernbach und Matthias Meisner. Jaroslav Rudiš, geboren 1972, ist Schriftsteller, Drehbuchautor, Musiker und Dramatiker. Er lebt in Berlin und der Region Český ráj („Böhmisches Paradies“). Auf Deutsch sind seine Romane „Der Himmel unter Berlin“, „Grand Hotel“, „Die Stille in Prag“, „Vom Ende des Punks in Helsinki“ als auch die Graphic Novel „Alois Nebel“ (gezeichnet von Jaromír 99) erschienen, die verfilmt wurde und 2012 der Europäischen Filmpreis gewonnen hat. 2012/13 hatte Rudiš die Siegfried-Unseld-Gastprofessur an der Humboldt-Universität zu Berlin inne. Am 3. März stellt er seinen neuen Roman „Nationalstraße“, der bei Luchterhand erscheint, im Literaturhaus Berlin vor. Die Hauptfigur ist ein frustrierter Kneipenschläger und seltsamer Sheriff, der seine Plattenbausiedlung am Prager Stadtrand vor Fremden zu verteidigen glaubt.

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