Manuskript von Arthur Koestler entdeckt : Brüder, die zu Amokläufern werden

Eine große Entdeckung: das deutsche Original von Arthur Koestlers antikommunistischem Roman „Sonnenfinsternis“, der 1940 auf Englisch erschien.

Der Ex-Kommunist. Arthur Koestler, der als Sohn eines deutsch-jüdischen Fabrikanten in Budapest geboren wurde, schrieb seinen Roman „Darkness at Noon“, der erstmals 1940 in Großbritannien erschien, auf Deutsch.
Der Ex-Kommunist. Arthur Koestler, der als Sohn eines deutsch-jüdischen Fabrikanten in Budapest geboren wurde, schrieb seinen...Foto: AFP

Finderglück muss man haben. Aber auch den richtigen Riecher. Beides hatte der Kasseler Germanistik-Doktorand Matthias Weßel, als er vor drei Jahren den Bestand der Zürcher Zentralbibliothek an Unterlagen des bedeutenden Verlegers deutscher Exilliteratur, Emil Oprecht, durchforstete und auf den Eintrag „Rubaschow. Unveröffentlichtes Manuskript, 1940“ stieß. Weßel, der für seine Doktorarbeit über Arthur Koestler forschte, wusste sofort, dass es sich um das Manuskript von dessen berühmten Roman „Sonnenfinsternis“ handeln musste, dessen Hauptfigur den Namen Rubaschow trägt. Jetzt ist das Buch in seiner originalen Fassung erschienen, mit einem Nachwort zur Entstehungs- und Textgeschichte.

„Sonnenfinsternis“ erschien 1940 zuerst in Großbritannien unter dem Titel „Darkness at Noon“ und beschreibt die Sowjetunion, ohne sie je zu nennen, zur Zeit von Stalins „Großem Terror“ - ohne auch dies jemals so zu bezeichnen. Es handelt sich also um eine Art Schlüsselroman: die Geschichte des Funktionärs Rubaschow, der verhaftet, verhört und schließlich zum Tode verurteilt wird, alles um der (unbenannten) Partei und ihrer alleinigen Wahrheit willen. Gegenläufig zur bevorstehenden physischen Vernichtung des als Konterrevolutionär gebrandmarkten Rubaschow verläuft dessen Selbsterkenntnis als menschliches, das heißt moralisches Wesen. Auslöschung und Selbsterkenntnis fallen in eins.

„Sonnenfinsternis“ ist neben George Orwells etwas späterem Roman „1984“ die wirkmächtigste literarische Verarbeitung des Stalinismus während dessen Blüte in den späten dreißiger Jahren. 1946 erschien eine deutsche Ausgabe, die Koestler selbst aus dem Englischen rückübersetzt hatte - wobei die englische Fassung ihrerseits eine Übersetzung aus dem deutschen Manuskript darstellt, die seine damalige Freundin Daphne Hardy angefertigt hatte.

Der letzte Text, den Koestler auf Deutsch schrieb

Die eigenhändige Rückübersetzung hinterließ bei Koestler noch Jahre später, wie er 1960 schrieb, „das quälende Gefühl (...), der Spontaneität des Originals verlustig gegangen zu sein“. Dass er selbst nicht nach dem von ihm doch nach Zürich abgesandten Typoskript gesucht hat, oder gar - wie Weßel aus Indizien folgert - von der Existenz des Originals wusste, ohne es dann zurückzufordern, bleibt ein Rätsel.

1905 als Sohn eines deutsch-jüdischen Fabrikanten in Budapest geboren, wurde Koestler als junger Mann zum Reporter in Palästina und ab 1930 in Berlin; er schrieb auf Deutsch, der Sprache, mit der er im Elternhaus aufgewachsen war. „Sonnenfinsternis“ war der letzte Text, den er in dieser Sprache schrieb. 1940 entkam er aus dem von der Wehrmacht besetzten und mit den Nazis kollaborierenden Frankreich der Vichy-Regierung nach England, wo er bis zu seinem Freitod 1983, bereits unheilbar krank, lebte.

Koestler, dessen Leben bis zu seiner Sesshaftwerdung in England ein einziger Abenteuerroman ist, hatte ein Jahr lang die Randgebiete der jungen Sowjetunion bereist und im Spanischen Bürgerkrieg aufseiten der Republikaner berichtet, war Anfang 1937 von Franco-Truppen verhaftet und zum Tod verurteilt worden, entkam durch britische Intervention nach Frankreich, wurde interniert und gelangte schließlich aus dem unbesetzten Süden des Landes nach England.

Heiligt das Ziel die Mittel?

„Sonnenfinsternis“ schrieb er noch in Frankreich; das Typoskript, das Weßel in Zürich entdeckte, war durch die französische Postzensur aus den Wochen vor dem deutschen Einmarsch gegangen. Der Autor hatte es augenscheinlich an seinen Verleger Oprecht geschickt, in dessen Europa Verlag 1938 die deutsche Ausgabe von „Ein spanisches Testament“ erschienen war, Koestlers Erlebnisbericht aus dem Bürgerkrieg. Oprecht hatte mit Konrad Heidens Hitler-Biografie bereits 1936/37 die erste hellsichtige Darstellung des „Führers“ verlegt.

Das Spanien-Buch machte Arthur Koestler als Schriftsteller bekannt. Auch dieses Buch ist jüngst wieder aufgelegt worden, im namensgleichen Europa Verlag, der den Zürcher Vorgänger 2015 erwarb. Die umfangreichen Reflexionen des Autors in dem tagebuchartigen Spanien-Buch sind eine wichtige Vorstufe der in der fiktiven Figur des Rubaschow dargelegten Gedanken über Ideologie und die Würde des Individuums.

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Rubaschow erkennt am Ende die Schuld, die er in der Befolgung der Parteilinie auf sich geladen hatte. „Aber wenn er sich frug: wofür stirbst du nun eigentlich, dann fand er keine Antwort“, schließt Rubaschows Nachdenken in der Todeszelle: „Es war ein Fehler in dem System, vielleicht auch stak er in dem Satz, den er bisher für unbezweifelbar gehalten hatte, in dessen Namen er andere geopfert hatte und jetzt selbst geopfert wurde: in dem Satz, dass das Ziel die Mittel heilige. Es war der Satz, der die große Fraternität der Revolution getötet und sie alle zu Amokläufern gemacht hatte.“

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