Nach dem Fall Hingst : Warum wollen einige Menschen unbedingt jüdisch sein?

Manche Menschen haben das drängende Verlangen, Opfer und Jude zu sein. Sie sind Symptom einer Gesellschaft, die immer noch an ihrer Vergangenheit leidet.

Julius H. Schoeps
Abtauchen in eine andere Welt. Ein Tor des Jüdischen Friedhofs in der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg.
Abtauchen in eine andere Welt. Ein Tor des Jüdischen Friedhofs in der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg.Foto: Imago/Tobias Seeliger

Der Fall der Historikerin und Bloggerin Marie Sophie Hingst, die sich vor Kurzem das Leben nahm, als ihre erdichtete jüdische Identität aufflog, hat die deutsche Öffentlichkeit überrascht, verwundert und schockiert. Hingst hatte die Sehnsucht, in eine jüdische Opferrolle zu schlüpfen, und spielte diese Rolle fast bis zur Perfektion. Ein Einzelfall? Wohl eher das Gegenteil, wenn nicht sogar eine deutsche Krankheit.

Da ist der Fall der Hallenserin Karin Mylius, die keine Jüdin war, aber steif und fest behauptete, jüdischer Herkunft zu sein. Sie gerierte sich als Überlebende der Schoah, gab an, ein jüdisches Findelkind mit dem Namen Karin Morgenstern gewesen zu sein, und besorgte sich kurzerhand Adoptiveltern. Vater, Mutter und Bruder, so fantasierte sie der Welt vor, seien vor ihren Augen erschossen worden.

Zum Autor

Julius H. Schoeps ist Gründungsdirektor des Moses Mendelssohn Zentrums in Potsdam für europäisch-jüdische Studien.

Bei solchen Behauptungen sollte es aber nicht bleiben. Mylius ließ sich zu DDR-Zeiten zur Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde in Halle wählen und amtierte dort gleich noch als Rabbinerin in Rabbinertracht. Es gelang ihr auf diese Weise, sich als Vorzeigejüdin für Nichtjuden im Arbeiter-und-Bauern-Staat zu stilisieren. Da sich Mylius als systemtreu erwies, den SED-Staat hofierte und sich auch dezidiert kritisch gegenüber Israel äußerte, genoss sie den Rückhalt und Schutz der Behörden. Auch als sie schließlich als Lügnerin und Hochstaplerin enttarnt wurde, blieb alles beim Alten. Ein Skandal war damals nicht erwünscht, weder seitens der SED noch von jüdischer Seite, der die Angelegenheit überaus peinlich war.

Ein Täuscher, Lügner und Hochstapler

Ein ähnlicher Fall wie derjenige von Karin Mylius ist der von Wolfgang Seibert, der in Pinneberg einige Jahre als Vorsitzender der dortigen Jüdischen Gemeinde amtierte. Auch er war ein Täuscher, ein Lügner und Hochstapler, der sich eine jüdische Identität zugelegt hatte. Seibert behauptete dreist, seine Großeltern hätten Auschwitz überlebt, der Vater sei vor den Nazis nach England geflohen und die Mutter stamme aus der Ukraine.

Es war der „Spiegel“-Redakteur Martin Doerry, der wie im Fall Hingst schließlich das Lügengebäude zum Einsturz brachte. In Wahrheit besaß Wolfgang Seibert, Jahrgang 1947, evangelische Eltern, die keinerlei jüdische Wurzeln hatten. Als er mit seinen Behauptungen konfrontiert wurde, ließ er über seinen Anwalt mitteilen, dass er leiblich zwar nicht jüdische Eltern habe, aber von jüdischen Pflegeeltern aufgezogen worden sei. Die Formulierung „nicht jüdische“ Eltern war bewusst gewählt und ist ganz offensichtlich der Versuch, sich im Nachhinein von den „christlichen“ Eltern zu distanzieren.

Ein irgendwie geartetes Unrechtsbewusstsein scheint Seibert nicht gehabt zu haben. Er nutzte seine Stellung als Gemeindevorsitzender, um sich als Kämpfer gegen Faschismus und Antisemitismus in Szene zu setzen. Ein gewisses Renommee brachte ihm, dass er sich an der Spitze von Anti-AfD-Demos sehen ließ. Seine Behauptung, er hätte in Haft gesessen, weil er einst RAF-Terroristen versteckt habe (tatsächlich war er wegen Betruges und Unterschlagung im Gefängnis), stieß bei dem einen oder anderen früheren Bekannten auf Skepsis. Aber man schwieg. Die Angst, als Antisemit zu gelten, war wohl der Grund, dass man Seiberts Lügen widerspruchslos hinnahm.

Ähnlich wie bei Mylius und Seibert stellt sich auch der Fall der Lyrikerin Irena Wachendorff aus Remagen dar, die sich ebenfalls als Tochter von Schoah- Überlebenden ausgab. Wachendorff fiel durch heftig vorgetragene Israelkritik auf. Ihre antizionistischen Positionen rechtfertigte sie damit, dass sie als Tochter von Schoah-Überlebenden das Recht dazu habe, sich kritisch mit Israel auseinanderzusetzen.

Die von ihr vorgetragenen Begründungen lassen aufhorchen. Ihr verstorbener Vater, so argumentiert Irena Wachendorff, sei ein „orthodoxer“ Jude gewesen, die Mutter hätte Auschwitz überlebt. Beides war glatt erlogen, wie die den Fall nachrecherchierenden Journalisten inzwischen festgestellt haben. Der Vater war ein deutscher Wehrmachtsoffizier, die Mutter keine Auschwitz-Überlebende, sondern eine deutsche Hausfrau. Beide, Vater wie Mutter, waren keine Juden, sondern im Christentum erzogen worden.

Jüdische Kronzeugin für Israel-Kritiker

Irena Wachendorff entwickelte sich zur jüdischen Kronzeugin nicht jüdischer Antisemiten und Israel-Kritiker. Ein Fall von speziellem Wahnsinn, spannend für Therapeuten und Psychologen? Vielleicht auch das, doch greift eine solche Erklärung zu kurz. Vielmehr steht Irena Wachendorff für eine Reihe weiterer Fälle, die zumindest in groben Zügen ein typisches Muster offenbaren.

Das Abtauchen in die Welt des Judentums, das Sich-verbergen-Wollen im Opferkollektiv, erfordert einen hohen Grad an Anpassungsfähigkeit, Fantasie und Skrupellosigkeit. Prädestiniert sind Personen mit schauspielerischem Talent und der Fähigkeit, seine Mitmenschen über die eigene Biografie und Identität so zu täuschen, dass sie nicht einmal bemerken, einer Täuschung aufzusitzen.

Nicht immer fliegt derjenige auf, der in die Rolle des verfolgten Juden schlüpft, manche Fälle bleiben vermutlich unerkannt. Zumeist ist es die eigene Prahlerei, über die dann jemand stolpert, über das Verlangen, mehr zu sein, als man tatsächlich ist. Bei so manchem Zeitgenossen scheint es geradezu ein tiefsitzendes Bedürfnis zu sein, sich eine Verfolgten-Biografie zuzulegen, um Bewunderung und zugleich Mitgefühl der Umwelt auf sich zu ziehen.

[Haben Sie dunkle Gedanken? Wenn es Ihnen nicht gut geht oder Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Das können Freunde oder Verwandte sein. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie sich melden können. Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0800/111 0 111 und 0800/111 0 222. Weiterhin gibt es von der Telefonseelsorge das Angebot eines Hilfe-Chats. Außerdem gibt es die Möglichkeit einer E-Mail-Beratung. Die Anmeldung erfolgt – ebenfalls anonym und kostenlos – auf der Webseite. Informationen finden Sie unter: www.telefonseelsorge.de]

Das Schlüpfen in die Opferrolle kann aber auch noch ganz anders ausgehen und am Ende eine direkte judenfeindliche Wendung nehmen. Verwiesen sei auf den Fall eines Konvertiten, der sich nach seinem Übertritt zum Judentum den hebräischen Namen Shlomo A. zulegte. Hier offenbart sich eine geradezu perfide Form der Schuldabwehr. Shlomo A., ursprünglich ein Nicht-Jude, im Nach-Hitler-Deutschland geboren und aufgewachsen, lebt heute im belgischen Antwerpen. Dort sucht er die Nähe sektiererischer orthodoxer Juden – wohl in der Hoffnung, mit diesen seine antizionistischen Neigungen besser ausleben zu können.

Shlomo A., der sich nach seiner Konversion den Satmarer Chassiden anschloss, bemüht sich, wie ein chassidischer Jude auszusehen. So tritt er im schwarzen Anzug auf, wobei Zizit, Kaftan, Hut und Streimel offensichtlich Belege dafür sein sollen, dass er ganz in seiner neuen Identität aufgeht. Die Nichtjuden bezeichnet Shlomo A. nicht als Christen oder Andersgläubige, sondern als Gojim. Sich selbst sieht er mittlerweile als einen Erwählten an, der sein Leben „Avodat Haschem“ verschrieben hat, dem Dienst an Gott.

Die Weltsicht dieses Mannes ist derart verquer, dass er sich nicht nur als Antizionist begreift, welcher die Existenz des Staates Israel ablehnt und ihn politisch wie auch religiös dämonisiert. Shlomo A. versteigt sich sogar zu der Behauptung, dass es überhaupt keinen organisierten Judenmord gegeben habe. Den jüdischen Staat hält er für eine zionistische Erfindung, für ein Geschäftsmodell, das „die Zionisten“ gewinnbringend zu ihrem Vorteil benutzen.

"Nationalzionismus ist schlimmer als Nationalsozialismus"

Shlomo A. belässt es allerdings nicht bei seiner privaten jüdischen Inszenierung, er entwickelt obendrein noch Verschwörungstheorien. Der deutsche Staat klage Israel aus Verlegenheits- und Schuldgefühlen nicht an, so Shlomo A., und er würde sich von dunklen Mächten erpressen lassen. „Die Zionisten“, das ist die feste Überzeugung des nunmehr als Satmarer Chassid auftretenden Konvertiten, seien das eigentliche Übel der Welt, das es mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu bekämpfen gelte. Wenn das nicht geschähe, warnt er, sei das Schlimmste noch zu befürchten.

Im Kopf von Shlomo A. ist die Anwendung so ziemlich jeden Mittels recht, das nur irgend hilft, den jüdischen Staat verächtlich zu machen und zu delegitimieren. Selbst vor dem Zusammengehen mit Holocaustleugnern wie dem „Historiker“ David Irving und radikalen Muslimen wird dabei nicht zurückgeschreckt. Die Vernichtung des jüdischen Staates ist das erklärte Ziel. Der „Nationalzionismus“, so Shlomo A., sei „schlimmer als der Nationalsozialismus“.

Als Anhänger der Neturei Karta, einer Gruppe fundamentalistischer Ultraorthodoxer, dessen ehemaliger Vorsitzender, Rabbiner Moshe Hirsch (1923–2010), angeblich einst Minister für jüdische Angelegenheiten im Kabinett des einstigen Palästinenser-Präsidenten Yassir Arafat war, reist der Antwerpener Konvertit sogar zu den berüchtigten „Holocaust“-Konferenzen in den Iran, wo er sich schon als Alibijude und Gegner des Staates Israel vom einstigen Präsidenten Mahmoud Ahmadinedschad und den dortigen Mullahs feiern ließ.

Die Liste mehr oder weniger prominenter Fälle mit Sehnsucht nach Opferrolle und jüdischer Schein-Identität ließe sich beliebig fortsetzen. Hat das chronische „Opfer-sein-zu-Wollen“ vielleicht doch noch eine ganz andere, eine tiefere Bedeutung? Man kann die geschilderten Fälle nicht alle über einen Leisten schlagen, sollte sie aber als das ansehen, was sie tatsächlich sind: Syndrome einer Gesellschaft, die geradezu traumatisch an ihrer Vergangenheit leidet.

Auch fast 80 Jahre nach der Schoah scheint die Unfähigkeit, sich der eigenen NS-Vergangenheit oder derjenigen der Eltern oder Großeltern zu stellen, anzudauern, und in manchen Fällen nimmt sie krankhafte Züge an. Sophie Hingst, Karin Mylius, Wolfgang Seibert, Irena Wachendorff oder auch Shlomo A. – sie spiegeln uns nicht nur unbewältigte Täter-Geschichte, sondern auch die andauernde Anomalität im Verhältnis von Nichtjuden und Juden.

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