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Ukrainischer PEN-Chef Andrej Kurkow: „Nach dem Krieg räume ich meinen Garten auf“

Andrej Kurkow ist Schriftsteller, Journalist und Präsident des ukrainischen PEN-Clubs. Ein Gespräch über seine Arbeit, westliche Wissenslücken – und Deniz Yücel.


Andrej Kurkow wurde 1961 in St. Petersburg geboren und lebt seit seiner Kindheit in Kiew, wo er Fremdsprachen studierte. Er hat als Drehbuchautor und Zeitungsredakteur gearbeitet und wurde schließlich Romanautor. Viele seiner Werke sind ins Deutsche übertragen worden, so auch der Bestseller „Picknick auf dem Eis“ (2000), „Der Gärtner von Otschakow“ (2013) und zuletzt „Graue Bienen“ (alle bei Diogenes). Ende Juli erscheint der historische Kriminalroman „Samson und Nadjeschda“. Am 22. Juni wird Andrej Kurkow bei der Verleihung des Theodor-Wolff-Preises in Berlin sprechen.

Andrej Kurkow, Sie haben Kiew zu Beginn des Krieges verlassen. Wie sieht Ihre Situation derzeit aus?
Ende Februar ging ich mit meiner Familie zunächst nach Lwiw und dann nach Uschhorod, wo uns kostenlos eine Wohnung überlassen wurde. In der Westukraine lebt es sich sicherer als in der Hauptstadt. Außerdem ist es einfacher, von hier aus geschäftlich ins Ausland zu gehen. Ich reise regelmäßig und nehme an Diskussionsrunden und Veranstaltungen über den Krieg in der Ukraine teil.

Was macht Ihre schriftstellerische Arbeit?
Im Moment schreibe ich nur journalistisch. In letzter Zeit habe ich mehr als 50 Artikel über die Ukraine und ihre Zukunft in Zeitschriften und Zeitungen in Europa und Amerika veröffentlicht. Vor dem Krieg arbeitete ich am dritten Roman einer Reihe, die im Genre des historischen Kriminalromans angesiedelt ist.

Die Romane sind voller dokumentarischer Fakten über die Zeit des Bürgerkriegs von 1918 bis 1921, als die Bolschewiki versuchten, die Ukraine zu übernehmen, was ihnen erst im vierten Anlauf gelang. Die aktuellen politischen Ereignisse nehmen einen wichtigen Platz ein in dem Werk.

Sie haben Ihre Bücher auf Russisch geschrieben. Seit Beginn des Krieges sind Sie, wie die meisten russischsprachigen ukrainischen Künstler, zum Ukrainischen übergegangen. Warum?
Ich werde weiterhin Prosa auf Russisch schreiben. In der Ukraine habe ich aber im öffentlichen Raum schon vor dem Krieg die ukrainische Sprache benutzt. Ich habe keine PR-Aktion daraus gemacht, weil ich Ukrainisch als Staatssprache unterstütze.

Vor dem 24. Februar war Westeuropa über die ukrainische Kultur größtenteils relativ unwissend. Seitdem haben die Europäer versucht, ein wenig aufzuholen. Wie nehmen Sie diese Entwicklung wahr?
Die einzige Errungenschaft der Europäer und Amerikaner in dieser Angelegenheit ist, dass sie in den drei Monaten des Krieges erkannt haben, dass sie nichts über die Ukraine, die ukrainische Geschichte und die ukrainische Kultur wissen. Die Lücke sollte durch viel harte Arbeit geschlossen werden. Die Welt weiß eine Menge über Russland und die russische Geschichte. Russland hat immer und überall für seine eigene Geschichte und Kultur geworben und zahlreiche Veranstaltungen durchgeführt. Die Ukraine hat dies nicht getan.

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Unsere Aufgabe ist es, das Interesse der Europäer an der Ukraine zu wecken und ihnen den Unterschied zwischen der ukrainischen und der russischen Geschichte und Kultur verständlich zu machen. Wenn die Ukraine jetzt die Aufmerksamkeit der fortschrittlichen Weltgemeinschaft hat, sollte an die ukrainische Geschichte vor 1654 erinnert werden. Es ist wichtig, sich auf den Kampf der Ukrainer um ihre Unabhängigkeit zu konzentrieren, denn viele glauben immer noch, dass die Ukraine immer Teil des Russischen Reiches und dann der Sowjetunion war.

Wessen Texte können dem westeuropäischen Publikum helfen, Wissenslücken zu schließen?
Hervorzuheben sind die Arbeiten des amerikanischen Historikers und Yale-Professors Timothy Snyder, der amerikanischen Analystin Anne Applebaum und des kanadisch-ukrainischen Historikers Sergei Plokhia, der jetzt in Harvard lehrt. Ihre Texte helfen, den Ursprung des Hasses Putins und der Sowjets auf die Ukraine zu verstehen und ihre Haltung gegenüber der Idee der Unabhängigkeit der Ukraine.

Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow.
Der ukrainische Schriftsteller Andrej Kurkow.
© Imago

Viele ukrainische Kulturschaffende weigern sich derzeit, die Bühne mit Russen zu teilen. Halten Sie das für angemessen?
Als Präsident des ukrainischen PEN-Clubs antworte ich mit einer Erklärung, die gemeinsam mit ukrainischen Schriftstellern verfasst wurde: Wir sind der Meinung, dass ukrainische Schriftsteller bis zum Ende des Krieges, unabhängig von ihrer Haltung zur Ukraine, nicht auf derselben Bühne wie russische Schriftsteller auftreten sollten.

Ihre Bücher sind in Russland verboten und Sie können nicht dorthin reisen. Warum sieht Russland Ihre Literatur als eine Bedrohung an?
Die Einfuhr meiner Bücher nach Russland war schon lange vor dem Krieg verboten. Nicht wegen des Inhalts meiner Bücher, sondern wegen meiner internationalen Reden, in denen ich Putins Politik gegenüber der Ukraine seit über 20 Jahren sehr kritisch beurteile.

Sie sind der Präsident des ukrainischen PEN-Clubs. Wie funktioniert der im Augenblick?
Der größte Teil der ukrainischen PEN-Verwaltung ist nach Lwiw umgezogen. Wir führen internationale Spendenaktionen durch, um geflüchteten ukrainischen Schriftstellern zu helfen. Wir kümmern uns besonders um diejenigen, die gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen, und um diejenigen, die jetzt gezwungen sind, im Ausland zu bleiben. Der belarussische PEN half uns, zu diesem Zweck ein spezielles Konto in Polen zu eröffnen.

 Gibt es weitere Aktivitäten?
Seit mehr als drei Monaten führt der ukrainische PEN in verschiedenen sozialen Netzwerken auf Englisch Diskussionen mit internationalen Starautoren über den Krieg in der Ukraine. Dies geschieht, um die ausländische Öffentlichkeit zu informieren. Es begann mit meinem Gespräch mit dem Präsidenten des englischen PEN, Philip Sands, einem berühmten Schriftsteller und Anwalt. Sein Buch „East West Street“ wurde auch in ukrainischer Sprache veröffentlicht. Kürzlich führten Natalia Snidanko und Margaret Atwood ein Gespräch.

Zudem nehmen wir das Projekt  „Merezhivo“ wieder auf – eine Tour junger ukrainischer Literaten durch ukrainische Großstädte mit Diskussionen über Literatur und soziale, politische und militärische Themen. Der ukrainische PEN bleibt mit allen seinen 140 Mitgliedern in Kontakt. Unter uns gibt es einige, die das Land verteidigen, zum Beispiel Artem Cheh. Es gibt Schriftsteller, die in besetzten Städten leben: Mariupol, Cherson. Wir bleiben mit ihnen in Kontakt und helfen ihnen, wo wir nur können.

Der deutsche PEN-Club befindet sich in einer ungewöhnlichen Situation, denn der Präsident hat den Club verlassen und mit über 200 Kollegen den PEN Berlin gegründet. Stehen Sie in Kontakt mit einer der deutschen PEN-Organisationen? Gibt es vielleicht Pläne zusammenzuarbeiten?
Ich kenne Deniz Yücel gut, der auch deshalb zurücktreten musste, weil die PEN-Mitglieder über ihre Unterstützung für die Ukraine geteilter Meinung waren. Die verbliebenen Schriftsteller des alten PEN sind gegen eine radikale Unterstützung der Ukraine und teilen die Position des Bundestages. Ich hoffe, dass ich bald mit meinen deutschen Kollegen zusammentreffen und mich eingehend mit der Situation vertraut machen kann.

Der Krieg hat die Ukrainer gelehrt, zu überleben und zu kämpfen. Was haben Sie gelernt?
Ich habe gelernt, an Grenzen Schlange zu stehen und bei Fliegeralarm entsprechend zu reagieren. Ich habe gelernt, dass man in der Ukraine anders reist als in anderen Ländern. Das Unangenehmste ist, dass ich gelernt habe, ist außerhalb von Kiew zu leben, was mich sehr nostalgisch macht.

Was haben Sie vor, wenn der Krieg vorbei ist?
Zunächst einmal werde ich nach Hause nach Kiew fahren. Danach werde ich aufs Land fahren, um meinen Garten aufzuräumen. Wenn es Winter ist, fange ich an, mich auf den Frühling vorzubereiten. Meine Frau und ich lieben den Garten und die Landwirtschaft als Hobby. Wir leben am Fluss Zdvizh in der Region Schytomyr, also werde ich angeln gehen. Wenn Saison ist, gehe ich in den Wald, um Pilze zu sammeln.

Yulia Valova

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