Perspektive Deutsches Kino auf der Berlinale : Durch Clubs und Betten

Schonungsloser Exhibitionismus: Die Helden der Berlinale-Reihe Perspektive Deutsches Kino suchen nach der Liebe.

Sex und Sehnsucht. Szene aus dem Eröffnungsfilm „Easy Love“.
Sex und Sehnsucht. Szene aus dem Eröffnungsfilm „Easy Love“.Foto: Janis Mazuch

Die Welt brennt? Egal. Ich drehe mich um mich selbst und zeige, was ich kenne oder in meiner unmittelbaren Umgebung begreifen möchte. Das ist in der dem Regienachwuchs vorbehaltenen Reihe Perspektive Deutsches Kino zwar nicht immer eine künstlerische Haltung, sondern oft den beschränkten Produktionsbedingungen für den Regienachwuchs geschuldet. Aber verblüfft ist man doch, wie klein das Weltgeschehen und wie groß die Nabelschau ausfällt in der Summe der zwölf Filme im 18. Jahr der von Dieter Kosslick gegründeten Sektion.

Doch warum von Nachwuchsfilmern erwarten, was die Gesellschaft auch nicht leistet? Trotz Klimawandel, Kriegen und Flüchtlingsschicksalen wurschteln alle weiter wie bisher, betreiben Sinnsuche und Selbstvergewisserung. Logisch, dass die für Absolventinnen und Absolventen der Filmhochschulen in Babelsberg, Berlin oder Köln so existenziell ausfällt wie für andere junge Menschen auch. Mal abgesehen davon, dass sich auch in Dramen, die vor der Berliner Haustür spielen, Perlen der Erkenntnis finden lassen. Wie in Miriam Blieses Trennungsgeschichte „Die Einzelteile der Liebe“, die vor einem einzigen Haus im Berliner Hansaviertel spielt und deren Mechanismen der Anziehung und Abstoßung in einen rabiaten Kampf ums Kind münden.

Die Einlasszonen der hiesigen Clubszene sind wiederum die Heimstatt der Türsteher Sven Marquardt, Frank Künster und Smiley Baldwin. David Dietl widmet diesem als halbseiden geltenden Berufszweig ein Dreierporträt. Es feiert einmal mehr das Clubleben der Nachwende-Stadt und zeigt, dass dessen Nachtwächter nicht nur schillernde Zampanos sind, sondern auch biedere Ordnungshüter.

Reichlich Sex, Nackttanz und Intimrasur

Das hedonistische Feiervolk, das vor den Bars und Diskotheken auf der Suche nach Vergnügen und zwischenmenschlichen Kontakten anbrandet, findet sich gleich in drei Spielfilmen. In der Dreiergeschichte „Heute oder morgen“ zeigt Thomas Moritz Helm einen freizügigen Liebessommer am Kreuzberger Landwehrkanal. In Simona Kostovas Nachtstück „Dreissig“ versaufen, verheulen und verlachen sechs Neuköllner Drifter die eine Freitagnacht. Und der Eröffnungsfilm „Easy Love“ von Tamer Jandali ist gespickt mit expliziter Körperlichkeit, von reichlich Sex bis zu Nackttanz und Intimrasur.

„Easy Love“ definiert sich als „dokumentarischer Spielfilm“. Die sieben Kölner Frauen und Männer zwischen 25 und 45, die hier auf der Suche nach Liebe und Glück durch Clubs und Betten springen, sind Laien, die sich selber darstellen – und als Koautorinnen Episoden ihres wirklich wahren Lebens beisteuern. Inwiefern dieser einigermaßen schonungslose Exhibitionismus wirklich Authentizität schafft, dürfte für Diskussionsstoff sorgen. Der verkrachten Kunststudentin Sophia dabei zuzusehen, wie sie sich lieber prostituiert als in einem Bioladen zu jobben, weil sie sich als Verkäuferin des eigenen Fleisches unabhängiger fühlt, fällt jedenfalls nicht nur ihrer feministischen Mutter schwer.

Lieblicher anzusehen, aber in punkto Authentizität ebenso diskussionswürdig ist der Dokumentarfilm „Das innere Leuchten“. Darin erzählt der auch die Kamera führende Filmemacher Stefan Sick in poetisierenden Bildern vom Alltag in einem Dementen-Pflegeheim auf der Schwäbischen Alb. Besonders ein unablässig vor sich hin summender und gestikulierender Greis hat es ihm angetan. Ruhig folgt die Kamera ihm durch die Flure, ertastet die runzligen Gesichter der Mit-Patienten, sieht sie lachen und weinen, schreien und schweigen. Und findet eben nicht nur Krankheit und Vergesslichkeit, sondern auch Schönheit, Würde und eine von allen Erinnerungen befreite Gegenwart. Ein filmischer Ort, der ebenso sehr Paradies ist wie Hölle.

Star aus "4 Blocks" als Tochter iranischer Oppositioneller

Das gilt auch für die Kölner HinterhofMoschee, zentraler Spielort in Mehmet Akif Büyükatalays Religions- und Familiendrama „Oray“. Der Absolvent der Kölner Kunsthochschule für Medien traut sich was, in dem er diese offensichtliche Parallelwelt positiv konnotiert, die autoritär, aber auch solidarisch und überraschenderweise selbstkritisch ist. Sein Titelheld Oray entspricht dem Klischee des deutschtürkischen Ghettobruders, der im Knast saß, dann zum Spott von Familie und Freunden strenggläubig wird und trotzdem beim Ehestreit mit seiner Frau ausrastet. Das leichtfertige Aussprechen der islamischen Scheidungsformel, das Oray sofort bereut, stellt sein Leben auf den Kopf. Den Anweisungen des Imams zu folgen, ist leichter gesagt als getan.

Ein Kind der zweiten Einwanderer-Generation ist Maryam Zaree, die mit ihrer Dokumentation „Born in Evin“ auf Spurensuche nach der eigenen Herkunft geht. Die aus „4 Blocks“ und Theaterprojekten bekannte Schauspielerin ist die Tochter von iranischen Oppositionellen. Sie wurde im Gefängnis geboren und kam mit ihrer Mutter als Kleinkind nach Deutschland. Ihr Regiedebüt gehört wie „Oray“ zu den internationaleren Beiträgen der Perspektive. Zaree hat in Babelsberg studiert, wo auch Udita Bhargava ausgebildet wurde. In ihrem verklausulierten Drama „Dust“ erzählt sie vom Partisanenkrieg indischer Dorfbewohner gegen die von Militärs geschützten Bergwerke.

Einen herzlicheren, aber ebenfalls ungeschönten Blick richtet die aus Bulgarien stammende Babelsberg-Absolventin Hristiana Raykova auf ihre Heimat. „Die Grube“ erzählt von den Leuten, die in der Hafenstadt Varna ein kostenfrei zugängliches Mineralschwimmbecken bevölkern. Tagsüber dominieren wettergegerbte Rentner, deren Mutterwitz so groß ist, wie die Einkünfte klein. Nachts kommen die Stricher. Und als die Stadt überlegt, das vor malerischer Meereskulisse gelegene Bad zu privatisieren, ziehen die im Sozialismus nicht eben widerständig sozialisierten Alten protestierend vor das Rathaus. Auch jenseits der urbanen Identitätsnöte made in Berlin geht es wild und wundersam zu.

Die „Perspektive“-Filme laufen im Cinemaxx Potsdamer Platz und im Colosseum.

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