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Frank Biess' "Republik der Angst": Politik der Gefühle

Nominiert für den Leipziger Buchpreis: Der Historiker Frank Biess erzählt die Geschichte der Bundesrepublik als zyklische Abfolge von Untergangsängsten.

"Ich will, dass ihr in Panik geratet, dass ihr die Angst spürt, die ich jeden Tag spüre“, sagte die 16-jährige Klima-Aktivistin Greta Thunberg bei der Jahrestagung des Davoser Weltwirtschaftsforums im Januar. Sie zielte auf die motivierende Kraft einer Emotion, die auch Lähmung und Schockstarre bewirken kann. Wenn am vergangenen Freitag bei den Schülerdemonstrationen „Fridays for Future“ in 1200 Städten weltweit Kundgebungen stattfanden und 12 000 Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz das Anliegen mit ihrer Petition „Scientists for Future“ unterstützen, kann man sich an die großen Demonstrationen der 1980er Jahre erinnert fühlen.

Haben die Deutschen eine spezielle Neigung zur Angst? Frank Biess bestreitet das. Tatsächlich wurde der Ausdruck „German Angst“ erst Anfang der 1990er Jahre zum Schlagwort, als polemische Kennzeichnung der Sicherheitspolitik des wiedervereinigten Deutschland, zunächst in Bezug auf den ersten Irakkrieg. „Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik“, nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse, ist ein klug analysierendes und anschauliches Buch. Dass die Angst eine Emotion sein kann, die Positives bewirkt und wie jede Emotion historische Formen und Funktionen annimmt, zeigt nicht nur das Engagement der schwedischen Aktivistin und der von ihr initiierten Jugend- und Klimaschutzbewegung. Frank Biess sieht in der Angst eine „radikal kontextabhängige Kommunikationsform“ und benützt sie als eine Art Sonde, mit der sich die Geschichte der Bundesrepublik auf neue Weise erzählen lässt.

Wachsende Bedeutung von Subjektivität und Individualität

Der 1966 geborene Schwabe, Professor für Europäische Geschichte an der University of California in San Diego, exponiert im Vorwort seine autobiografische Motivation. Politisch sozialisiert in den 1980er Jahren – also in den Jahren der Großdemonstrationen und Menschenketten gegen AKWs und den Nato-Doppelbeschluss –, ist ihm die Allgegenwart der Angst noch deutlich in Erinnerung. Kann man die Geschichte Westdeutschlands wirklich als Erfolgsgeschichte erzählen, so seine Fragestellung, wenn Millionen von Menschen „apokalyptische Ängste“ erlebten und sie in Massendemonstrationen auch zeigten? Mit den Methoden der mittlerweile breit aufgestellten Emotionsgeschichte im Rücken, macht er sich daran, die Geschichte der alten Bundesrepublik als eine Folge von Angstzyklen zu beschreiben.

Angst war zu verschiedenen Zeiten der bundesrepublikanischen Geschichte nicht auf gleiche Weise artikulierbar. Mit Bezug auf William Reddy macht Frank Biess deutlich, dass jede Emotion auch durch ihre Artikulationsweise bestimmt wird. In der Nachkriegszeit ging es um Nüchternheit. Emotionen waren durch ihren Missbrauch im Nationalsozialismus diskreditiert. Bestechend an Biess’ Darstellung ist die Art, wie er verschiedene Beschreibungsschleifen miteinander verknüpft. Bekannte Begriffe, Jahreszahlen und Stationen der bundesrepublikanischen Geschichte werden in Muster eingebunden, die sowohl Raum für neue Erkenntnisse als auch für Wiedererkennungseffekte lassen. Dabei geht es nicht nur um die Angst. Ein wichtiges weiteres Ordnungsmuster ist der unterschiedliche Stellenwert von Gefühlen überhaupt, die wachsende Bedeutung von Subjektivität und Individualität und schließlich die weibliche oder männliche Konnotation eines Gefühls bis hin zur Erosion männlicher Selbstbilder.

Auf eine Angst folgt die nächste

So kann ein und dasselbe Phänomen an unterschiedlichen Stellen einen schlagenden neuen Effekt bewirken. Etwa, wenn sich die demonstrative Nüchternheit der nationalsozialistisch belasteten Nachkriegsjustiz im Auschwitz-Prozess der Jahre 1963–1965 in ein Argument gegen überlebende Opfer verkehrt: Sie seien persönlich betroffen und zu emotional, gerade deshalb seien sie unzuverlässige Zeugen. Dominierte in der unmittelbaren Nachkriegszeit die Angst vor Vergeltung, kam es in der Adenauer-Ära zu einer strategischen Eindämmung und Mobilisierung von Ängsten: Die Angst vor einem neuen Krieg wurde von der Angst vor dem Kommunismus in Schach gehalten. Trotz des Mauerbaus im August 1961, dem Jahr, in dem die Gefahr eines Weltkriegs so groß war wie noch nie, lässt sich das Jahrzehnt zwischen Mitte der 1950er bis Mitte der 1960er als eine Transformationszeit beschreiben, in der die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg ihre Wirkmacht für vorstellbare Zukunftsentwürfe verlor. Zugleich begann in den 1960er Jahren die Verschiebung von äußeren zu inneren Ängsten.

Die Große Koalition kam 1966 ins Amt, 1966/67 folgte die erste Rezession. Auf die beschleunigte Modernisierung und Automatisierung richteten sich mehr Ängste als auf die zivile Nutzung der Kernenergie. Mit dem Eichmann-Prozess in Jerusalem und dem Auschwitz-Prozess in Frankfurt kehrte die nationalsozialistische Vergangenheit ins öffentliche Bewusstsein zurück. Gleichzeitig kam es zu einer Verschiebung von sozialwissenschaftlichem zu psychologischem Wissen. Die Debatte um die Notstandgesetze in den Jahren 1965–1968 war einer der Inkubatoren der Studentenbewegung. Ein überaus interessanter Aspekt ist das Verhältnis von linken und bürgerlichen Kräften zum Staat.

Die Angst vor einem repressiven Staat spielte nach der Spiegel-Affäre, den Notstandsgesetzen und schließlich nach dem brutalen Vorgehen der Polizei beim Schah-Besuch in Berlin am 2. Juni 1967, bei dem der Student Benno Ohnesorg von einem Polizisten – und, wie sich 2009 herausstellte, Stasi-Mitarbeiter – erschossen wurde, eine immer größere Rolle. Bis zum Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968 hatte sich die Studentenbewegung in eine „Dialektik von Paranoia und Utopie“ hineingeschraubt, in der die Bundesrepublik als „präfaschistischer Staat“ wahrgenommen wurde. Die Aktionen und Morde der RAF, die im Deutschen Herbst 1977 gipfelten, sollten dem bundesrepublikanischen Staat die demokratische Maske vom Antlitz reißen.

Wir brauchen eine "demokratische Gefühlspolitik"

Die Tatsache, dass etwas Befürchtetes nicht eingetreten ist, kann Angst nicht diskreditieren. Ihre Funktion als Frühwarnsystem ist nicht zu unterschätzen. Es ist möglich, dass die Angst vor einem totalitären Staat, die durch den Radikalenerlass der SPD/FDP-Regierung 1972 geschürt worden war, ein wichtiges Korrektiv gewesen ist. Dass der Staat seit 1968 für alle links des konservativen Spektrums als Gefahrenquelle galt, sich heute dagegen linke und bürgerliche Kräfte mit ihm identifizieren, ist eine bedenkenswerte Beobachtung des Buches.

Die Angstgeschichte der alten Bundesrepublik kam in den 1980er Jahren auf ihren Gipfel. Angst wurde zur positiv besetzten Emotion. Die kultivierte Sensibilität der 70er Jahre, geschult in WGs mit zahllosen Beziehungs-, Organisations- und Kinderladen-Gesprächen, verbunden mit einem Bewusstsein für unsichtbare Gefahren wie Radioaktivität und Gifte in Luft und Nahrung führte in der Umwelt- und Friedensbewegung der 80er Jahre zur breitesten Protestbewegung nicht nur der Bonner Republik.

Der Fokus des Buches liegt auf der westdeutschen Geschichte. Die Ängste in der DDR waren andere (nachzulesen etwa in Ines Geipels „Umkämpfter Zone“). Ein ausführlicher Epilog führt in die Gegenwart des wiedervereinigten Deutschland und schildert den Aufstieg des Rechtspopulismus als Angstbewegung. Anders als in den 1970er und 1980er Jahren führen Ängste bei Männern nun nicht mehr zu erhöhter Sensibilität. Die bedrohte Männlichkeit wird durch Gewalt, Wut und Zorn stabilisiert. Trotzdem warnt der Autor mit Recht vor der Abqualifizierung von Ängsten. Und macht sich stattdessen Gedanken über eine „demokratische Gefühlspolitik“.

Der paradoxe Rat des mit einem mehr als hundertseitigen Anmerkungs- und Literaturapparat bestens ausgestatteten Buches lautet, wir sollten uns gut überlegen, „wovor wir uns ängstigen wollen“. Denn genau diese Ängste könnten „die Zukunft verhindern, die sie imaginieren“. Das klänge nach Magie, wäre es nicht auch ein Appell für aktives politisches Handeln. Die Schüler und Studenten, die jetzt auf die Straße gehen, haben das offenbar begriffen.

Frank Biess: Republik der Angst. Eine andere Geschichte der Bundesrepublik. Rowohlt, Reinbek 2019. 613 Seiten, 22 €.

Meike Feßmann

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