Porträt Lisa Eckhart : Maulheldin in Versace

So viel Stilwille und Wortfechterei war im Kabarett lange nicht zu sehen. Die österreichische Humoristin Lisa Eckhart will auf Teufel komm raus anders sein.

Lust am Bösen. Lisa Eckhart kommt aus der Steiermark und schätzt Denksport und Sünden mehr als postmoderne Beliebigkeit.
Lust am Bösen. Lisa Eckhart kommt aus der Steiermark und schätzt Denksport und Sünden mehr als postmoderne Beliebigkeit.Foto: Franziska Schrödinger

Kein Peitschenknall kann so scharf sein wie die Gestik dieser Fingernägel. Fünf weiße Ausrufezeichen an jeder Hand. Kunststoff gewordene Theatralik. Mal pathetisch in die Höhe geworfen, mal schmeichelnd zu Boden gesenkt. Lisa Eckart gleicht einer Puppenspielerin, die vom Barhocker aus die unsichtbaren Fäden im Raum kontrolliert. Verblüffend, wie die Menschen an diesem Sonntagabend in der Bar jeder Vernunft zu Berlin stramme zwei Stunden an maliziös lächelnden Lippen kleben.

Sicher, der auffälligste Neuzugang des deutschsprachigen Kabaretts ist ein Augenschmaus. Die langen Beine in schwarzen Nylons, der hautenge Hosenanzug von Versace. Aber Lisa Eckhart ist auch eine Zumutung. Ein ellenlanges gereimtes Intro, das in Metrik und Duktus von Goethes „Zauberlehrling“ inspiriert zu sein scheint. Die gedrechselten Sätze, die man mitunter gern zurückspulen würde, um die Kurve zur Pointe doch noch zu erwischen. Die Manierismen, die Arroganz und der sägende, von österreichischem Schmäh durchsetzte Nölton ihrer Stimme, mit der sie die Sentenzen des Programms „Die Vorteile des Lasters“ darbietet.

„Es war nicht alles schlecht unter Gott. Gut war zum Beispiel, dass alles schlecht war. Denn alles, was man tat, war Sünde“, heißt es da zu Beginn einer Suada, die den Verlust der Hölle als Freifahrtschein für das windelweiche, todlangweilige „Anything goes“ der Postmoderne beklagt. Als Hohepriesterin des Lasters bedauert sie, dass „Polyamorie die Unzucht versaut“, „Facebook die Eitelkeit beschämt“ und „Halbfettprodukte den Spaß am Sündigen dezimieren“.

Deren Idee habe ja schon Hermann Göring unterstützt. „Halbierung der Butterportion.“ Nur seltsam, dass die Frauenzeitschrift „Brigitte“ noch nicht auf eine Diät namens „Krieg“ gekommen sei. Logisch, dass Lisa Eckhart raucht, Pelze trägt und Fleisch verzehrt. „Und zwar nur aus Massentierhaltung. Von Tieren, die wirklich sterben wollen!“

Auf politische Korrektheit pfeift sie

Formale Strenge prägt das fast literarische Konzept des in sieben, eben jenen Todsünden gewidmeten Akten unterteilten Abends. Und das in Worten, die auf politische Korrektheit pfeifen und geradewegs aus versunkenen k.u.k-Herrlichkeiten zu stammen scheinen. Oder sagt heute noch jemand „Mulattenhure“?

Seit dem seligen Falco sei lange kein Bühnenkünstler mit so viel Stilwillen mehr aus Österreich gekommen, heißt es über die gebürtige Steirerin, die im visuell wenig verwöhnten Genre Kabarett mit ihren 27 Lebensjahren als seine und Marlene Dietrichs nie geborene Tochter durchgehen könnte.

In der meist in schwarze Jeans und Sakko gewandeten Welt humoristischer Fernsehnasen, die Lisa Eckart in Dieter Nuhrs ARD-Show als magersüchtiger Schmetterling und einziger weiblicher Stammgast beehrt, trägt niemand sonst Versace. Ihre Kolleginnen im Fach Kabarett und Comedy bedienen durchgängig das Modell Kumpeltyp und wollen trotz kleiner Frechheiten geliebt werden.

Im Fall der aus der „heute-show“ bekannten hoffnungsvollen Schweizer Newcomerin Hazel Brugger in Jeans und T-Shirt. Oder, wie die derzeit populärste deutsche Komikerin Carolin Kebekus, in hohen Hacken und kurzen Röcken. So damenhaft, distanziert und böse wie Eckart, die in Zeitungsartikeln schon mal „alte weiße Männer“ gegen „junge weiße Gören“ in Schutz nimmt, geriert sich keine von ihnen. Und auch wenn ihr zum veritablen Vamp noch etwas Raureif in der Stimme fehlt, drängt sich für Eckhart automatisch die elegantere Genreschublade „Cabaret“ auf.

Herkunft aus dem Poetry Slam

Ein Donnerstagnachmittag im Hotel Esplanade. Der Kabarettist Andreas Rebers bugsiert seinen Rollkoffer an die Rezeption. In wenigen Stunden wird im „Säälchen“ in Friedrichshain die heutige Folge von „Nuhr im Ersten“ aufgezeichnet. Die auswärtigen Spaßmacher sind offensichtlich hier untergebracht. Lisa Eckhart gehört auch dazu. Sie hat Germanistik und Slawistik an der Pariser Sorbonne studiert, in London und danach in Berlin gelebt. Thema ihrer Masterarbeit an der FU war die „Figur des Teufels in der deutschen Literatur“. Nicht von ungefähr nennt die 2015 in Österreich und fast auch in Deutschland zur Poetry-Slam-Meisterin gekürte Texterin, Goethe mit seinem „Faust“ und Elfriede Jelinek als literarische Helden. Bei ihr verwandelt sich diese Kombination aus Form, Tragödie und Humor in eine jeder Schlagfertigkeit abholde Mischung, die verfängt. 2015 betritt Lisa Eckhart mit ihrem Solodebüt „Als ob Sie Besseres zu tun hätten“ die Bühnen, seither prasselt es Preise, darunter den Prix Pantheon.

Sorgfältig auf Abstand bedacht ist sie, wie sie da in ihrem hellblauen Hosenanzug im verwaisten Frühstücksraum des Hotels steht. Kein eilfertiges Lächeln, keine jovial ausgestreckte Hand. Lieb gehabt werden wollen ist für die Frau, die Mutmaßungen über ihre Bühnenpose stets mit dem Satz „Ich bin keine Künstlerin, ich bin Kunst“ negiert, tatsächlich eine untergeordnete Kategorie. Diesem Anspruch zu genügen ist Arbeit. Alle Nase lang richtet die grauhaarige Grazie den schweren Gürtel, der ihr auf nackter Haut getragenes Sakko zusammenhält, und sortiert die in goldenen Stilettos steckenden Füße.

Berlin sei ihr zu jung und zu hip, erläutert Eckhart ihren vor einiger Zeit erfolgten Umzug nach Leipzig. Sie brauche das Verstaubte, die Zurückgezogenheit. Berlin sei von einer für das Künstlertum unfruchtbaren Toleranz verseucht, die kein Urteilsvermögen mehr habe, glaubt sie. „Man kann die Leute nicht wachrütteln, weil sie keinen Gedankenweg gehen, sondern auf einem solipsistischen Standpunkt beharren.“ Mithin die bornierten Filterblasen-Positionen einnehmen, die Eckhart so zuwider sind.

Bitte keine festen Ansichten

Im derzeitigen Dauerfeuer der Meinungen, Haltungen und Moralitäten bekleidet sie das Gegenmodell einer rigiden Gesinnungsopportunistin. „Meine Seite ist das Nichts“ lautet einer jener Sätze, mit denen sie nur zu gern bestätigt, ganz gewiss niemanden im Publikum von irgendetwas überzeugen zu wollen. Lächelnd rührt sie im Kaffee. „Ich verfechte keine Weltsicht, von der ich weiß, dass sie sich übermorgen ändern könnte, wenn mich jemand überzeugend formuliert auf einen argumentativen Fehler hinweist.“ Ihr Feld sei vielmehr die Sophisterei, das Denken als gymnastische Sportart, die keinesfalls in eine Überzeugung münden solle oder müsse. „Feste Ansichten bedürfen keiner intelligenten Reflexion.“

Das Diktum hindert sie nicht daran, Bühnensätze von dreister Klarheit abzuliefern. Etwa den hier: „Ich bin gegen Abschiebungen per Flugzeug. Das bedeutet eine Tonne CO2-Ausstoß pro Person. Und da kommt bei mir Umweltschutz vor Fremdenhass. Lasst sie lieber zu Fuß und ohne Proviant nach Hause gehen, sonst finden sie anhand des Mülls wie Hänsel und Gretel womöglich wieder den Weg nach Europa zurück.“

Ja, dieser an der schwärzesten Schule österreichischen Humors geschulte Zynismus polarisiert. Und wäre Lisa Eckhart nicht Social-Media-Skeptikerin, müsste sie durch manchen Shitstorm reiten. Stattdessen erklärt sie die Beunruhigung, die von ihrer provokanten Wortwahl ausgeht, flugs zum künstlerischen Ziel. Und zwar bitte schön mit einer gewissen Welthaltigkeit. „Ich bin keine, die auf der Bühne unentwegt über ihr Leben und ihre Gefühle spricht und Ich, Ich, Ich sagt.“ Kann gut sein, dass die Kabarettbühne für Lisa Eckhart nur eine Station ist. Nach ihrem Bühnendichtungsbuch „Metrische Taktlosigkeiten“ erscheint noch vor dem nächsten, den Kardinaltugenden gewidmetem Programm, im kommenden Frühjahr der erste Roman. Ob der Titel schon fest steht? Gewiss doch. Lisa Eckhart ist alles, nur nicht spontan. „Omama“ soll er heißen. Nicht umsonst ist sie bei den Großeltern aufgewachsen. Ihr Ziel, sagt sie, sei die Literatur: „Das ist für uns alle angenehmer. Ich kann zu Hause bleiben, und die Menschen können zu Hause bleiben.“

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Bar jeder Vernunft: 20. Mai, 11. bis 15. September, Nuhr im Ersten: 11. April, 2. und 9. Mai, jeweils 22.45 Uhr

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