Porträt Ming Wong : In fremden Kleidern

Ming Wong stammt aus Singapur und lebt seit über zehn Jahren in Berlin. Eine Begegnung mit dem Videokünstler.

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Diese Frisur sitzt. Ming Wong in einer Szene aus seinem Video „Biji Diva“. Er huldigt darin der transsexuellen Popdiva Bülent Ersoy.
Diese Frisur sitzt. Ming Wong in einer Szene aus seinem Video „Biji Diva“. Er huldigt darin der transsexuellen Popdiva Bülent...Videostill: Ming Wong

Orientiert man sich am Zustand seines Ateliers, dann dürfte Ming Wong im Moment recht aufgeräumt durchs Leben gehen. Auf einem Tisch in der Mitte befinden sich Bücher, ordentlich aufeinandergestapelt, Science-Fiction-Romane aus Japan, den USA und Deutschland. Daneben liegen Manuskriptblätter. Ming Wong arbeitet an einer chinesischen Sci-Fi-Oper. Ausgerechnet mit den Elementen der fast 1500 Jahre alten chinesischen Oper, will Wong über das Leben der Zukunft nachdenken.

Seine Kleider und Masken sind in ordentlich beschrifteten Plastikkisten verstaut. Die Perücken stehen aufgereiht hoch oben auf einem Regal. Nicht unweit von Wongs Atelier, im Kreuzberger Kunstverein NGBK, ist im Moment sein Video „Biji Diva!“ zu sehen, in dem der Künstler in die Rolle der Sängerin Bülent Ersoy schlüpft, der ersten Transfrau, die es in der Türkei in die Öffentlichkeit geschafft hat. Wong imitiert ihre Auftritte, auf Türkisch, einer Sprache, die er nicht spricht. Das Video stammt von 2011. Seitdem ist viel passiert. Unter anderem präsentiert sich Bülent Ersoy, die einst unter dem Militärregime ein Auftrittsverbot erhielt und eine Weile im Berliner Exil lebte, heute als Vertraute Erdogans, was viele wütend macht.

Ming Wong, der 2007 mit einem Stipendium am Künstlerhaus Bethanien nach Berlin kam, wurde durch seine Re-Interpretationen von Kultfiguren aus Showbiz und Kino bekannt. Er, der Singapurer mit chinesischen Wurzeln, der in einem Land mit vier Sprachen aufwuchs, nähert sich einem neuen Kulturkreis gerne, indem er in die Filmgeschichte eines Landes eintaucht – und seinen Platz darin beansprucht. Wong mogelt sich quasi als asiatische Kopie in die heiligen Hallen der nationalen Idendität.

Auf Fassbinders Spuren

Noch bevor er von London nach Deutschland zog, übte er Szenen aus Fassbinders Film „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“, um auf diesem Weg die Sprache seiner neuen Wahlheimat zu lernen. „Lerne deutsch mit Petra von Kant“, hieß das Video, mit dem er sich in Deutschlands Kunstszene schnell einen Namen machte. In dem Film spielt er mit kükengelber Löckchenperücke auf dem Kopf die lesbische Modeschöpferin Petra von Kant. In einer Szene verzehrt Petra sich nach ihrer Geliebten Karin, sie ist total betrunken und schimpft wild herum. „Es war die richtige Sprache im richtigen Moment. Ich war ein Künstler in der Krise, der sich auf neue Herausforderungen einstellen musste“, erzählt Wong. „Ich bin so im Arsch“. „Kleine, miese verlogene Schweine“, sagt er vergnügt und schiebt die Worte genüsslich im Mund hin und her. „Solche Sätze lernt man nicht im Integrationskurs.“

Auch Luchino Viscontis „Tod in Venedig“ hat er neu inszeniert. Darin spielt er sowohl die alternde Hauptfigur, den Künstler Aschenbach, als auch den kleinen Jungen Tadzio im weißen Matrosenanzug, dem Aschenbach heimlich nachstellt. Zeitgleich zu dieser seine eigene Künstlerkarriere reflektierenden Produktion bereitete Wong seinen Auftritt für den Pavillon von Singapur auf der 53. Venedig-Biennale vor. Er, der Outsider im europäischen Kunstbetrieb, hatte sich Gehör verschafft.

Seit zwei Jahren lehrt Wong als Gast-Professor „Videokunst und Performance“ an der Universität der Künste. Zum Interview erscheint er etwas zu spät. Seine Studenten sind auf dem Weg in die Semesterferien, bereiten aber noch einen öffentlichen Rundgang vor und brauchen seinen Rat. Einerseits ist Wong froh, dass die Zeit als Professor bald endet und er sich wieder ganz seiner Kunst widmen kann. Andererseits hat er, der seine Reenactments oft im Alleingang durchzieht und alle Rollen selbst spielt, Gefallen am Miteinander gefunden.

In der Ausstellung „Lucky“, zu der Wong beiträgt, geht es um die richtige Zeit, die richtige Familie und den richtigen Körper. Man solle, schlägt Wong vor, unbedingt die Kuratorengruppe „Coven Berlin“ kennenlernen, die die Schau organisiert hat. Das transdisziplinäre, sexpositive Kollektiv besteht aus 14 Künstlern, Autoren, Tänzern, Schauspielern und beschäftigt sich in Performances, Workshops und Ausstellungen mit Geschlechterrollen und queerfeministischen Themen. Coven Berlin zufolge zementiert der Glaube an das „Glück“ den Status quo. Handelt es sich also um einen kulturellen Mythos, der diejenigen klein hält, die keines haben, fragen sie in der Ausstellung.

Queeres Kuratieren mit Kuscheleffekt

„Die Rolle des Kurators empfinden wir manchmal als aggressiv“, sagt Lorena Juan, Mitglied bei Coven Berlin, die in Wongs Atelier auf einem gelben Sofa Platz genommen hat. „Wir sehen uns eher als Kollaborateure“. Coven zielen auf langfristige Beziehungen ab, auch beruflich. Gerade diejenigen, sollen eine Plattform bekommen, die in gewachsenen, institutionellen Strukturen traditionell nicht die Oberhand haben: Migranten, People of Colour, Menschen mit körperlichen Beeinträchtigungen, Frauen, Menschen mit wenig Einkommen. Die Außenseiterperspektive ist zentral für das „queere Kuratieren“. Im Fall von „Lucky“ entschied sich die Gruppe per Mehrheitsabstimmung für 30 internationale Künstler, die meisten in Berlin lebend. Zur Vorbereitung trafen sie sich zu „unproduktiven“ Meetings, erzählt Juan. Die Gruppe wollte dabei nichts erarbeiten, sondern einen sicheren Raum kreieren, in dem die ausstellenden Künstler Ängste, Unsicherheiten oder Gesundheitsprobleme ansprechen können. Jammern ist im normalen Berufsleben verboten, im queeren Umfeld aber eine Option.

Ob das Glücksrad ewig rollt, fragt man sich angesichts der Arbeit der amerikanischen Künstlerin GeoVanna Gonzalez, die Autoreifen aus Beton als Sinnbild der (Glücks-)Starre auf Sockel gestellt hat. Die Künstlerin Miriam Yammad hat vier neonfarbene Glas-Shishas zu einem Kreis arrangiert und definiert einen „gendered space“, in diesem Fall einen von Männern dominierten Raum, neu. Die Shishas haben Mundstücke in Dildoform.

Von Ming Wong wollten Coven Berlin ausgerechnet seine Arbeit über die Pop-Diva Bülent Ersoy in der Ausstellung zeigen. Weil sich die echte Bülent Ersoy in ihrer derzeitigen Erdogan-Nähe keineswegs für die LGBT-Community einsetzt, verpasste Wong seiner Ersoy-Kopie ein Update. Ein greller Regenbogen aus leuchtenden LEDs, ein lila Teppich und das Wandbild eines inzwischen abgerissenen Istanbuler Parkhauses bilden im NGBK die Kulisse für seine Zweikanal-Videoinstallation.

Das Arrangement soll an den neoliberalen Raubbau an der Stadt Istanbul erinnern, gegen den sich auch die Protestierenden im Gezi Park 2013 wandten – sowie die Fahne für Gleichberechtigung und Liberalität hochhalten. Wer sich eine queere Zukunft wünscht, darf nicht aufhören, sich die Welt anders vorzustellen.

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