Schau in der Berlinischen Galerie : Lotte Laserstein: Der weibliche Blick

Lotte Laserstein war lange vergessen. Die Nazis hatten die Berliner Künstlerin ins Exil getrieben. Jetzt widmet die Berlinische Galerie ihr eine Retrospektive.

"In meinem Atelier" (1928) von Lotte Laserstein.
"In meinem Atelier" (1928) von Lotte Laserstein.Foto: Lotte_laserstein-Archiv/Krausse, VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Jetzt sieht man sie als eine der großen Malerinnen der Weimarer Republik. Zur Eröffnung kommt sogar Monika Grütters vorbei. Und viele sprechen ihren Namen so selbstverständlich aus, als wäre sie schon lange Teil des Kunstkanons. Dabei war die Kunst der 1898 in Ostpreußen geborenen Lotte Laserstein viele Jahrzehnte völlig aus dem Blick der Öffentlichkeit verschwunden.

Die Gemälde der 1937 nach Stockholm emigrierten Künstlerin sind jetzt in der Berlinischen Galerie zu sehen. „Von Angesicht zu Angesicht“ heißt die Schau, die überwiegend Porträts zeigt, vor allem von Frauen, einige davon so markant, dass man sie schon nach kurzem Schauen nicht mehr vergisst. Damit passt Laserstein wunderbar in die Reihe der alten Meisterinnen, die im Rentenalter – auch Laserstein lebte noch, als man sie in England 1987 ausstellte – wieder ans Licht gebracht werden. Das geschieht mit nahezu euphorischer Begeisterung, „Ach, Lotte Laserstein!“, rufen sie nun alle, als wäre ein neuer Rohstoff entdeckt worden, dessen Abbau endlich einmal nicht die Zukunft zerstört. Das neue Gold ist eine Frau, die Frauen gemalt hat, mit handwerklicher Perfektion und zudem so, dass man sie ohne Vorurteil und Zuschreibung betrachten kann. Das gibt es bisher kaum, nicht in deutschen Museen.

Berlin grüßt smart durchs Fenster

Die Schau kommt vom Frankfurter Städelmuseum, wo sie als kleine Ausstellung im Graphischen Kabinett des Hauses gehängt, ein ordentlicher Publikumserfolg war. 130 000 Besucher entdeckten Lasersteins Bilder, wie die „Frau mit Puderdose“ oder ihr „Liegendes Mädchen auf Blau“ sowie ihre Akte und Selbstporträts. Es ist schon faszinierend, wie sie in dem Bild „In meinem Atelier“ von 1928 beides kombiniert: eine moderne Venus mit Kurzhaarschnitt und rötlicher Scham, monumental ins Bild gegossen, und sich selbst als Malerin an der Staffelei, während im Hintergrund das winterliche Berlin smart durchs Fenster hereingrüßt.

Die Ikonografie der alten Meister zitiert Laserstein ohne Scheu, Giorgione, Tizian – sie kann es auch: die Haut ihrer Freundin Traute Rose so zu malen, als wäre sie warm, ihre langen, schlanken Glieder naturgetreu mit Farbe zu modellieren. Und dann ist es nicht einmal so, dass die naturalistisch ausgeführte Nacktheit ihres Modells die Szene dominiert. Voyeurismus gibt es bei Laserstein nicht, das ist ihre natürliche Gabe, sich und andere Frauen als selbstbewusste Individuen ins Bild zu setzen, sie nackt und trotzdem sie selbst sein zu lassen, ohne Zuschreibung und Programm. Wegen dieser heilsamen Neutralität wird auch die Berliner Schau viele begeisterte Zuschauer finden. Lotte Lasersteins Kunst trifft einen Nerv.

Ihre Werke sind altmodisch gemalt, doch super zeitgemäß in ihrem Lebensgefühl, das von Gleichheit und Offenheit auch in Bezug auf Geschlechterrollen kündet. Ihr Realismus à la Wilhelm Leibl und Adolph Menzel, der in den fortschrittseuphorischen Jahren zwischen den beiden Weltkriegen schon out und nach dem Nationalsozialismus lange verpönt war, erfreut sich heute wieder wachsender Beliebtheit. Lasersteins Kunst ist ehrlich, frei von Satire, Hohn und Spott, harte Realitätsbeobachtungen wie bei Jeanne Mammen, Otto Dix oder George Grosz, den großen Chronisten der Weimarer Zeit, sind bei ihr nicht zu finden. Sie beobachtet zwar sehr genau, aber im Grunde am allermeisten sich selbst, ihre Arbeit und ihr Tun.

Sie will Liebermann eher übertrumpfen als sich von ihm distanzieren

Man sieht es wunderbar in Lasersteins „Selbstporträt mit Katze“ von1928. Die Künstlerin hat sich wie einen massigen Fels ins Zentrum des Bildes gepflanzt, mit männlicher Statur und im weißen Malerkittel führt sie links den Pinsel, die rechte hält das flauschige Tier. Symbol für einen neuen weiblichen Weg im Männerberuf. Als Kontrast dazu hängt in der Nähe ein Selbstbildnis von Max Liebermann von 1912, in dem der große Impressionist, ganz männliche Malerautorität, förmlich in Anzug und Krawatte den Pinsel hält. Unterschiedlicher könnten sich diese beiden Künstlergenerationen nicht wahrnehmen, und doch nimmt sich die Jüngere den Malstil des älteren Kollegen zum Vorbild, will ihn hinsichtlich Präzision, Naturalismus und Figürlichkeit eher übertrumpfen als sich davon zu distanzieren.

In allen Kapiteln der Ausstellung, von den Anfängen Lasersteins bis zu ihrer Exilzeit, sind ihren Menschenbildern Porträts anderer Künstler aus der Sammlung der Berlinischen Galerie gegenübergestellt. Das ist eine gelungene Neuerung gegenüber der Frankfurter Schau. Die Bilder von Conrad Felixmüller, Christian Schad oder auch George Grosz dienen als Referenzen, um Laserstein mit ihrem warmen, zugewandten Strich und ihren erdigen Farben zwischen dem Realismus des 19. Jahrhunderts und der Neuen Sachlichkeit der Weimarer Zeit zu verorten.

Aber nicht nur ihre Art zu Malen, auch Lasersteins biografische Geschichte bedient den Wunsch nach Heilung und Revision der durch das NS-Regime gestörten Kunstgeschichte. Laserstein, aus begütertem Elternhaus, ohne Vater aufgewachsen, studiert ab 1921 als eine der ersten Frauen an der Berliner Akademischen Hochschule, wo zuvor keine Studentinnen zugelassen waren. Ihre Porträts der „Neuen Frau“ werden bald vielfach in Zeitschriften publiziert, Laserstein versteht es zu netzwerken, wird Mitglied im Verein Berliner Künstlerinnen, sie beteiligt sich an zahlreichen Ausstellungen, nimmt an Wettbewerben teil, Käthe Kollwitz gehört zu ihren Fürsprecherinnen.

Sie ist Ende 20, als ihre Karriere ins Rollen kommt, da bekommt sie Ausstellungsverbot. Sie stammt aus einer jüdischen Familie, darf kein Zeichenmaterial mehr kaufen und geht 1937 nach Schweden ins Exil, wo sie bis zu ihrem Tod 1993 wohnt und trotz einer einkömmlichen Auftragslage nie wieder an die Berliner Zeit anknüpfen kann.

Prophezeiung der heraufziehenden Katastrophe

Auch Lasersteins Kunst aus der Exilzeit wird in Berlin ausführlicher behandelt als in Frankfurt. Hier tauchen auch etliche Porträts von Männern auf, Exilanten wie sie. Das prägnanteste Werk ist wohl eine „Abendunterhaltung“ von 1948, weil sie den Bogen schließt zu Lasersteins berühmtestem Werk, dem „Abend über Potsdam“ von 1930, dem Highlight der Schau, das seit 2010 der Berliner Nationalgalerie gehört. In dem Bild zeigt die Künstlerin drei Frauen und zwei Männer, die beim Abendessen zusammensitzen über den Dächern der Stadt. Ihre Blicke sind in sich gekehrt, ihre Posen zeugen von Melancholie und Ratlosigkeit. Die Szene wird auch als Prophezeihung der heraufziehenden Katastrophe gewertet. In der ähnlich angelegten „Abendunterhaltung“ von 1948 ist es dann nicht mehr die Zukunft, die düster ist, sondern die Gegenwart.

Es sind immer ein paar wenige, die solche Wiederentdeckungen ins Rollen bringen. 2003 organisierte das Verborgene Museum die erste, bereits sehr gut besuchte, Laserstein-Retrospektive im Ephraim-Palais. Zu den Ermöglichern gehört sicher auch Peter Fors, ein junger Wegbegleiter Lasersteins, der unter anderem dafür gesorgt hat, dass viele Dokumente aus ihrem künstlerischen Nachlass dem Archiv der Berlinischen Galerie übergeben wurden – sie sind jetzt ebenfalls Teil der Ausstellung. Doch wirklich von ihr erzählen kann am Ende nur die Kunst.

Berlinische Galerie, ab 5. April, Mi-Mo 10-18 Uhr

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