Durch die Hintertür der Nebenfolgen

Seite 2 von 2
Ulrich Becks letztes Buch : Katastrophe und Kalkül
Meike Feßmann
Die zerstörte japanische Stadt Kisenuma nach dem Erdbeben und dem Tsunami 2011.
Die zerstörte japanische Stadt Kisenuma nach dem Erdbeben und dem Tsunami 2011.Foto: dpa

Die unterschiedliche Gesetzgebung und der differierende Lebensstandard verschiedener Länder werden durch alle Gesellschaftsschichten hindurch zum eigenen Vorteil verwandt: Unternehmen lassen dort produzieren, wo es billiger ist, Finanzexperten bringen Vermögen in Steueroasen in Sicherheit, Anleger spekulieren an der Börse, Konsumenten haben sich an billige Waren gewöhnt, Arbeitnehmer pendeln zwischen Ländern, um ihre Lebenshaltungskosten niedriger als ihr Einkommensniveau zu gestalten. Das geht bis zur Reproduktionsmedizin, wenn Paare aus Ländern, in denen Keimzellenspende und Leihmutterschaft verboten sind, in anderen Ländern Kinder austragen lassen, und setzt sich fort bei der Transplantationsmedizin. Wer nichts außer seinem Körper besitzt, verkauft eine Niere oder andere Organe. Die operativ entstehenden „kosmopolitischen Körper“ waren früher undenkbar, ebenso die „pränatal kosmopolitisierte Patchworkfamilie“ der Reproduktionsmedizin. Sie macht es möglich, dass ein Kind drei Mütter hat: die soziale Mutter, die es als ihres betrachtet, die Leihmutter, die es austrug, und die Eizellenspenderin. Da können leicht ebenso viele Nationalitäten zusammenkommen, von den Vätern ganz zu schweigen.

Durch die „Hintertür der Nebenfolgen“ werden die „anthropologischen Grundfesten des Lebensbeginns (...) neu konfiguriert“. Zugleich entstehen diffuse Rechtsräume, die von keiner nationalen Gesetzgebung geregelt werden. Ein solches „Niemandsland der Verantwortung“ kann sich im Reproduktionsgewerbe fatal auswirken; etwa wenn die beteiligten Erwachsenen um ein Kind streiten, aber auch wenn am Ende keiner die Elternschaft übernimmt, weil es nicht den Erwartungen entspricht.

Internetuser sollten eine Vorstellung von den Risiken haben, die sie eingehen

Der Klimawandel und die Digitalisierung sind die beiden Globalisierungsphänomene, bei denen die Zusammenarbeit der Weltgemeinschaft am plausibelsten erscheint, weil die Bevölkerung aller Staaten davon betroffen ist, wenn auch in unterschiedlichem Maße. Doch wie hat man sich das vorzustellen? Den Klimagipfel in Paris, der immerhin Anlass zur Hoffnung gab, hat Ulrich Beck nicht mehr erlebt. Doch der große Optimist hatte einen anderen Joker im Ärmel.

Was er in „Metamorphose“ unternimmt, ist eine Art von dialektischem Salto. Hat er bisher die negativen Folgen positiver Errungenschaften untersucht, geht es ihm nun um die positiven Nebenfolgen negativer Entwicklungen. Die „Anerkennung des globalen Klimarisikos“ treibe die „kosmopolitische Metamorphose“ der Welt voran. Er hoffte auf einen „emanzipatorischen Katastrophismus“, der sich sogar als „Heilmittel für die Pest des Krieges“ erweisen könnte. Es genügt, an die Lage in Aleppo zu denken, an die Bündnisse zwischen Syrien, Russland und Iran, an den neuen Konfliktherd Türkei, an den überall wachsenden Nationalismus, die Gefährdung der Demokratie, das schwankende Europa: Zurzeit kann man diese Hoffnung nur für illusionär halten.

Anders sieht es in Hinsicht auf die Digitalisierung aus. Immerhin steuert die EU auf eine Grundverordnung zum Schutz persönlicher Daten zu. Allmählich erwacht das Bewusstsein, dass man der von Kritikern zärtlich „GAFAM“ genannten amerikanischen Datenkrake (Google, Apple, Facebook, Amazon, Microsoft) nicht einfach das Feld überlassen darf. Die Tatsache, dass die digitale Infrastruktur in den privatwirtschaftlichen Händen weniger amerikanischer Konzerne liegt, kann man durchaus für noch alarmierender halten als den von Snowden aufgedeckten NSA-Skandal. Es wäre ein Segen, wenn die bedenkenlos vor sich hin konsumierenden User eine Vorstellung von den „digitalen Freiheitsrisiken“ entwickeln würden, die sie täglich eingehen.

Kein makelloses Buch, aber es erfasst einen Umbruch

Ulrich Beck, der in München und an der Londoner School of Economics lehrte, schrieb das Manuskript auf Englisch. Es war noch nicht überarbeitet, als er siebzigjährig starb. Seine Frau, die Soziologin und Psychologin Elisabeth Beck-Gernsheim, mit der er mehrere Bücher schrieb, brachte es in eine publizierbare Form. Dass die Originalausgabe 2016 auf Englisch erschien und das Buch nun in deutscher Übersetzung vorliegt, passt zum kosmopolitischen Geist des Soziologen.

„Die Metamorphose der Welt“ ist gewiss kein makelloses Buch. Aber es erfasst eine Epoche im Umbruch. Und es bietet zahlreiche Anschlussmöglichkeiten. Seinen optimistischen Grundzug darf man als Ulrich Becks Vermächtnis verstehen. Die Idee, die „Vereinten Weltstädte“ der sogenannten C40 Cities, zu denen auch Berlin gehört, könnten die klimapolitischen Ziele besser umsetzen als die Vereinten Nationen, sollte für den neuen Senat ein Ansporn sein.

Artikel auf einer Seite lesen
Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!