Villa Massimo im Gropius Bau : Ein Abschied gar nicht mal so leise

Der scheidende Direktor Joachim Blüher präsentiert zum letzten Mal die „Nacht der Villa Massimo“ im Martin Gropius Bau.

Der Jazzmusiker Till Brönner hat im Park der Villa Massimo dessen Direktor Joachim Blüher porträtiert.
Der Jazzmusiker Till Brönner hat im Park der Villa Massimo dessen Direktor Joachim Blüher porträtiert.Foto: Till Brönner

Eigentlich war es ja ein Spleen. Einer der furiosen Einfälle des seit 2002 in der römischen Villa Massimo amtierenden Direktors Joachim Blüher. Um die Stipendiaten der nobelsten, bis heute renommiertesten deutschen Künstlerresidenz im Ausland mit ihren in Rom entstandenen Arbeiten wenigstens ein Mal im Jahr ganz aktuell auch im Inland zu präsentieren, sogar möglichst vor den Augen der sie mit 2,1 Millionen Euro jährlich unterstützenden Regierung und parlamentarischen Haushälter, erfand der direttore Blüher die „Nacht der Villa Massimo“. Jeweils Ende Februar, nach der Berlinale, im Berliner Martin Gropius Bau.

Tatsächlich ist es immer nur diese einzige Nacht – ab 19.30 Uhr bis zur sinnhaften Geisterstunde. Seit 2007 existiert dieses Format. Mit jeweiligen Schirmherren- und -damenreden, angefangen von den Bundespräsidenten Köhler und Gauck, der Kanzlerin Angela Merkel, des damaligen Außenministers Sigmar Gabriel oder des vormaligen Bundestagspräsidenten Norbert Lammert. Heute abend findet das Spektakel zum letzten Mal statt, und diesmal spricht Lammerts Nachfolger Wolfgang Schäuble in der bei freiem Eintritt gewiss wieder überfüllten Mittelhalle des Gropius-Baus. Spricht Grußworte an die sich danach präsentierenden Künstler-Stipendiaten des Jahrgangs 2017/18, an den scheidenden Massimo-Direktor und womöglich auch eine Erinnerung an den jüdischen Berliner Unternehmer und Mäzen Eduard Arnhold.

Zwischen 1910 und 1914 ließ Arnhold die Villa Massimo in einem 25000 Quadratmeter großen Park im Nordosten Roms als Neorenaissance-Palazzo erbauen und zwischen Zypressen und Pinien, altrömischen Skulpturen und Brunnen ein Dutzend noch immer supermoderner, weil den lichten Geist des Bauhauses antizipierender Ateliers für die Stipendiaten errichten – und schenkte die Anlage dem Staat. Als „Accademia Tedesca“, als Deutsche Kunstakademie in Rom.

"Hier soll der Künstler bekommen, was die Gesellschaft ihm vorenthält"

Eduard Arnhold (1849 - 1925), der einst die bedeutendste Privatsammlung von Gemälden seines Freundes Max Liebermann und der zu Kaiserzeiten noch verfemten Impressionisten des französischen „Erbfeindes“ besaß, er hat auch die Berliner Museen und Wissenschaftseinrichtungen immer wieder reich bedacht. Wie sonst wohl nur James Simon. Doch an Arnhold erinnert man zwar jedes Jahr in Rom, allein Berlin, die Stadt und die Staatlichen Museen haben bisher fast nichts dafür getan, dass neben Simon auch an das weitere herausragende Beispiel sozialen und kulturellen Engagements aus dem später von den Nazis ausgelöschten jüdischen Großbürgertum gedacht wird.

„Ich habe versucht, in der Villa Massimo in Arnholds Sinne zu handeln“, sagt Joachim Blüher und zitiert den Gründer-Satz: „Hier soll der Künstler bekommen, was er verdient, was die Gesellschaft ihm meistens aber vorenthält.“

Auch beim Berliner Auftritt wird den meist zehn Bildenden Künstlern, Schriftstellern, Komponisten, Musikern, Architekten oder Multimedia–Artisten, die als ausgewählte Stipendiaten zuvor ein knappes Jahr in den Atelierhäusern der Villa Massimo leben und arbeiten durften, nichts vorenthalten. Im Erdgeschoss des Gropius-Baus können sie sich mit ihren Werken, manchmal raumfüllenden Installationen, darstellen, es gibt Konzerte, Lesungen, Filme. Diesmal sind angekündigt ein hochklassiges musikalisches Duo des Bratschisten Nils Mönkemeier mit dem Pianisten William Youn, gefolgt von einem Dialog des Architekten Benedict Esche und des Komponisten Gordon Kampe. Dann Ausstellungen und Lesungen etwa von Bettina Allamoda, Jörg Herold, Christoph Keller und Iris Hanika.

Der Kölner Kunsthändler liebt den geistvollen Luxus

Dies alles nur für gut fünf Stunden, das ist die Besonderheit. Denn der Kunsthistoriker und frühere Kölner Kunsthändler Joachim Blüher liebt den geistvollen ästhetischen Luxus. Selbst von durchaus barocker Statur, möchte er an die alte Idee der Kunst als Fest und Feier auch des „Ephemeren“ erinnern. Jede Inszenierung birgt als Schau, Spiel und Gebärde auch das Momentum des Flüchtigen.

Die Kosten dieser Lustbarkeit hat all die Jahre in generöser Weise der Deutsche Sparkassen- und Giroverband getragen. Auch dies ein Wunder, das sich den Verführungskünsten Joachim Blühers verdankt. Der hatte in Rom und um Rom herum (bis Berlin) schon früh die Zeichen der Zeit erkannt. Und mit ihnen ein jahrzehntelanges Problem der Villa Massimo. Denn Italien und Rom sind inzwischen nicht mehr das selbstverständliche kulturelle Sehnsuchtsland aller „nordischen“ Künstlerinnen und Künstler. Umgekehrt waren die deutschen Stipendiaten in der von Ausländern ohnehin überlaufenen Ewigen Stadt oft selbst ephemer, unbekannt, im Park der Villa isoliert. Rom war zudem ein Museum, kein Platz der Kunstmoderne, anders als Mailand mit seinen Galerien oder Venedig zumindest mit der Biennale.

Carsten Nicolai veranstaltet ein „Electric Campfire“

Blüher aber hat es verstanden, die Stipendiaten mit einer neu gewachsenen jüngeren Szene in Rom zu vernetzen, hat ein glamouröses sommerliches Filmfest in den ehrwürdigen Park geholt, und der Ex-Stipendiat Carsten Nicolai veranstaltet dort ein „Electric Campfire“, bringt DJs aus aller Welt nach Rom, und für Tausende junge Italiener ist die Villa Massimo dann ein place to be. Ähnlich wie für zeitgenössische bildende Künstler aus Italien und Deutschland die kleinen, exquisiten Wechselausstellungen in den Ateliers.

Zur Zeit wird nun wieder das alte Wasserleitungssystem saniert, und der mit 65 Jahren scheidende Direktor ist sich sicher, seiner vermutlich Mitte März zu verkündenden Nachfolgerin „ein perfektes Haus“ als „Visitenkarte Deutschlands auf Weltklasseniveau“ zu übergeben. Die Nachfolge soll zwar erst Mitte März verkündet werden, doch man rechnet mit einer Frau, rund drei Jahrzehnte nach der früheren Massimo-Direktorin Elisabeth Gericke-Wolken, einer Nachfahrin der Stifter-Familie.

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