Volksbühne: die ersten Monate unter Dercon : Maske ohne Seele

Es bleibt das Thema in Berlin: Was wird aus der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz? Intendant Chris Dercon hat bisher nur die Zweifel verstärkt.

Auf der Intensivstation. Szene aus Susanne Kennedys „Women in trouble“ an der Volksbühne.
Auf der Intensivstation. Szene aus Susanne Kennedys „Women in trouble“ an der Volksbühne.Foto: Julian Roeder/Volksbühne

Was für ein Start! Was für eine Enttäuschung! Selbst den schlimmsten Dercon-Gegnern hat es die Sprache verschlagen. Mit so wenig Kunst und Widerstand hatte niemand gerechnet. Es ist gerade so, als wollten sich die Neuen verstecken in diesem riesigen, wunderbaren Theaterhaus. Als brauchten sie noch sehr viel Zeit, sich darin zurechtzufinden, freizuspielen. Zeit, die man in Berlin in der Regel nicht bekommt, wenn es um etwas Großes geht.

Im Anfang einer Geschichte steckt oft schon das Ende. Es war im Frühsommer 2017, als Frank Castorf seine Zeit an der Volksbühne beschloss – mit Triumph und Tränen. So wie 25 Jahre zuvor alles begonnen hatte: Ein Theaterblitzkrieg überrollte anno 1992 eine Stadt, die sowieso nicht wusste, wie ihr gerade geschah. Die Volksbühne wurde in dieser Zeit zum Vorbild und Motor der Vereinigung. Ost und West, Politik und Kunst, Geschichte und Gegenwart verquirlten sich virtuos. Auf diese Anarchie konnte man sich verlassen. Castorf war der Regierende Theatermeister Berlins. Wie Klaus Wowereit hat er es sensationell verstanden, Stallgeruch und Gentrifizierung zu verbinden.

Castorfs Abgang wurde immer wieder hinausgeschoben. Weil sich niemand fand, der ihm nachfolgen wollte. Weil er sich immer wieder gerne bitten ließ. Und weil ihm und seiner streitbaren Theaterfamilie auch niemand nachfolgen konnte. Deshalb musste Chris Dercon her.

Mit der Berufung des erfahrenen und erfolgreichen Museumsmannes war klar, dass es nicht einmal im Ansatz eine Castorf-Kopie an der Volksbühne geben würde. Dercon musste herhalten als Zielscheibe für wütende Proteste, Beleidigungen und wüste Unterstellungen. Mobbing in der Metropole: Das passt zu Berlin und seiner Entwicklung. Vielen Menschen ist das Wachstum unheimlich, macht der Touristenboom Angst und schlechte Laune. Die Dysfunktionalität öffentlicher Einrichtungen, das gefühlte Versagen des Staates schafft Aggressionen.

Berlin kommt nicht mehr klar mit sich selbst

Chris Dercon hat eine symbolisch wichtige Intendanz in einer Stadt übernommen, die nicht mehr klarkommt mit sich selbst. In Berlin gibt es keine Stimmung des Aufbruchs wie einst bei Castorf. Heute bestimmt ein unangenehmer Verteilungskampf die Kulturszene. Misstrauen herrscht. Es fällt unendlich viel schwerer, den internationalen Status zu verteidigen und auszubauen, als sich am Aufstieg zu berauschen. Die Mühen der Hochebene sind nicht allein an der Volksbühne des Chris Dercon spürbar. Dort aber besonders stark.

Als Dercons Name im Zusammenhang mit dem Theater am Rosa-Luxemburg- Platz auftauchte – es war im März 2015 –, gab es sofort allerhand Spekulationen. Die Berliner Festspiele müssten sich warm anziehen, das HAU sei in Gefahr, wenn Dercon kommt. So hieß es damals. So kann man sich irren. Die neue Volksbühne hat die Szene nicht aufgemischt. Das lässt sich schon nach wenigen Monaten sagen. Im Gegenteil: Die anderen Institutionen werden durch die Volksbühne gerade bestärkt und bestätigt. Eine Choreografin wie Mette Ingvardsen hatte ihren Platz im HAU. Auf der großen Volksbühne wirken ihre pornografischen Experimente, des intimeren Rahmens beraubt, nur peinlich.

Den Sprung in die neue Dimension dagegen hat Susanne Kennedy geschafft. Ihre Kreation „Women in trouble“ füllt den Raum und macht ihn zur Intensivstation. Hier werden in aseptischer Atmosphäre alle möglichen Leiden vorgeführt. Kalt ist es in dieser Klinik, auch wenn es nachher feierlich wird wie in der katholischen Messe. Dies ist zugleich die einzige echte Uraufführung bei Dercon – zu wenig für einen Befreiungsschlag.

Kennedys durchkalkulierte Ästhetik eines Lebens im Labor charakterisiert die Dercon-Volksbühne. Sie hat noch keinen Charakter. Sie bleibt ohne Gesicht – wie Kennedys Akteure mit ihren Masken. Wie der Mund, der Samuel Becketts Text spricht, in Walter Asmus’ Inszenierung. Wie die Performer von Tino Sehgal, die in den Foyers der Volksbühne herumwuseln oder die Zuschauer im Parkett blöd ansprechen. Wie die Schauspielerin Anne Tismer, die in die Tiefe des Raums hinein verschwindet. Es ist nicht zu erkennen, wer hier spielt – und was.

Viele Stücke auf dem Spielplan sind in Wahrheit aufgepumpte Wiederaufnahmen

Ein Gefühl der Anonymität breitet sich aus, wo einmal höchste Identifikationsstufe gefunden war mit den Protagonisten der alten Zeit, auch wenn bei Castorf schon lange kein eigentliches Ensemble mehr existierte und mit allen Mitteln getrickst wurde, was Stellen und Auslastungszahlen angeht. Castorf war der gute Schuft, den man lieben musste, ein Tony Soprano. Dercon ist in der Serie um Berlins Theaterseele die Rolle des bösen Kunst-Mafioso bestimmt, wobei er doch bloß ungeschickt, schlecht beraten und auch arrogant auftritt. Dazu gehört, dass es sich bei vielen Stücken auf seinem Spielplan um aufgepumpte Wiederaufnahmen handelt. Das trifft auf Sehgal und Ingvardsen ebenso zu wie auf Boris Charmatz, Apichatpong Weerasethakul („Fever Room“) und Jérôme Bel, dessen Klassiker „The show must go on“ vor Weihnachten in der Volksbühne Premiere hatte.

Weiterentwicklungen und getragene Hüte und dabei nichts, woran man sich festhalten oder abarbeiten könnte. Ist das Konzept? Eine Kunst, die die Leere der Kunst zeigt, die absolute Sinnlosigkeit aller Darstellungsformen, während Castorf am Berliner Ensemble unverdrossen weiter Durchhalteabende von sechs bis acht Stunden durchzieht, Herbert Fritsch an der Schaubühne ein neues Haus hat und Milan Peschel am Deutschen Theater den „Hauptmann von Köpenick“ mit Videoeinlagen gibt, sodass es berlininisch-volksbühniger gar nicht mehr geht?

Ist die Avantgarde heute das Nichts, der Offenbarungseid, während sie historisch doch immer das Alte mit neuen Ideen, Formen, Gedanken vertrieben hat? Es heißt, Dercon bringe bildende Kunst ins Theater. Das ist Unsinn, denn diese Verbindung gehen viele ein, das gehört zum Mainstream. Tatsächlich zeigt Dercon Inszenierungen, die auch anderswo laufen können und gelaufen sind. Doch fehlt die Mitte, um die das alles kreist. Er hat bis jetzt keine greifbare Idee. Der Spielort Tempelhof kann nur ein Extra sein.

Im Augenblick wirkt Dercon wie die Übergangsbeziehung, die nach einer langen Ehe, nach der ewigen Liebe kommt. Es könnte, wenn sich nicht bis zum Sommer etwas Entscheidendes tut, die Affäre dazwischen sein, die zuweilen gebraucht wird, um etwas zu beenden, das man allein nicht beenden kann, weil es so intensiv war und so lange hielt.

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