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Gordillos Bild „Raton – No gravity“ (200 x 225) aus dem Jahr 2021.
© Galerie Carlier Gebauer

Spaniens berühmter Künstler stellt in Berlin aus: Was dahinter liegt

Die Galerie Carlier Gebauer ehrt den 87-jährigen Malerstar Luis Gordillo.

Zu Hause ist er Träger des Nationalpreises, seine Bilder hängen im Museum Reina Sofía in Madrid, und die Malerei von Luis Gordillo hat eine ganze Generation spanischer Künstler beeinflusst. Trotzdem stellt ihn die Galerie Carlier Gebauer erstmals in ihren Räumen vor, vielleicht zum ersten Mal in Berlin überhaupt in einem angemessenen Rahmen.

Woran es liegt, dass der schmale, wache Mittachtziger zwischen absoluter Prominenz und relativer Unbekanntheit schwankt? Dass er in der Vergangenheit zwar groß in Essen, München und zuletzt 2008 mit der Schau „Iceberg Tropical“ im Kunstmuseum Bonn vertreten war, sich hierzulande aber nicht ins Gedächtnis geprägt hat. Es mag mit der Vorstellung zu tun haben, die man sich gemeinhin von moderner spanischer Kunst macht. Karg, erdig, abstrakt: So sah vielfach aus, was ab den 1980er-Jahren in Ausstellungen gezeigt wurde. Mehr Eduardo Chillida oder Antoni Tapiès als Gordillo, dessen Werk einen in der Galerie nun aber völlig einnimmt.

[Galerie Carlier Gebauer, Markgrafenstr. 67; bis 27. August, Di–Sa 11–18 Uhr (bis 20.8. nach Absprache)]

Ein Entkommen ist kaum möglich angesichts der großen, überbordenden Leinwände. Der Künstler scheut weder intensives Pink noch krasse Gegenständlichkeit, er zerlegt sämtliche Perspektiven und schneidet Leinwände entzwei, um die Stücke an anderer Stelle wieder anzufügen. Er malt Spielzeug wie einen Stoffbären, Giraffen oder einen kaputten Elefanten in die berstenden Motive und wirkt im Spiegel seiner Bilder eher wie ein junger Wilder denn eine altersmilde Berühmtheit. Ähnlich sehen es die Galeristen Marie-Blanche Carlier und Ulrich Gebauer, die seit längerem eine Dependance in Madrid betreiben und hier, natürlich, an Gordillo nicht vorbeigekommen sind. „Corazonadas“, so der Titel der aktuellen Berliner Ausstellung, stellt den Auftakt einer Trilogie dar, die die unterschiedlichen Schaffensphasen seiner langen Karriere beleuchten soll. Der zweite Teil ist für die Berlin Art Week Mitte September geplant, ein drittes Kapitel schlägt die Galerie im kommenden Jahr auf. Am Ende wird jedem klar sein, was Gordillo zum Vorbild jüngerer Maleri:innen hat werden lassen. Im Land des Franquismus, der erst 1977 zuende ging – da war der Künstler bereits in den Vierzigern –, bekannte sich die Akademie lange zur traditionellen Malerei. Gordillo wollte jedoch lieber zur Avantgarde gehören und schon gar nicht auf andere Zeiten warten: Nach einem Intermezzo an der Kunsthochschule von Sevilla ging er nach Paris, experimentierte dort mit dem allgegenwärtigen Informel, entschied sich aber bald zur Aufgabe der abstrakten Malerei. Die Pop-Art zog in sein Werk und ist bis heute ein wichtiger Impuls. Auch wenn zwischen den klar figurativen sechziger Jahren des Künstlers und seinen jüngsten, Gegenständlichkeit und Abstraktion mischenden Gemälden ein paar Dekaden liegen.

Dazwischen hat Gordillo alle Möglichkeiten auf der Leinwand erprobt. Den Begriff „Mixed Media“ nimmt er wörtlich, arbeitet Fotografien und Versatzstücke populärer Comics mit ein, verfremdet die Motive und schneidet anschließend Löcher in das Gewebe, unter dem noch andere Strukturen sichtbar werden. Malend habe er das „Gefühl zu perforieren, Löcher zu machen“, verriet der Künstler vor längerem in einem Interview. Dieser Zustand sucht nach einem realen Äquivalent und mündet in den Schnitten durch die Leinwand: „Ich frage mich, was sich dahinter verbirgt.”¹ Gordillos Interesse an den inneren Zusammenhängen ist eine treibende Kraft. Auch der Beschäftigung mit der Psychoanalyse, in die er sich aus Interesse selbst begeben hat. Wenn man ihn fragt, ob das vielschichtige Chaos an den Wänden mit dem Durcheinander in den Köpfen der Menschen und vielleicht sogar mit seinem eigenen labyrinthischen Bewusstsein zu tun hat, kommt ein feines Lächeln zurück. Allerdings fällt auf, wie häufig Gordillo in den Bildern Formen variiert, die an Augen, Nasen und Münder erinnern oder mit denen man wie im Großformat „Cerebro de Perfil“ von 2007 Gehirne assoziiert. Körperorgane, die permanent mit der sinnlichen Wahrnehmung und Verarbeitung paralleler Eindrücke beschäftigt sind.

Was für eine Energie für sein Alter!

Unsere Wahrnehmung gleicht einer riesigen Collage. Weshalb also sollte Luis Gordillo die Welt in seinen Bildern brav ordnen. Wo sich alles neben- und übereinander legt, ungekannte Dynamiken entwickelt und sich nicht einmal an die Hierarchisierung durch den Künstler hält – obwohl er der Schöpfer jener Werke ist. Dennoch macht Gordillo Vorschläge, wie sich die Komplexität des Gesichteten erfassen und lesbar machen lässt. Hier entpuppt sich der Künstler als ein Hexenmeister, der im vertrackten, verschachtelten Allover am Ende die Fäden zusammenhält. Er konstruiert, schichtet, baut um nach einer eigenen Agenda – und plötzlich kommt Struktur in dieses ästhetische Gewirr.

Genau wie diese unfassbare Energie, die Luis Gordillo trotz seines Alters immer wieder einzubringen vermag. Als malender wie philosophierender Künstler, den gleich zwei Dokumentationen in der Video-Lounge der Galerie vorstellen. Beide Male wird er von einer Kuratorin wie auch dem Künstler Secundino Hernández viel gefragt – und immer lässt er sich Zeit zum Überlegen, weicht jeder Kategoriesierung aus und besticht mit seinen präzisen Antworten (Die Werke in der Ausstellung kosten zwischen 100 000 und 130 000 Euro, die kleineren Zeichnungen liegen bei 6500 Euro).

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