• „Was unsere Welt zusammenhält“: Ein beeindruckender Grundkurs in Geopolitik für Kinder

„Was unsere Welt zusammenhält“ : Ein beeindruckender Grundkurs in Geopolitik für Kinder

Von China zur USA: BBC-Journalist Tim Marshall erklärt auf einfache Weise, wie Geschichte und Geografie die Politik von Staaten prägen.

Geschichte der Abschottung. Chinas Sicherheitsbedürfnis wird anhand der Großen Mauer erläutert.
Geschichte der Abschottung. Chinas Sicherheitsbedürfnis wird anhand der Großen Mauer erläutert.Foto: Wang Guangshan/dpa

Warum geht es Europa weltweit gesehen relativ gut und Afrika nicht? Warum rüsten die Chinesen ihre Flotte auf und warum schaut Russland so besorgt gen Westen?

Die Antworten auf diese Fragen findet der britische Journalist Tim Marshall in seinem beeindruckenden, von Grace Easton und Jessica Smith üppig illustrierten Bilderbuch „Was unsere Welt zusammenhält. Die Macht der Geografie für Kinder“. Es ist die komprimierte Fassung seines für Erwachsene geschriebenen Bestsellers „Die Macht der Geografie. Wie sich Weltpolitik anhand von zehn Karten erklären lässt“, der 2015 herauskam.

Auf 80 großformatigen Seiten nimmt uns Marshall mit zu einem Grundkurs in Geopolitik. Dabei untersucht er ganze Kontinente, aber auch Regionen wie den Nahen Osten, Indien und Pakistan oder Japan und Korea. Marshall kennt viele Konflikte aus eigener Anschauung, als BBC-Korrespondent hat er aus dreißig Ländern berichtet und betreibt heute den Außenpolitik-Blog „Foreign Matters“.

Bei jedem Kapitel, jedem Land, jeder Region geht er nach dem gleichen Muster vor. So gibt er anhand einer großen Karte knappe Informationen zur Geografie Russlands, zu geschichtlichen Ereignissen, klimatischen Besonderheiten.

Viele russische Städte liegen an den Ufern der Wolga, und der Ural bietet eine natürliche Barriere. So etwas fehlte im Westen, denn die nordeuropäische Tiefebene sieht aus wie ein Tortenstück, dessen Spitze in Polen liegt. Deshalb war die Kontrolle dieser Region für die Russen immer wichtig.

Warum China sich abschottet

Der Exkurs in die russische Geschichte zeigt, dass die Expansion auch dem Anspruch folgte, den Machtbereich bis an natürliche Grenzen auszudehnen, die leichter zu sichern sind. Marshall thematisiert die im Winter zugefrorenen Häfen und den Wunsch nach einem eisfreien Hafen im Süden, eine Ursache für den Konflikt um die Krim. Öl und Gas sind Russlands Schätze, die Macht und Einfluss sichern. Doch nach Westen ist die Grenze ungeschützt, und die meisten Häfen frieren im Winter zu – das demonstriert die Macht der Geografie.

Auch Chinas Geschichte begann in einer Tiefebene. Dort, wo die Geografie keinen Schutz bot, fing man vor 2500 Jahren an, die Große Mauer zu bauen. Gleichzeitig entstand der fast 1800 Kilometer lange Kaiserkanal, um den Gelben Fluss und den Jangstekiang zu verbinden. Wasserwege sind Handelswege. Chinas Besetzung Tibets erklärt Marshall damit, dass China dadurch im Himalaja eine schwer zu überwindende Grenze zu Indien bekam, die Schutz verspricht.

Im Lauf der Geschichte wurde China oft von außen angegriffen, teilweise besetzt oder kolonisiert. Solche Bedrohungen, so Marshall, wolle die Staatsführung in Peking nun verhindern. Daher baue sie die Flotte aus, um die letzte offene Flanke, die Küsten, zu schützen und die Seewege vor China zu kontrollieren.

Buch macht neugierig

Viel besser haben es in Marshalls Augen die USA, die durch natürliche Grenzen geschützt sind. Das gigantische Flusssystem des Mississippi erleichterte aber auch den Sklavenhandel für die Baumwollplantagen im Süden. Marshall sieht die USA als das Land, das am meisten von seiner geografischen Lage profitierte. Sie festigte seine Position als Supermacht.

Afrika hingegen schildert er als einen Kontinent, der von der Geografie benachteiligt ist und es deshalb schwer hatte, sich zu entwickeln. Hinzu kommen die Folgen der Kolonialisierung. Mit der weitgehenden Kontrolle der Bodenschätze könne Afrika jetzt durch neue Technologien und Infrastrukturausbau die geografischen Nachteile überwinden.

Marshall macht mit seinem Buch neugierig und gibt der in der Schule marginalisierten Erdkunde mehr Gewicht. Sein Buch erklärt, wie wirkmächtig geografische Gegebenheiten in der Politik sein können.

Tim Marshall:  Was unsere Welt zusammenhält. Die Macht der Geografie für Kinder. Aus dem Englischen von Birgit Brandau. dtv, München 2019. 80 Seiten, 18,95€. Ab zehn Jahren.

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