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Henry Moores „Liegende“ vor der Akademie der Künste ist auch Gegenstück zu den pathetisch gereckten Männerfiguren der NS-Bildhauer.
©  Thilo Rückeis

Kunst vorm Bau (1): Wie man sich bettet

In unserer Sommerserie stellen wir Skulpturen im öffentlichen Raum vor. Zum Auftakt: Henry Moores Skulptur „Liegende“ vor der Akademie der Künste im Hansaviertel.

Von Nicola Kuhn

Wer in Berlin an Kunst im Stadtraum denkt oder „Kunst vorm Bau“, wie wir unsere Sommerserie in Anspielung auf den festen Terminus „Kunst am Bau“ genannt haben, dem kommen sogleich die dicken Dinger in den Sinn: Bernar Venets monumentaler Bogen gegenüber der Urania, Eduardo Chillidas stählerne Windkämme vor dem Bundeskanzleramt, der „Wasserklops“ von Joachim Schmettau am Breitscheidplatz oder Henry Moores Skulptur „Butterfly“, die vor dem Haus der Kulturen zumindest mit den Füßen ebenfalls im Wasser steht.

Doch Kunst im öffentlichen Raum, das umfasst sehr viel mehr. Das sind auch jene Skulpturen, die im Zusammenhang mit Neubauten entstanden sind und nicht erst später davor platziert wurden oder zentrale Plätze in der City zieren. Berlin erlebte eine Boomzeit dieser klassischen Kunst am Bau in den Neunzigern, als die Bundesregierung in die neue Hauptstadt zog und mit ihren Ministerien alles richtig machen wollte entsprechend der Maßgabe, dass ein bestimmter Prozentsatz der Bausumme für Kunst auszugeben sei. Reichstag, Bundespräsidialamt, die Abgeordnetenbauten – sie alle erhielten Kunstwerke, die sich in einem mal harmonischen, mal streitbaren Verhältnis zum Gebäude und seiner Funktion befinden.

Kunst im öffentlichen Raum soll ein Denkzeichen sein, so versteht es die Berliner Senatsverwaltung für Kultur, die in den letzten Jahren vornehmlich der Gedenkkultur den Vorrang gab und sogenannte drop sculptures vermied, die wie abgestellt herumstehen wie etwa Claes Oldenburgs „Houseball“ nahe der Friedrichstraße oder Keith Harings „Boxer“ beim Potsdamer Platz. Die öffentliche Hand bevorzugte stattdessen Monumente, die der Verfolgten durch die Nationalsozialisten gedenken wie Micha Ullmans „Bibliothek“ auf dem Bebelplatz zur Erinnerung an die Bücherverbrennung oder das Denkmal für den Hitler-Attentäter Georg Elser in der Wilhelmstraße.

Der Trend geht zum temporären Kunstwerk

Gerade zeichnet sich eine neue Entwicklung ab, der Trend geht zum temporären Kunstwerk, das wieder verschwindet, wie es München in diesem Sommer (bis 27. 7.) mit Performances im Rahmen des „Public Art Program“ praktiziert. Auch Berlin hat damit Erfahrung gemacht, bei der „Kunst im Untergrund“, die es alle zwei Jahre gibt, diesmal im U-Bahnhof Alexanderplatz (ab 27. 09.). Nun soll es überirdisch weitergehen, Start: September 2019. Als Pilotprojekt hat sich dafür der Beratungsausschuss Kunst den Hansaplatz ausgesucht. Am 12. und 26. Juli finden dort erste öffentliche Foren mit den Anwohnern statt, anschließend soll ein Wettbewerb ausgeschrieben werden.

Gut möglich, dass sich dabei der Blick auch auf eine Skulptur richtet, die seit über fünfzig Jahren unweit vom Hansaplatz ihren Stammplatz hat und zum festen Bestandteil des Areals geworden ist, ja zur Geschichte der Akademie der Künste gehört, vor der sie steht. Henry Moores „Liegende“ mit ihren geschwungenen Formen, der grünen Patina ist der Gegenpol zu den horizontalen Linien der „klaren Kiste“, wie Architekt Werner Düttmann sein Gebäude selbst einmal genannt hat.

Düttmann war es auch, der sich 1961 zusammen mit Hans Scharoun, dem damaligen Präsidenten der West-Berliner Akademie, für den Verbleib der Skulptur vor dem Gebäude stark gemacht hatte. „Reclining“, so der englische Titel der 1956 entstandenen Skulptur, war im Rahmen einer großen Moore-Ausstellung ursprünglich nur als Leihgabe an diesen Platz gekommen. Weil sich in ihr der modernistische Anspruch des Gesamtensembles nochmals spiegelt, stellte Düttmann für den Ankauf der Skulptur den verbliebenen Rest aus jener Summe zur Verfügung, den der amerikanische Industrielle und gebürtige Berliner Henry H. Reinhold für die Errichtung der Akademie gestiftet hatte, 38 000 Mark insgesamt. Die restlichen 42 000 Euro für den Ankauf gab die Lottostiftung.

Am Ende blieb die "Liegende", wo sie war

Henry Moores „Liegende“ vor der Akademie der Künste ist auch Gegenstück zu den pathetisch gereckten Männerfiguren der NS-Bildhauer.
Henry Moores „Liegende“ vor der Akademie der Künste ist auch Gegenstück zu den pathetisch gereckten Männerfiguren der NS-Bildhauer.
©  Thilo Rückeis

Die Sektion Bildende Kunst war darüber allerdings zunächst nicht sehr erfreut. Stattdessen hätte es die Gruppe um den Bildhauer Gerhard Marcks lieber gesehen, dass Plastiken wechselnder Künstler auf dem Postament platziert würden, am liebsten von einem deutschen Akademiemitglied. Für eine Publikation zur Präsentation bildender Kunst in der Akademie und auf der Internationalen Bauausstellung hat Angela Lammert, Leiterin interdisziplinärer Sonderprojekte an der Akademie, noch einmal die damaligen Sitzungsprotokolle hervorgeholt. Darin ist gleichwohl auch die Beschwerde der Abteilung Bildende Kunst festgehalten, dass man sich nach der Eröffnung der Ausstellung, „nicht geschlossen mit Moore bekannt machen konnte“.

Am Ende blieb die „Liegende“, wo sie war, und der britische Bildhauer wurde als Mitglied aufgenommen. Mit dem Ankauf seiner Skulptur folgte die Akademie einem internationalen Trend. Moores zwischen Abstraktion und Figuration changierende Kunst erfreute sich vor allem in der jungen Bundesrepublik großer Beliebtheit, stellten doch seine weiblichen Liegenden ein dezidiertes Gegenbild zu den aufgerichteten männlichen Heroen dar, die während des Nationalsozialismus Konjunktur hatten.

Spätere Analysen attestierten den Deutschen mit dieser Wahl Verdrängung der Geschichte durch Archetypen. Bei der „Liegenden“ vor dem Akademie-Gebäude lässt sich dies jedoch kaum bestätigen. Durch die fehlenden Hände und Füße, den einem Totenkopf ähnelnden Schädel wirkt sie versehrt. Keine zwei Jahrzehnte nach ’45 dürften die Zeitgenossen in diesen Merkmalen noch die Verletzungen, das Trauma des Krieges gesehen haben.

Heute wird die Skulptur rundum geliebt, an Versetzung oder Austausch denkt keiner mehr. Die breite Akzeptanz lässt sich an den Abnutzungsspuren in der schmalen Taille der Liegenden, an ihrer glänzenden Schädeldecke ablesen, über die Hunderte Hände gestrichen haben. Kommt einer Kindergartengruppe auf dem Weg zum Spielplatz im Tiergarten vorbei, so wird die Figur ohne Scheu von den Steppkes beklettert. Vor drei Jahren kettete der Berliner Künstler Fritz Balthaus im Rahmen seiner Ausstellung „Hausordnung“ ein Fahrrad mittels Ringschloss an die Skulptur.

Die "Liegende" besaß einmal agitatorisches Potential

In Anspielung auf den Namen des Briten nannte er seine Installation „More“ – als Verweis darauf, dass seine Übergriffigkeit einen Mehrwert für beide Seiten darstellt: den Klassiker und den Zeitgenossen. Der gleichen Methode, allerdings für eine politische Manifestation, bedient sich auch die Argentinierin Florencia Sgandurra an diesem schönen Sommertag, indem sie ein grünes Tuch um den Hals der Liegenden bindet und sie für eine Fotoserie aufnimmt. In ihrem Heimatland wird das gleiche Tuch von Demonstrantinnen getragen, wenn sie für das Recht auf Abtreibung auf die Straße gehen. Für das Foto ist Moores „Liegende“ eine von ihnen.

Einen Moment blitzt etwas vom agitatorischen Potenzial auf, das Moores „Liegende“ einmal besaß. Damals bekämpften sich die Vertreter von Abstraktion und Figuration. Die Abstraktion stand für den freien Westen, befeuert von den US-Malern, die Gegenständlichkeit für den Osten, mithin den sozialistischen Realismus. In Moore versöhnten sich beide Richtungen. Seine Schau im brutalistischen Akademie-Gebäude, das anknüpfend an die klassische Moderne die Utopien der Nachkriegszeit verkörpert, fand während des Mauerbaus statt, wurde zum großen Erfolg. Ein Drittel der Besucher kam aus dem Osten.

Der dauerhafte Verbleib seiner Skulptur vor der Akademie machte Moore bundesweit zu einem der begehrtesten Bildhauer für Kunst im öffentlichen Raum. Als die Nationalgalerie sieben Jahre später eröffnete, bekam sie für ihre Außenterrasse einen eigenen Moore, den „Bogenschützen“. Die vor dem Bonner Bundeskanzleramt aufgestellten „Two Large Forms“ – wie alle Großskulpturen des Briten in der Berliner Bronzegießerei Noack hergestellt – sollten bis zum Umzug der Regierung in die neue Hauptstadt das meistfotografierte Kunstwerk der Bundesrepublik werden. Kurz vor seinem Tod 1986 schuf der Brite mit „Butterfly“ ein letztes Werk für Berlin. Platziert vor dem Haus der Kulturen, einem wie die Akademie der Künste mit US-Geldern finanzierter Bau, der für den freien Westens stehen soll, ist die Skulptur doch vor allem ein Statement künstlerischer Freiheit. So gewichtig die Skulptur auch ist, scheint sie sich doch wie ein Schmetterling in die Lüfte erheben zu können.

Die „Liegende“ im Hansaviertel strahlt dagegen Erdenschwere, ja Trauer trotz der sommerlichen Heiterkeit auf dem Platz vor der Akademie. Moores Skulptur ist ein Stück Zeitgeschichte für Berlin und die Akademie der Künste.

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