"Reconquista Internet" : Jan Böhmermanns Liebestrolle und ihr Kampf gegen Hass

Jan Böhmermanns Projekt „Reconquista Internet“ kämpft gegen Hass im Netz. Manche Aktion der Gruppe ist trotzdem umstritten.

You never walk alone, Mesut Özil. Aktivisten von „Reconquista Internet“ haben ihre Unterstützung für den umstrittenen Fußballer aufs Brandenburger Tor projiziert.
You never walk alone, Mesut Özil. Aktivisten von „Reconquista Internet“ haben ihre Unterstützung für den umstrittenen Fußballer...Foto: promo

Jan Böhmermann und sein „Neo Magazin Royale“ bei ZDFneo machen Sommerpause, doch seine Liebestrolle kämpfen im Netz weiter. Ende April rief der Komiker – als selbst ernannter „Oberbefehlshaber Jan Jungfernsehmoderator“ mit Sturmmaske und Stahlhelm verkleidet – in der Sendung dazu auf, seiner neuen Aktion „Reconquista Internet“ beizutreten. Das Netzprojekt will mit „Liebe und Vernunft“ gegen Hasskommentare, Hetze und rechte Trolle kämpfen. Aus der Aktion, die Böhmermann im Beitrag als „satirisches Internetprojekt ohne Bezug zur Wirklichkeit“ deklarierte, wurde binnen wenigen Wochen eine Netzbewegung.

Vor allem auf Twitter und Facebook posten die Aktivisten bei „Flauschangriffen“ bunte Herzchen, lustige Bilder und Liebesbotschaften oder widersprechen ausfallenden Bemerkungen und rechten Thesen; erkennbar an Hashtags wie #ReconquistaInternet und #LiebeStattHass. Sie rufen außerdem zu Guerillaaktionen auf, bei denen sie mit gemeinsamen Hashtags zu aktuellen Themen posten. Bei ihrer jüngsten Aktion projizierten die Aktivisten nachts das Bild von Mesut Özil auf das Brandenburger Tor, den Bundestag und das Axel-Springer-Hochhaus in Berlin-Mitte, um ihre Solidarität mit dem Ex-Nationalspieler zu bekunden.

Selbst wer Dummes tue, wie sich in „zwielichtiger Gesellschaft fotografieren zu lassen“ oder sein Heimatland um Steuern zu betrügen, verwirke nicht sein Recht, „ein vollwertiges Mitglied unserer offenen und freien Gemeinschaft zu sein“, erklärte die Gruppe. Unter anderem wegen Özils Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan und wegen des verbreiteten Hashtags #Ausgegrindelt wurde in sozialen Netzwerken aber auch Kritik an der Aktion laut, da der Hashtag ausgrenze, statt zu versammeln.

Auf ihrer Webseite erläutern die Aktivisten ihr Selbstverständnis: „Wir verstehen uns als aktive, unabhängige und digitale Bürgerrechtsbewegung mit der Verpflichtung, die Menschenwürde eines jeden zu achten und zu schützen.“ Dafür haben sie sich einen Kodex aus zehn Punkten gegeben, der festhält, dass sie keinen „Krieg“ führen wollen, sondern das Gespräch suchen: „Dabei bleiben wir stets sachlich und halten uns an Fakten und seriöse Quellen.“ Grundlage des Projekts: das Grundgesetz. Ziel sei, den digitalen Diskurs positiver zu gestalten, nicht irgendjemanden zu „trollen“, erklären die Aktivisten zudem auf Facebook. Dafür wolle man den Kodex beherzigen – auch wenn das nicht immer klappt.

Gegenbewegung zu "Reconquista Germanica"

Nach dem Vorbild des rechten Onlinenetzwerks „Reconquista Germanica“, das Böhmermann als Anlass für die Gründung der Gegenbewegung nahm, organisieren sich die Aktivisten auf der Plattform Discord. Wer mitmachen will, muss sich mit einem Foto von sich, seinem Discord-Namen und seiner Discord-Nutzer-ID verifizieren. Knapp 62 000 Mitglieder hat die Gruppe dort, davon nach ihren Angaben 13 000 verifizierte. Wie viele Nutzer bei den Kampagnen mitmachen und wie viele Nicht-Mitglieder sich anschließen, ist unklar. Zustimmung erhielt die Aktion im Netz von anderen Anti-Hass-Projekten wie „No Hate Speech“ und „Hooligans gegen Satzbau“. Die Facebook-Aktivisten von „Ichbinhier“ denken sogar über eine Zusammenarbeit nach. Einige Mitglieder engagieren sich bereits in beiden Gruppen.

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Dass „Reconquista Internet“ so schnell wuchs, ist vor allem Jan Böhmermanns Popularität zu verdanken. Auf Twitter folgen ihm 2,02 Millionen Nutzer. „Reconquista Internet“ hat dagegen über 14 000 Follower. Böhmermanns Bekanntheit kann viel bewirken, wie sein letzter Streich zeigte: Online sammelte er im Juli knapp 200 000 Euro für die Besatzung des Flüchtlingsbootes „Lifeline“.

Allerdings sind manche Methoden der Gruppe umstritten: Ärger gab es wegen ihrer Blocklisten, auf denen Twitter-Accounts stehen, die bei „Reconquista Germanica“-Aktionen mitgemacht oder Verbindungen zum rechten Spektrum haben sollen. Anhand der Listen können die Mitglieder die betroffenen Accounts gezielt „mit Liebe überschütten“, wie die Gruppe es nennt, oder sie schlicht blockieren, um ihre Tweets nicht mehr zu sehen.

Der Medienjournalist Stefan Niggemeier kritisierte, auf den Listen stünden unter anderem offizielle AfD-Accounts und Personen wie Frauke Petry, Erika Steinbach und Roland Tichy: „Die Aussagen, die sie verbreiten, mögen teils legitime rechtskonservative Positionen sein, teils irreführende, fremdenfeindliche oder verschwörungstheoretische Behauptungen. Sie sind sicher irgendwie ,rechts‘, aber viele von ihnen zeigen kein Verhalten, das man als ,trollen‘ bezeichnen würde“, schrieb Niggemeier in seinem Blog „Übermedien“. Problematisch seien zudem die unklaren Kriterien, nach denen die Listen algorithmisch erstellt wurden.

Journalistenfragen werden ignoriert

Gruppenmitglieder halten dagegen, sie würden ebenfalls von AfD-Accounts geblockt. Die Produktionsfirma des „Neo Magazin Royale“, die im Impressum der „Reconquista“-Seite steht, äußert sich auf Journalisten-Anfragen nicht. Wie ein Gruppenmitglied berichtet, wurde inzwischen eine weitere Blockliste mit Twitter-Accounts erstellt, die die Macher als rechte Trolle identifiziert haben.

Wegen der Listen steht auch das ZDF in der Kritik. Intendant Thomas Bellut erklärte nach zahlreichen Programmbeschwerden, man könne bei der „Neo Magazin Royale“-Ausgabe vom 26. April keine Verletzungen der Programmgrundsätze feststellen. „Veröffentlichungen auf privaten Twitter-Accounts wie von Herrn Böhmermann liegen nicht in der redaktionellen Verantwortung des Senders.“ Weder das ZDF noch ZDFneo hätten die umstrittenen Listen veröffentlicht.

Die AfD-Bundestagsfraktion fragte indes die Bundesregierung, wie die Vertreter des Bundes im ZDF-Fernsehrat zur Böhmermann-Aktion stünden. Die antwortete, die Mitglieder des ZDF-Fernsehrates seien weisungsunabhängig, daher habe die Bundesregierung keine Kenntnis darüber, ob und wie sich die Vertreter des Bundes dazu positionierten. Abzuwarten bleibt, wie es mit „Reconquista Internet“ ab 30. August weitergeht – dann kommt Jan Böhmermann mit seinem „Neo Magazin Royale“ aus der Sommerpause zurück. Schwer vorstellbar ist, dass das Projekt als reiner Pausenfüller diente.

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